„Die Resonanz hat uns vom Stuhl gehauen“ Personalisierte Ernährungsempfehlungen mit „Food4me“

Was gesund ist und was nicht, wissen die meisten. Gesunde Ernährung scheitert nur häufig an der Umsetzung. Foto: ImagoWas gesund ist und was nicht, wissen die meisten. Gesunde Ernährung scheitert nur häufig an der Umsetzung. Foto: Imago

evo Osnabrück. Professor Dr. Hannelore Daniel von der Technischen Universität München erklärt im Interview, was es mit dem EU-Projekt „Foodme“ auf sich hat und warum manche Teilnehmer lügen.

Osnabrück. Viel Obst, Gemüse und Fisch, dafür wenig rotes Fleisch, Fett und Zucker. Die meisten Menschen wissen, welche Ernährungsweise gesund ist und welche nicht. Trotzdem leben viele nicht unbedingt danach. Das EU-Projekt „Food4me“ hat sich zum Ziel gesetzt, das mit personalisierten Ernährungsempfehlungen zu ändern. Professor Dr. Hannelore Daniel von der Technischen Universität München erklärt im Interview, was es mit dem Projekt auf sich hat und warum manche Teilnehmer lügen.

Frau Prof. Dr. Daniel , was genau ist Food4me?

„Food4me“ heißt in der Übersetzung nichts anderes als „Meine Ernährung“. Es handelt sich dabei um ein EU-Projekt. Das heißt, es ist ein von der Europäischen Kommission gefördertes Forschungsvorhaben, das über fünf Jahre läuft. Beteiligt sind daran mehr als 20 Partner aus nahezu allen europäischen Ländern. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob es so etwas wie personalisierte Ernährung geben kann, und wenn ja, wie das aussehen könnte.

Was genau ist Ihre Aufgabe innerhalb des Projekts?

Wir sind innerhalb des EU-Projekts verantwortlich für die Koordination aller Analysen, mit der wir den Ernährungs- und Gesundheitszustand der Teilnehmer messen. Das heißt, wir bestimmen, ob der Teilnehmer übergewichtig ist, ob sie oder er einen hohen Cholesterinspiegel hat, und erfassen, ob und wie viel Obst und Gemüse die Person isst. Außerdem wird erfasst, wie viel sich der Teilnehmer bewegt.

Wie laufen diese Untersuchungen ab? Müssen die Probanden zu Ihnen nach München kommen?

Nein, die Teilnehmer an dem Projekt haben wir nie gesehen. Es läuft komplett anonym. Es gibt sieben Studienzentren in Europa, die alle das Gleiche machen. Das heißt, die beteiligten Wissenschaftler haben die Teilnehmer vor Ort rekrutiert. In München haben wir eine Annonce in einer Zeitung geschaltet, und die Resonanz hat uns vom Stuhl gehauen. Es haben sich so viele Interessenten gemeldet, dass unser Server sogar zusammengebrochen ist. Insgesamt nehmen an „Food4me“ aber nur rund 1300 Europäer teil, im deutschen Studienzentrum hier an der TU München haben wir etwas mehr als 200, die wir betreuen.

Wenn Sie die Teilnehmer gar nicht sehen, wie funktioniert dann eine Untersuchung?

Die Probanden gehen auf eine eigene Internetseite, die das Projekt für sie anlegt. Dort geben sie Informationen wie zum Beispiel Alter und Körpergewicht an, wie sie sich ernähren und vieles mehr. Innerhalb des Projektes werden die Probanden noch einmal in verschiedene Stufen unterteilt: Einige geben nur Blutproben ab, andere dazu noch DNA-Proben. Auch dazu sehen wir sie nicht. Wir schicken ihnen dann nur ein Röhrchen und ein Wattestäbchen und Instruktionen, wie sie die Schleimhautzellen aus dem Mund mit dem Stäbchen gewinnen können. Diese werden dann eingeschickt. Mit den Blutproben läuft das genauso. Die Teilnehmer bekommen Instruktionen, wie sie sich zu Hause im nüchternen Zustand morgens in den Finger stechen, wie Diabetiker es auch machen, und dann geben sie einen Tropfen Blut auf ein kleines Filterpapier, das dann eingeschickt wird. Wir analysieren das Ganze zum Beispiel im Hinblick auf den Cholesterin- und Blutzuckerspiegel, aber eben auch, ob sie Obst und Gemüse verzehren; und hier sieht man dann sehr schnell, wie nett manche Menschen bei der Angabe ihren Ernährungsgewohnheiten lügen. Wer will schon zugeben, sich schlecht zu ernähren?

Und bei den DNA-Proben?

Hier betrachten wir nur wenige Risikogene, von denen wir wissen, dass sie in Zusammenhang mit Ernährungsfaktoren für bestimmte Erkrankungen relevant sind. Wenn wir dann feststellen, dass hier für einen Teilnehmer ein Problem existiert oder er eben wirklich krank ist, müssen wir ihm empfehlen, sich vom Hausarzt untersuchen zu lassen.

Was könnte am Ende dabei herauskommen?

Es gibt ja schon relativ viele Anwendungen – wie Apps für Telefone oder Tablets – die Ernährungsempfehlungen geben. Diese berücksichtigen aber nicht, ob jemand einen hohen Cholesterinspiegel hat oder nicht. Wir messen das, und wir messen auch Parameter, an denen wir beurteilen können, was der Teilnehmer bei seiner Ernährung tut und was er wirklich besser machen kann. Was wir somit zurückgeben können, sind besser auf das Individuum und seine Bedarfe abgestimmte Empfehlungen. Zum Beispiel: Deine Ernährung ist gut. Du hast zwar einen leicht erhöhten Cholesterinspiegel, der ist aber noch nicht besorgniserregend. Deine Ernährung mit Obst und Gemüse könnte etwas besser sein, und Du könntest auch ein- oder zweimal in der Woche Fisch essen. Das würde Dein Fettsäureprofil verbessern.

Ist eine personalisierte Ernährung denn notwendig? Eigentlich wissen wir doch, dass Obst und Gemüse gesund und Fett und Zucker ungesund ist ...

Ja, das ist schon richtig, aber was ist schon nötig auf dieser Welt? Die Frage ist nicht, ob man es braucht, sondern ob der Konsument so etwas haben möchte. Und da ist mein Eindruck, er will. Und zwar weil der Konsument überall mit Informationen bombardiert wird, die er gar nicht alle einordnen kann. Beinahe täglich werden Informationen zur „richtigen Ernährungsweise“ veröffentlicht, und der Verbraucher weiß gar nicht mehr, was er glauben soll. Dann gibt es da aber das „Food4me“-Projekt und seriöse Informationen, die mir ganz persönliche, auf mich zugeschnittene Ernährungsempfehlungen gibt. Wenn wir dann sogar noch zeigen können, dass sich der Gesundheitszustand der Teilnehmer verbessert, wenn sie unsere Empfehlungen befolgen, glaube ich, ist das ein Mehrwert.

Kann eine personalisierte Ernährung auch lebensverlängernd sein?

Wir wissen, dass die Lebenserwartung von Menschen durchaus mit allem, was die Biologie hergibt, zu verlängern ist, aber dazu muss man dann schon ein sehr diszipliniertes Leben führen. Ich würde nicht so
weit gehen, dass die Ernährungsempfehlungen von „Food4me“ lebensverlängernd sind. Wer weiß, was es in fünf oder zehn Jahren gibt? Das kann keiner vorhersagen. Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass „Food4me“ in fünf Jahren vielleicht von einer Krankenkasse angeboten wird, wenn sich herausstellt, dass es sich rechnet und zu einer gesunden Lebensweise beiträgt.

Zum Beispiel als Leistung für Übergewichtige?

Ja natürlich. Obwohl dieses Projekt nicht auf das Abnehmen abzielt. Natürlich sind auch Probanden dabei, die hoffen, dass sie abnehmen. Es kommt natürlich häufig vor, dass Menschen abnehmen, wenn sie sich plötzlich so intensiv mit Ernährung beschäftigen – das ist das ein angenehmer Nebeneffekt.

Hannelore Daniel ist eine deutsche Ernährungswissenschaftlerin und hat seit 1998 den Lehrstuhl für Ernährungsphysiologie an der Technischen Universität in München inne. Weitere Informationen zum EU-Projekt im Internet unter: www.food4me.de


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