Krankheit Lipödem Schluss mit dem Elefantenbein: Kassen übernehmen Kosten

Von Von Karin Koslik

Hoffnung auf Ende eines Leidensweges: Seit Jahren kämpften Betroffene und medizinische Fachverbände darum, die Kassenleistungen für Lipödem-Patientinnen endlich auf die erforderlichen Operationen auszuweiten. Am 19. September entschied der GBA, dass künftig die gesetzlichen Krankenkassen die Operationskosten bei einem fortgeschrittenen Lipödem übernehmen müssen.  Foto: colourbox.deHoffnung auf Ende eines Leidensweges: Seit Jahren kämpften Betroffene und medizinische Fachverbände darum, die Kassenleistungen für Lipödem-Patientinnen endlich auf die erforderlichen Operationen auszuweiten. Am 19. September entschied der GBA, dass künftig die gesetzlichen Krankenkassen die Operationskosten bei einem fortgeschrittenen Lipödem übernehmen müssen. Foto: colourbox.de

Schwerin. Patientinnen mit einem Lipödem im fortgeschrittenen Stadium können künftig auf Kassenkosten operiert werden – für viele Betroffene endet damit ein jahrelanges Martyrium.

Wenige Stunden nach der Operation kann Stefanie S. schon wieder strahlen. Zwar sind ihre Oberarme noch eng bandagiert, doch die 39-Jährige weiß: Das Geschwabbel dort und vor allem auch die bei jeder Bewegung auftretenden Schmerzen sind endlich verschwunden. Stefanie S. leidet an einem Lipödem – wie rund 3,5 Millionen weitere Betroffene in Deutschland. „Das Lipödem ist damit eine Volkskrankheit“, schätzt Dr. Roland Mett, Chefarzt des Fachbereichs für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie an den Schweriner Helios Kliniken, ein. Betroffen sind ausschließlich Frauen, häufig lösen hormonelle Veränderungen die Beschwerden aus. 

Das Lipödem ist eine schmerzhafte Fettverteilungsstörung mit Wassereinlagerungen, so der Schweriner Chirurg. Anfangs betrifft die Erkrankung überwiegend die Oberschenkel und die Hüften, während der übrige Körper noch normale Proportionen aufweist. Umgangssprachlich ist dann auch von Reiterhosen die Rede. Schreitet das Lipödem weiter fort, können – wie bei Stefanie S. – auch Bauch und Arme von den Einlagerungen entstellt werden, so Dr. Mett.

Zu der körperlichen Erkrankung kommt die psychische Belastung. „Fressmaschine“, „Walross“ oder „Elefantenbein“ müssen sich die betroffenen Frauen verspotten lassen. Das tut genauso weh wie die scheelen Blicke oder offen gezeigte Abneigung, mit der ihnen vielfach begegnet wird. Selbst Ärzten fällt oft nichts anderes ein, als ihnen zu raten, endlich abzunehmen. Nicht wenige Lipödem-Patientinnen leiden deshalb an Essstörungen. Denn obwohl sie so gut wie nicht mehr zu sich nehmen, verändert sich ihr Körper nicht zum Positiven. Oft ist sogar das Gegenteil der Fall, denn die Erkrankung schreitet unaufhaltsam voran.

Was Menschen mit dieser Krankheit vor allem von stark Übergewichtigen unterscheidet, sind die permanenten Schmerzen, die mit einer extremen Berührungsempfindlichkeit einhergehen, weiß Dr. Mett. „Denn es ist nicht einfach Fett, was ihren Körper aufquellen lässt. Es sind Eiweißeinlagerungen ins Fettgewebe, die sich mit fortschreitender Erkrankung immer mehr verhärten.“ Unbehandelt würden viele Patientinnen mit einem Lipödem zu bewegungsunfähigen Pflegefällen.

Auch Stefanie S. hat jahrelang unter den typischen quälenden Schmerzen gelitten. Sie waren letztlich auch der Auslöser dafür, dass sich die junge Frau schließlich auf eigene Kosten an den Beinen operieren ließ, nachdem die konventionelle Behandlung mit Lymphdrainagen und -kompression das Fortschreiten der Erkrankung nicht aufhalten konnte. „Ich hatte das Geld für eine Weltreise gespart“, gesteht Stefanie S. – für den Preis der drei OPs hätte sie sich auch einen Kleinwagen kaufen können. Andere Leidensgefährtinnen hätten sich vor Gericht erkämpft, dass ihre Krankenkassen zumindest einzelne Operationen bezahlten – „aber die Kraft dazu hätte ich nicht aufgebracht“. Zumal es immer auf eine Einzelfallentscheidung hinausgelaufen wäre. 

Im Leistungskatalog der Krankenkassen waren viele Jahre lang für Lipödem-Patientinnen nur die konventionellen Behandlungen vorgesehen – und selbst die nur mit Einschränkungen. Betroffene mussten beispielsweise mit einer einzigen Kompressionsstrumpfhose über ein ganzes Jahr kommen – oder für ein Wechsel-Exemplar 800 Euro aus der eigenen Tasche bezahlen. Dr. Mett kennt diese und andere Sorgen und Nöte Betroffener besser als kaum ein anderer. Seit mehr als 20 Jahren behandelt er Lipödem-Patientinnen.  Wie stark der Leidensdruck der Betroffenen ist, lässt sich auch an der Vielzahl der Selbsthilfegruppen ablesen, die sich bundesweit gegründet haben. Allein in Niedersachsen sind es gut ein Dutzend, darunter Gruppen in Osnabrück, Oldenburg und Hannover. 

Seit Jahren, so Dr. Mett, kämpften Betroffene und medizinische Fachverbände darum, die Kassenleistungen für Lipödem-Patientinnen endlich auf die erforderlichen Operationen auszuweiten. Denn die Erkrankung entwickelt sich progredient, sie schreitet immer weiter voran. Geht sie in das vierte und letzte Stadium über, ist sie nicht mehr behandelbar. Erst im August, als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) Schwerin besuchte, habe er ihn auf einem Forum auf das Problem angesprochen, so Dr. Mett. Der Minister hätte zugesagt, auf eine rasche Entscheidung des zuständigen Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) zu drängen. 

Und ob das nun der Auslöser war oder nicht: Am 19. September entschied der GBA, dass künftig die gesetzlichen Krankenkassen die Operationskosten bei einem fortgeschrittenen Lipödem übernehmen müssen. Die entsprechende Richtlinie gilt jedoch zunächst befristet bis zum 31. Dezember 2024, denn bis zu diesem Zeitpunkt läuft noch eine vom GBA in Auftrag gegebene Studie zur operativen Fettabsaugung (Liposuktion) bei Lipödem. Sobald die Ergebnisse vorliegen, soll ein dauerhafter Beschluss für alle Stadien der Erkrankung getroffen werden.

Wie der GBA auf Anfrage unserer Redaktion mitteilte, liegt der Beschluss derzeit noch zur Prüfung beim Bundesministerium für Gesundheit (BMG) vor. Gibt es keine Beanstandungen, wird er nach Veröffentlichung im Bundesanzeiger in Kraft treten. Vor diesem Hintergrund rechnet der GBA weiterhin damit, dass die Regelung erstmals im Januar 2020 in der Praxis umgesetzt werden kann.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im August auf einer Podiumsdiskussion in den Schweriner Helios Kliniken. Foto: Helios

Nach wie vor, so Dr. Mett, sei an die Kostenübernahme eine ganze Reihe von Bedingungen geknüpft. Auf Kassenkosten operiert würde nur, wer bereits das dritte Lipödem-Stadium erreicht hat. Die Frauen müssten vor der OP ein halbes Jahr lang konventionell behandelt werden, so Dr. Mett. Es gebe Anforderungen an die operierenden Kliniken und die Plastischen Chirurgen, die den Eingriff ausführen, und es sei festgelegt worden, welche maximalen Fettmengen pro Sitzung abgesaugt werden dürften. Alles Dinge, die dem Patientenwohl dienten und medizinisch geboten seien, schätzt der Plastische Chirurg ein. 

Auf die Kassen käme jetzt eine echte Kostenlawine zu, erwartet er. Eine Liposuktion koste zwischen 4000 und 4500 Euro. Bei geschätzt einer Million Betroffener, bei der die Erkrankung das Stadium drei erreicht hat und die durchschnittlich dreimal operiert werden müssten, kämen mindestens zwölf Milliarden Euro zusammen. Dennoch, so Dr. Mett, gebe es zur Operation keine Alternative. 

Für Stefanie S. war es schon der vierte Eingriff, mit dem die Folgen der Erkrankung gelindert wurden. Ihre Beine sind nach drei Liposuktionen jetzt 15 kg leichter, der Umfang ist um 27 cm geschrumpft. Bei der letzten OP hat Dr. Mett fünf Kilogramm Fett aus den Armen abgesaugt und anschließend die „überschüssige“ Haut gestrafft. „Das macht 17 Zentimeter Umfangsdifferenz aus“, erklärt der Arzt. Geht es nach Stefanie S., wird sie auch noch Korrekturen an Bauch, Unterschenkeln und Brust vornehmen lassen. Doch das ist Zukunftsmusik. Nach der letzten Operation steht jetzt erst einmal Erholung an. (Mit es)


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