„Hartwig-Piepenbrock-DZNE-Preis“ Demenz: Kampf gegen eine neue Volkskrankheit

Von Klaus Grimberg


Berlin. Professor Adriano Aguzzi von der Universität Zürich und Professor Charles Weissmann vom Scripps Research Institute Florida haben am Dienstagabend im Rahmen eines feierlichen Galadinners in Berlin den „Hartwig-Piepenbrock-DZNE-Preis“ für ihre herausragende Forschung im Bereich der neurodegenerativen Erkrankungen verliehen bekommen.

Wer bin ich? Wo wohne ich? Es sind solche elementaren Fragen, die Menschen mit Gedächtnisverlust irgendwann nicht mehr beantworten können. In Deutschland leiden etwa eine Million Menschen an Demenzerkrankungen, in den kommenden Jahrzehnten wird die Zahl immer weiter zunehmen. „Eine der großen sozialpolitischen Herausforderungen der Zukunft ist, diese Erkrankungen zu erforschen“, sagte Henner Bunde (CDU), Staatssekretär in der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung, bei der Feierstunde in der Heilig-Geist-Kapelle in der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität.

Dieser Herausforderung stellt sich die Unternehmensgruppe Piepenbrock mit dem von ihr ausgelobten Preis, der 2011 erstmals in Kooperation mit dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) vergeben wurde.

Anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Familienunternehmens war das Preisgeld in diesem Jahr von 60000 auf 100000 Euro erhöht worden. Mit dem DZNE wurde ein Partner gefunden, der sich seit seiner Gründung 2009 binnen weniger Jahre zu einer herausragenden interdisziplinären Forschungseinrichtung innerhalb der Helmholtz-Gemeinschaft entwickelt hat. Es ist das erste von insgesamt sechs „Deutschen Zentren zur Gesundheitsförderung“, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung zur Bekämpfung der wichtigsten Volkskrankheiten eingerichtet wurden.

Das Auswahlkomitee des DZNE-Preises entschied sich in diesem Jahr für Aguzzi und Weissmann, deren grundlegende Erkenntnisse von großer Bedeutung für das gesamte Feld der neurogenerativen Erkrankungen sind.

„Mit Ihrer Prionenforschung haben Sie zuvor unbekannte Mechanismen entschlüsselt, die bei vielen dieser Erkrankungen eine entscheidende Rolle spielen, so auch bei der Alzheimer- oder Parkinson-Erkrankung“, so Professor Johannes Dichgans, Vorsitzender des Auswahlkomitees. Ein wichtiger Aspekt dieser Mechanismen ist die Ansammlung verformter, körpereigener Proteine. Die Arbeiten von Aguzzi und Weissmann liefern eine solide Basis, um neue Strategien für eine frühe Diagnose und Therapien zu entwickeln.

Die Anhäufung von endogenen, verformten Proteinen steht im Mittelpunkt vieler neurodegenerativer Erkrankungen, einschließlich Alzheimer und Parkinson. Obwohl die Ursache für die Anhäufung der verformten Proteine keine Infektion ist, anders als bei manchen Prionenerkrankungen, scheint die Ausbreitung dieser Proteine von Zelle zu Zelle und im Nervensystem ähnlichen Mustern zu folgen. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson ansteckend sind. Weil jedoch der grundlegende Mechanismus der Krankheitsausbreitung ähnlich ist, ergeben sich gemeinsame Forschungsfragen.

„Solche Preise haben eine unglaubliche Wirkung“, sagte der gebürtige Italiener Aguzzi, „denn sie rücken den Beruf des Wissenschaftlers ins richtige Licht.“ Während der feierlichen Preisverleihung nutzte Professor Jürgen Mlynek, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, auch die Gelegenheit, an den im Juli dieses Jahres verstorbenen Hartwig Piepenbrock und dessen gesellschaftliches und kulturelles Engagement zu erinnern. Mlynek charakterisierte Piepenbrock als „bodenständig und erdverwachsen, kurzum: eine Persönlichkeit“. Die Demenzerkrankung Piepenbrocks vor einigen Jahren hatte zu der Entscheidung der Familie geführt, den letztmals 2008 vergebenen Piepenbrock-Preis für Skulptur nicht weiter zu vergeben und das Preisgeld künftig in den Dienst der Erforschung neurodegenerativer Erkrankungen zu stellen.


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