Expertenteam ist sich sicher Mit diesen Maßnahmen kann ein Lockdown noch verhindert werden

Von Marie Busse, dpa

Lockdown noch vor Weihnachten? Viele Menschen in Deutschland rechnen damit. SymbolfotoLockdown noch vor Weihnachten? Viele Menschen in Deutschland rechnen damit. Symbolfoto
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Berlin . Es wird erstmal schlimmer – so lässt sich die Prognose eines Forscherteams um die Physikerin Viola Priesemann zusammenfassen. Es gibt allerdings noch Möglichkeiten, einen Lockdown zu verhindern.

Die Corona-Fallzahlen steigen immer weiter an. Die Luftwaffe fliegt Corona-Patienten aus, um einen Kollaps von Krankenhäusern in einzelnen Regionen zu vermeiden. Angesichts dieser dramatischen Entwicklungen rechnen viele Deutsche einer Umfrage zur Folge mit strengen Maßnahmen. 73 Prozent glauben laut einer repräsentativen Insa-Umfrage (1003 Befragte) für die "Bild am Sonntag", dass noch in diesem Jahr ein bundesweiter Lockdown beschlossen wird (16 Prozent glauben das nicht). Eine Mehrheit von 57 Prozent wünscht sich diese Maßnahme sogar, nur 36 Prozent sind dagegen.

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Diese Maßnahmen empfehlen die Experten 

Auch viele Forscher fordern, das öffentliche Leben herunterzufahren. Es gibt aber auch andere Stimmen. Die renommierte Physikerin und Modelliererin Viola Priesemann hat mit ihren Kollegen analysiert, wie ein Lockdown abgewendet werden kann. Die Forschergruppe empfiehlt folgende Maßnahmen: 

  • Mindestens zwei Prozent der Bevölkerung sollen täglich geimpft oder geboostert werden - "denn das trägt deutlich dazu bei, die Inzidenzen in den kommenden Wochen nachhaltig zu senken". "Alle anderen Maßnahmen dienen der Überbrückung, bis eine ausreichende Immunität aufgebaut ist." Etwa 1,5 Millionen Menschen müssten täglich geimpft werden, um das Ziel zu erreichen.
  • In Bars, Restaurants und Clubs soll konsequent die 2Gplus-Regel umgesetzt und kontrolliert werden. Das Tragen von medizinischen Nasenschutz ist zentral.
  • Möglichst viele Menschen sollen von zuhause aus arbeiten. Ist Homeoffice nicht möglich, muss die 3G-Regel am Arbeitsplatz konsequent umgesetzt werden. 
  • In Schulen muss konsequent gelüftet und eine Teststrategie eingeführt werden. Schüler sollten außerdem auch im Unterricht einen Mund-Nasenschutz tragen. Bei hohen Inzidenzen sollte die Klassengröße reduziert werden. 
  • Abhängig von der Hospitalisierungsrate soll auch im Einzelhandel die Personenanzahl in den Geschäften reduziert werden. 

Mit Blick auf die aktuelle Corona-Lage in Deutschland sollte nach Ansicht einer Expertengruppe jetzt die rechtliche Grundlage für eine Art Not-Schutzschalter und andere weitreichende Maßnahmen geschaffen werden. "Gerade in Hinblick auf die neue Omikron-Variante ist eine solche Vorsorge dringend erforderlich", heißt es in einer Stellungnahme der Gruppe um die Physikerin und Modelliererin Viola Priesemann. Neben dem Notfall-Maßnahmenbündel solle die Kontaktnachverfolgung bei Menschen mit Omikron-Infektion "aktuell absolute Priorität" haben. Hierfür sollten ausreichend Personal und Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Nötig sei auch eine systematische genomische Erfassung.

Neue Virusvariante Omikron ist gefährlich 

"Insbesondere in Hinblick auf neue Virusvarianten wie Omikron ist es wichtig und notwendig, dass klare Handlungspläne existieren, die bei einer hoher Wachstumsdynamik oder bei einer Überlastung des Gesundheitssystems sehr schnell umgesetzt werden können", heißt es in dem Strategiepapier. Die juristischen Voraussetzungen für einen Notschutzschalter müssten schnellstmöglich geschaffen werden. "Das Regelwerk sollte für alle Bundesländer gleichartig sein, um klare Kommunikation und Planbarkeit zu ermöglichen."

Die Experten geben zu bedenken, dass die für die Hospitalisierungsinzidenz festgelegten Grenzwerte 6,0 (kritische Situation) beziehungsweise 9,0 (hochkritische Situation) in den meisten Bundesländern faktisch bereits überschritten seien. Die Forscher stellen fest: "In den Bundesländern, in denen bereits eine Überlastung eingetreten ist, sind weiterreichende Maßnahmen notwendig, wenn man die Überlastung schnell reduzieren will."

Scheitelpunkt der vierten Welle ist noch nicht erreicht

Die Hospitalisierungsinzidenz - die Zahl der in Kliniken aufgenommenen Corona-Patienten je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen - spielt inzwischen eine wesentliche Rolle für die Beurteilung des Infektionsgeschehens, aufgrund von teils starken Meldeverzögerungen erscheint der Wert in den Statistiken aber zunächst zumeist deutlich niedriger als er in der Realität bereits ist.

Der Scheitelpunkt der aktuellen Welle sei noch nicht erreicht, heißt es von der Gruppe, zu der neben Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation (Göttingen) etwa auch die Epidemiologin Eva Grill und der Intensivmediziner Christian Karagiannidis gehören. Die Zahl der Infektionen mit der Delta-Variante steige weiterhin deutlich an. Modelle zeigen demnach, dass bei Impf- und Booster-Raten von ein bis zwei Prozent der Bevölkerung pro Tag die Spitzenwerte der Sieben-Tage-Inzidenz im Dezember erreicht werden.

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Krankenhäuser brauchen maximale Unterstützung

Aus dieser Prognose folge, dass die Spitzenbelastung in der Intensivmedizin für Ende Dezember, Mitte Januar zu erwarten ist. Für diese Phase müssten die Krankenhäuser maximale Unterstützung erfahren. "Die Kliniken sollten sich dringend darauf vorbereiten, dass hier die Arbeitslast am höchsten sein wird." Eine Konzentration auf Notfälle und dringliche Eingriffe sei unerlässlich.

Der Höchstwert der Intensivpatienten werde wahrscheinlich noch einmal höher liegen als in den bisherigen Wellen, heißt es von der Expertengruppe weiter. Eine adäquate Behandlung sei nur bei gleichmäßiger Verteilung der Patienten über das Bundesgebiet möglich. "Hierzu muss die strategische Verlegung nochmals deutlich ausgebaut und alle Krankenhäuser zur Einschränkung des Regelbetriebes aufgefordert werden." Das erfordere eine zentrale, stabsmäßige Koordination unter einheitlicher Führung des Bundes.


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