Befürchtung des Virologen Drosten Als nächstes eine MERS-Pandemie? Was wir bisher über das Virus wissen

Von Lorena Dreusicke, 21.11.2020, 08:57 Uhr
Christian Drosten ist auf Coronaviren spezialisiert. Er will sich bald wieder der Erforschung von MERS-CoV widmen. (Archivfoto vom Februar 2020)
imago images/photothek/Xander Heinl

Berlin. Die Corona-Pandemie spitzt sich weiter zu, da spricht Virologe Christian Drosten schon von der nächsten Bedrohung – und die hat mit einhöckrigen Kamelen zu tun.

Nicht schon wieder eine Pandemie: Der Berliner Charité-Virologe Christian Drosten will sich nach der Corona-Krise der Erforschung von MERS-Viren widmen. Im Gespräch mit dem Wirtschaftsmagazin "Capital" sagte Drosten, das neuartige Coronavirus, SARS-CoV-2, bekäme schon genügend Aufmerksamkeit in der Forschung. "Alles was da zu machen ist, macht schon jemand." MERS sei dagegen der nächste Pandemie-Kandidat. Was macht das MERS-Virus so tückisch und wie weit ist es erforscht?

Was ist MERS (Middle East Respiratory Syndrome)?

Das MERS-Coronavirus löst eine Erkrankung der Atemwege aus. Es wurde erstmals 2012 bei Patienten auf der arabischen Halbinsel nachgewiesen. Seitdem sind Fälle auch in Südasien und Afrika bekannt. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) steckten sich Menschen zunächst bei infizierten Dromedaren an. Später gab es verheerende Krankenhausausbrüche. 

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Wie steckt man sich mit dem MERS-Virus an?

Sowohl Menschen untereinander als auch Tiere können sich mit MERS anstecken. Die Übertragungswege sind noch nicht vollständig bekannt. Klar ist, dass sich Menschen untereinander per Tröpfcheninfektion anstecken können und indem sie unzureichend erhitzte tierische Produkte von infizierten Dromedarkamelen verspeisen.

dpa



Wie ergeht es MERS-Infizierten?

Wie bei SARS-CoV-2 bricht die Krankheit meist nach ein bis zwei Wochen aus. Gesunde Menschen bemerken oft keine Symptome oder Beschwerden einer milden Grippe, also Fieber, Husten und Kurzatmigkeit. Menschen mit chronischen Vorerkrankungen sind oft heftiger betroffen: Diabetiker oder herzschwache Menschen erleiden eher eine Lungenentzündung und müssen im Ernstfall künstlich beatmet werden. Häufig bekommen MERS-Kranke Durchfall; auch Nierenversagen kann eine Folge sein. 

Wie verbreitet ist MERS-CoV?

In den vergangenen acht Jahren gab es rund 2500 bekannte Infektionen in 27 Ländern. Rund ein Drittel der Patienten starb. Rund 80 Prozent der Infizierten lebten in Saudi-Arabien. 2015 gab es einen größeren Ausbruch in Südkorea. In europäischen Ländern wurden bisher nur einzelne importierte Fälle bekannt, in Deutschland sind es vier. Christian Drosten sagt über das MERS-Virus: "Es handelt sich um eine sogenannte Spill-over-Infektion, also eine Infektion, die immer wieder aus dem Tierreservoir kommt."

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2015 wurde ein erster MERS-Patient in Huizhou, China, behandelt. Der Kranke kam aus Südkorea.

Wie weit ist MERS erforscht?

Noch gibt es keinen Impfstoff oder eine wirksame Heilungsmethode für MERS-CoV. Dagegen gibt es begleitende Therapiemöglichkeiten und an mehreren Impfstoffen wird geforscht. 

Wissenschaftlern an der Berliner Charité gelang es, Wirkstoffe zu entwickeln, die den zelleigenen Recycling-Mechanismus (Autophagie) ankurbeln und damit das Viruswachstum in den Zellen hemmen. Auch Niclosamid, das bereits bei Bandwurmerkrankungen eingesetzt wird, erwies sich als wirksam gegen eine MERS-Ausbreitung in Körperzellen. Allerdings stünden Tests im Organismus und die Erforschung möglicher Nebenwirkungen noch aus, ließ die Charité im Januar wissen.

Wie groß wird das Risiko einer MERS-Pandemie eingeschätzt?

Die Ansteckungsgefahr ist den wissenschaftlichen Erkenntnissen nach beim direkten oder indirekten Kontakt mit infizierten Dromedaren hoch. Von Mensch zu Mensch überträgt sich das Virus demnach seltener. Bisher steckten sich MERS-Patienten bei ihren Familienmitgliedern, Patienten oder Pflegern an. "Die Mehrheit der bisherigen gemeldeten MERS-Fälle gab es in Einrichtungen des Gesundheitswesens", so die WHO.

Das Robert Koch-Institut warnt, importierte Krankheitsfälle seien jederzeit möglich. Doch die Infektionsrate von MERS-CoV werde als niedrig beschrieben. Nach drei bis vier Übertragungen auf einen anderen Wirt sei häufig Schluss. "Wichtig für die globale Risikoeinschätzung − auch für Deutschland − ist, dass es bislang keine Hinweise auf eine anhaltende, unkontrollierte Mensch-zu-Mensch-Übertragung gibt", folgert das RKI.

Virologe Drosten schließt eine MERS-Pandemie mit vielen Opfern dennoch nicht aus. "Wir wissen eigentlich gar nicht, wie viele Mutationen so ein Virus braucht, um plötzlich zu einem menschlichen Virus zu werden, das überspringt und dann beim Menschen bleibt", wird er auf der Charité-Webseite zitiert. Er plädiert für Systeme der Früherkennung und eine intensive Impfstoffforschung. Momentan bänden ihn Öffentlichkeitsarbeit und Politikberatung stark ein, sagt der 48-Jährige. Wenn die aktuelle Corona-Pandemie ausgestanden ist, wolle er aber zurück ins Forschungslabor.

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