Wer den Schaden hat… Schadenfreude entsteht aus Drang nach Selbstbewertung

Ab einem gewissen Alter empfinden auch Kinder Schadenfreude. Foto: ImagoAb einem gewissen Alter empfinden auch Kinder Schadenfreude. Foto: Imago

Osnabrück. Supermodels, die auf dem Laufsteg straucheln, betrunkene Stars, die beim Verlassen der Disco über ihre eigenen Füße fallen, oder Fußballer, die peinliche Eigentore schießen. Sie alle lösen in vielen von uns ein ganz bestimmtes Gefühl aus: Schadenfreude. Aber warum eigentlich?

Schon der Philosoph Arthur Schopenhauer war der Ansicht, die Schadenfreude sei „der schlechteste Zug in der menschlichen Natur, da sie der Grausamkeit enge verwandt ist“. Und sie steckt in jedem von uns: Das zeigt sich unter anderem darin, dass Pannenshows im Fernsehen seit Jahrzehnten beliebt sind und die YouTube-Clips, in denen Menschen Missgeschicke passieren, am meisten geklickt werden.

„Es gehört zur Natur des Menschen, sich permanent zu vergleichen“, erklärt Jens Lange, Sozialpsychologe an der Universität Köln . Der Vergleich helfe ihm, sich selbst und seine Leistungen zu bewerten und Unsicherheiten abzubauen. Der immerwährende Vergleich mit unseren Mitmenschen hat Vor- und Nachteile. Falle der Vergleich für uns selbst positiv aus, so Lange, stärke das unser Selbstbewusstsein. Falle der Vergleich dagegen negativ aus, führe das zu einem niedrigeren Selbstwert und mitunter zu Neid.

Da der Vergleich mit den Mitmenschen automatisch ablaufen würde, sei auch jeder Mensch hin und wieder neidisch. Das Empfinden sei nur bei jedem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt. Neid könne zudem nur bei Dingen empfunden werden, die uns selbst wichtig sind. Wer gerne reist, wird eher auf spannende Urlaube von Bekannten neidisch sein, als auf ihre neue Wohnungseinrichtung. Zudem gebe es zwei unterschiedliche Arten von Neid, meint Psychologe Lange. Gutartigen und bösartigen Neid. Wir beneiden etwa den befreundeten Kollegen um seine Beförderung, gleichzeitig motiviert sie uns zu mehr Leistung. Oder aber wir empfinden den Vorteil des anderen als ungerecht und missgönnen ihn. Diese Art von bösartigem Neid kann Schadenfreude vorhersagen.

„Wir sind typischerweise auf Menschen neidisch, die uns ähnlich sind. Ein Sänger beneidet also eher einen anderen Sänger als einen Fußballspieler. Verstärkt wird die Empfindung dadurch, dass die Person einen Vorteil erhält, den wir selbst gern hätten, oder den sie aus unserer Sicht nicht verdient hat. Passiert dieser Person dann ein Missgeschick, sind wir besonders schadenfroh“, erklärt der Psychologe. Das könne zum Beispiel der Nachbar sein, der ein schönes neues Auto hat, während man selbst mit einer Rostlaube herumfährt. Dieser sogenannte Aufwärtsvergleich sei frustrierend. Verliere der Nachbar nun seinen Führerschein, weil er mit seinem neuen Wagen zu schnell gefahren ist, löse das Schadenfreude aus. Der Nachbar hat seinen Vorteil (zumindest vorübergehend) verloren, und das erhöhe wiederum unseren Selbstwert.

„Neid kann zwar der Schadenfreude vorausgehen, muss es aber nicht“, meint Lange. Schließlich empfänden wir auch Schadenfreude, wenn wir uns Sendungen wie „Versteckte Kamera“ oder Castingshows ansehen, ohne die Teilnehmer vorher um etwas zu beneiden. Die Schadenfreude resultiere daraus, dass der Zuschauer das Leid des anderen als verdient ansehe. „Wenn jemand etwa bei einer Castingshow auftritt und versagt, finden wir das wahrscheinlich lustig, weil diese Person freiwillig teilnimmt und denkt, sie könnte etwas, dann aber versagt“, erklärt Lange. Bei Pannenshows sei die Situation ähnlich. Die Protagonisten der Homevideos versuchten absichtlich etwas Riskantes, weil sie dabei aber kläglich scheiterten, sei das lustig. Das Missgeschick der anderen erlaube dem Zuschauer einen Abwärtsvergleich, das wiederum könne sein Selbstwertgefühl erhöhen. Lange schränkt allerdings ein, dass Pannenshows im Fernsehen oder Internet auch lustig sein könnten, ohne dass der Zuschauer wirklich Schadenfreude empfinde. Die Übergänge seien an dieser Stelle fließend.

Auch eine persönliche Abneigung kann die Empfindung von Schadenfreude begünstigen, wie Psychologen der Universitäten Haifa und Los Angeles bereits 2002 berichteten. Als Dieter Bohlen bei einem Überfall vor sieben Jahren 60000 Euro aus seiner Villa gestohlen wurden, fanden viele, er hätte das verdient. Schließlich bleibt bis heute auch kein Castingkandidat von seiner Häme verschont.

Die Abneigung kann sogar so weit gehen, dass der Tod eines Menschen Schadenfreude auslöst. Wie zum Beispiel am 2. Mai 2011, als eine US-amerikanische Spezialeinheit den Terroristen Osama Bin Laden tötete . Die Nachricht löste eine Spontan-Party in New York aus – sein Tod wurde von vielen als verdient empfunden.


Der Begriff „Schadenfreude“ wird in der psychologischen Forschung international für das Gefühl benutzt, sich am Leid anderer zu erfreuen. In englischer Sprache gibt es kein Wort, das diese Emotion beschreibt. Deshalb heißt ein kürzlich erschienenes Buch über Schadenfreude auch „The Joy of Pain: Schadenfreude and the Dark Side of Human Nature“. Verfasst hat es Richard Smith, Psychologie-Professor an der Universität von Kentucky. In den allgemeinen Sprachgebrauch von US-Amerikanern und Briten ist das Wort allerdings noch nicht aufgenommen.

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