Droht Recht Schreip-Katerstrofe? Kritik an Lehrmethoden für Rechtschreibung

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Schreiben wie sprechen? Experten warnen vor neuer Lehrmethode. Foto:ImagoSchreiben wie sprechen? Experten warnen vor neuer Lehrmethode. Foto:Imago

Bremen. „Di Kinda gen in den Tso.“ Für Sven, den Zweitklässler, steht fest: So muss es geschrieben aussehen, wenn Kinder in den Zoo gehen. Seine Mutter freilich traut ihren Augen nicht, doch sie hält sich zurück. Denn von der Lehrerin ihres siebenjährigen Sohnes hat sie die Anweisung bekommen: Nicht korrigieren! Svens Rechtschreibung werde in den nächsten Monaten schon besser werden.

Doch die Mutter hat Zweifel. Denn in jüngerer Zeit hört sie immer öfter davon, dass die neuen Lehrmethoden an den Grundschulen in die „Recht Schreip-Katerstrofe“ führen würden.

„Lesen durch Schreiben“ (LdS) oder „Die Rechtschreibwerkstatt“ – so heißen die reformpädagogischen Methoden, die seit Ende der 1990er an deutschen Grundschulen vermehrt eingesetzt werden. Ihr Prinzip: Die Kinder schreiben zunächst einfach darauflos, orientieren sich dabei lediglich nach einer „Anlauttabelle“, auf der jedem Bild ein Laut zugeordnet ist – beim „A“ etwa sehen sie einen Affen. Sie konstruieren dadurch einen Bezug zwischen Laut und Buchstaben, sodass sie schon bald Worte und Sätze schreiben können. Mit Fehlern zwar, doch das würde sich, so die Theorie, schon bald korrigieren, nicht zuletzt auch dadurch, dass die Kinder hoch motiviert den Spaß an der geschriebenen Sprache finden.

Nicht wenige Lehrer schwören auf die neuen Methoden, auf der Internet-Plattform „Lehrer-Online“ heißt es: „Während in früheren Fibellehrgängen Schritt für Schritt im Klassenverband eine Übung nach der anderen durchgearbeitet werden musste, arbeitet nun jedes Kind in seinem individuellen Lerntempo.“ Die kritischen Stimmen werden jedoch energischer, vergleichen mittlerweile das Schreiben nach Gehör mit dem Operieren nach Gefühl. „Allein durch das Hören kann man nicht die Schreibweise eines Wortes erschließen“, bemängelt Grundschuldidaktin Renate Valtin von der Berliner Humboldt-Universität. Gerade Kinder mit Migrationshintergrund seien damit überfordert, so die Professorin.

Ihre Kollegin Christa Röber bezeichnet die neuen Methoden sogar als „unterlassene Hilfeleistung“, weil sie das Kind im Regen stehen lassen und ihm den Eindruck geben, dass selbst seine haarsträubendsten Fehler in Ordnung seien. Ähnlich argumentiert der ehemalige Düsseldorfer Lehrerausbilder Günter Jansen. Ihm fehlen zudem die empirischen Beweise. So kann er eine Studie aus Marburg anführen, in der die Effekte unterschiedlicher Unterrichtsmethoden auf den Schriftsprachenerwerb untersucht wurden. Das Ergebnis: Nach zwei Jahren LdS zeigten 23 Prozent der Schüler eine ausgeprägte Rechtschreibeschwäche, während es bei den traditionell ausgebildeten „Fibel-Schülern“ nur fünf Prozent waren.

Im sogenannten „Bildergeschichtenkorpus“, der im Jahr 2000 an der Universität Osnabrück angefertigt wurde, wurden Zweitklässler
aus mehreren deutschen Städten aufgefordert, eine Bildergeschichte in Worte zu fassen. Auch hier schnitten die LdS-Schüler deutlich schlechter ab. Einer von ihnen brillierte mit Sätzen wie: „Der Man macht die Tür auf und sid, Das der Hund den Schuaputzer mit genomen hatt.“

Nichtsdestoweniger kommen nicht alle Studien zu negativen Ergebnissen. Entwicklungspsychologin Una Röhr-Sendlmeier von der Universität Bonn entdeckte in einer Untersuchung an Drittklässlern keine sonderlichen Rechtschreibunterschiede zwischen LdS- und Fibelkindern. In der „morphematischen Rechtschreibstrategie“ waren die LdS-Schüler sogar besser, sie konnten also besser Wörter in ihre Bestandteile zerlegen und daraus die korrekte Schreibweise ableiten.

Die Psychologin schränkt allerdings ein, dass ihre Probanden aus bildungsnahen Elternhäusern stammten. Möglich also, dass die reformpädagogischen Lernmethoden nur deshalb keinen Schaden anrichteten, weil die Eltern korrigierend eingriffen – und das kann eigentlich nicht der Sinn eines Schulunterrichts sein.


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