Neue EU-Regelung Kindersitze: Kleinkinder fahren in Zukunft rückwärts


Osnabrück. Entgegen der Fahrtrichtung und mit Seitenaufprallschutz: Für Kinder bis zu 15 Monate soll die Autofahrt in Zukunft sicherer werden. Allerdings haben Eltern noch viel Zeit, ehe sie in neue Kindersitze investieren müssen.

Von Halswirbelverletzungen bis hin zu einem Genickbruch: Kleine Kinder, die mit einem nach vorne gerichteten Kindersitz im Auto mitfahren, können bei Aufprallunfällen schwerste Verletzungen davon tragen. Aus diesem Grund sind schon jetzt alle in Deutschland zugelassenen Babyschalen rückwärts gerichtet konstruiert.

In Zukunft werden nun auch für Kleinkinder bis zu 15 Monate nur noch Kindersitze erlaubt sein, die eine rückwärtsgerichtete Fahrt gewährleisten. Dies besagt jedenfalls eine schon im Juli in Kraft getretene neue EU-Regelung.

Von Seiten des ADAC begrüßt man diesen neuen Standard: „Gerade bei kleinen Kindern ist der Kopf zum Körper noch unverhältnismäßig groß. Da können die ungeheuren Kräfte, die bei einem Unfall entstehen, fatal sein“, erklärt Bettina Hierath vom ADAC auf Anfrage von noz.de.

Rückwärts ist sicherer

Aktuell noch gültige Sitze bieten sowohl die Ausrichtung nach vorne und - so wie beispielsweise das sogenannte Reboard-System - eine Ausrichtung nach hinten an. Letztere sind oftmals teurer und haben in Deutschland nur einen sehr geringen Marktanteil, obwohl Sicherheitsexperten sich seit längeren für ihren Einsatz aussprechen. Einige Experten geht die neue Regelung sogar nicht weit genug: Sie fordern, dass alle Kinder bis zu ihrem dritten Lebensjahr rückwärtsgerichtet mitfahren sollen.

Hier geht es zu einem Video, das Kinder-Crashtest-Dummys in den zwei Ausrichtungen zeigt

Der ADAC empfiehlt beide Arten, wenn sie zugelassen und geprüft wurden. „Reboard-Kindersitze sind oftmals schwerer einzubauen“, wirft jedoch Hierath ein. Sie plädiert dafür, dass Eltern in erster Linie einen geprüften Sitz kaufen, mit dem „sie sich auskennen. Dafür lohnt es, sich ausführlich im Fachhandel beraten zu lassen und die Sitze auszuprobieren, denn nicht jedes Kind passt in jedes Modell“.

Was ändert sich noch?

Ebenfalls erfreut ist man von Seiten des ADAC, dass Kindersitze in Zukunft auch einen Seitenaufpralltest bestehen müssen, bevor sie auf dem Markt verkauft werden dürfen. „Wir fordern schon seit Jahren, dass ein Seiten-Crash in die Beurteilung für die Zulassung von Kindersitzen mit einfließen muss.“

Zudem wird nach der neuen Verordnung die Größe des Kindes als Referenz genommen, um die Wahl des Sitzes zu vereinfachen. Die alte Regelung sieht hingegen vor, dass Kinder in einen vorwärtsgerichteten Sitz wechseln, wenn sie neun Kilogramm erreicht haben.

Ab wann gilt die Regelung?

„Eltern sollten den Markt beobachten und wissen, dass es eine neue Regelung gibt“, rät Hierath. Wann die neue Verordnung bindend sein wird, ist jedoch noch unklar, denn die alte Zulassung, ECE-R 44, ist ebenfalls noch gültig. Das bedeutet, dass Eltern weiterhin die alten Kindersitze benutzen dürfen. Die Gründe dafür sind profan: Zum einen muss die Deutsche Straßenverkehrsordnung bezüglich der neuen ECE-Richtlinie angepasst werden. Außerdem gibt es derzeit noch keine Autos, in die die neuen Sitze eingebaut werden dürfen, da es auch hier einer Zulassung bedarf.

„Das ist ganz normal“, sagt Hierath. „Jede neue EU-Regelung muss erst in das deutsche Recht umgewandelt werden.“ Genauso müssen auch die für Autohersteller bindenden Zulassungskriterien geändert werden, wenn es Neuerungen gibt. Erst dann werden Fahrzeuge produziert, die mit den neuen Sitzen ausgestattet werden können. „Rückwärtsgerichtete Kindersitze mit Seitenaufprallschutz sind breiter als die aktuellen Modelle.“


Die neue Regelung ECE-R 129 ist rückwirkend zum 9. Juli in Kraft getreten. ECE steht dabei für den Namen der Wirtschaftskommission für Europa („Economic Commission for Europe“) bei den Vereinten Nationen. Die Verordnung ist auch unter dem Namen „i-Size“ bekannt. Die alte Regelung, ECE-R 44, ist jedoch ebenfalls noch gültig. Die Übergangsphase kann mehrere Jahre dauern.

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