Elisa Raus über Sortenvielfalt Wie sich Deutschlands beste Biersommelière auf die WM in Italien vorbereitet

Elisa Raus bereitet sich aktuell auf die Weltmeisterschaft der Biersommeliers in Rimini vor. Foto: Christine Lorenz/Stoertebeker BraumanufakturElisa Raus bereitet sich aktuell auf die Weltmeisterschaft der Biersommeliers in Rimini vor. Foto: Christine Lorenz/Stoertebeker Braumanufaktur

Osnabrück/Stralsund. Elisa Raus gehört zu den besten Biersommeliers Deutschlands. Raus hat bei der Deutschen Meisterschaft 2018 den dritten Platz erreicht und sich damit für die anstehende Weltmeisterschaft am 27. September im italienischen Rimini qualifiziert. Wir haben mit ihr über den Wettbewerb, Craft-Bier und die Biersommelier-Ausbildung gesprochen.

Frau Raus, wie sind Sie zum Bier gekommen?

Wie die meisten von uns habe ich früher auch ab und an mal ein Bier getrunken. Doch richtig kennen und lieben gelernt habe ich Bier erst durch meinen Beruf. Seit 2013 arbeite ich als Pressesprecherin der Störtebeker Braumanufaktur. Sehr schnell ist Bier zu meiner Passion geworden – ich wollte immer mehr erfahren und tiefer in die Materie einsteigen. So habe ich 2016 zunächst meinen Bierbotschafter IHK gemacht und ein paar Monate später dann die Biersommelier-Ausbildung bei Doemens und dem Bierkulturhaus.

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Wieso haben Sie an der Deutschen Meisterschaft der Biersommeliers teilgenommen?

Bereits vor meiner Ausbildung zum Biersommelier habe ich von dem Wettbewerb der Deutschen und der Weltmeister der Biersommeliers erfahren, da ein paar meiner Kollegen bereits 2013 und 2015 erfolgreich an den Wettbewerben teilgenommen haben. Für die Deutsche Meisterschaft 2017 gab es dann einen kleinen internen „Vorentscheid“ bei Störtebeker: Alle Biersommeliers, die Ambitionen hatten, an dem Wettbewerb teilzunehmen, sind hierbei gegeneinander angetreten. Als sehr ehrgeiziger Mensch war mir schnell klar, dass ich auch teilnehmen möchte. Die Herausforderung und auch die Möglichkeit, durch die Teilnahme noch mehr zu lernen, hat mich gereizt.

Gemeinsam mit meinem Kollegen Christoph Puttnies, der auch jetzt mit mir nach Rimini fährt und an der WM teilnimmt, konnten wir uns in diesem Vorentscheid gegen die anderen Kollegen durchsetzen.

Wie haben sie sich vorbereitet?

Auf die Deutsche Meisterschaft haben wir uns intensiv vorbereitet. Knapp zwei Monate lang haben wir zweimal in der Woche Bierstil- und Off-Flavour-Erkennung trainiert. Dazu kamen diverse Bierpräsentationen vor kleinerem oder größerem Publikum. Außerdem die persönliche Weiterbildung: neue und unbekannte Biere probieren sowie Artikel und Bücher rund ums Thema Bier lesen.

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Wie lief der Vorentscheid?

Der Vorentscheid zur Deutschen Meisterschaft der Biersommeliers lief in zwei Stufen ab. Mitte Oktober 2018 fanden die Vorrunden und das Halbfinale in Gräfelfing bei München statt. Insgesamt 35 Biersommeliers mussten in den Vorrunden Bierstile und Fehlaromen erkennen. Christoph Puttnies und ich landeten direkt unter den besten zehn und traten dann im Halbfinale an. Dieses wurde als K.o.-Runde ausgetragen: Jeweils zwei Biersommeliers traten bei einer Bierpräsentation gegeneinander an. Für die besten fünf sowie einen „Lucky Loser“ stand dann Mitte November 2018 das Finale auf der BrauBeviale in Nürnberg an. Hier konnte ich mir den 3. Platz erkämpfen und bin damit Deutschlands beste Biersommelière.

Wie war es als einzige Frau unter Männern im Finale?

Ehrlich gesagt, war das nicht ungewöhnlich oder merkwürdig. Ganz im Gegenteil, das Verhältnis zwischen uns WM-Teilnehmern ist sehr entspannt und freundschaftlich. Jeder freut sich über den Erfolg des anderen. Das Finale an sich hat aber für einige Aufregung gesorgt. Ich durfte als Erste die Bühne betreten – das hat natürlich den Vorteil, dass die Nervosität sich nicht noch weiter aufbaut. Eine wirklich tolle Erfahrung und meine erste Bierpräsentation vor so vielen Menschen.

Als Frau in der Bierbranche ist man grundsätzlich allerdings noch immer in der Minderheit. Das ist natürlich schade. Von Vorbildfunktion will ich nicht sprechen, aber ich hoffe, dass ich durch meine Arbeit noch mehr Frauen von Bier begeistern kann.

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Foto: Christine Lorenz

Platz drei, jetzt Mitglied der Nationalmannschaft und auf dem Weg nach Rimini – was bedeutet Ihnen das? 

Die WM-Teilnahme und auch der dritte Platz bei der Deutschen Meisterschaft bedeuten mir wirklich viel. Die harte Arbeit und die intensive Vorbereitung zahlen sich aus, das ist ein tolles Gefühl. Manchmal muss man sich kurz zwicken, um das Ganze zu realisieren.

Die Möglichkeit, sich mit den besten der Welt in Rimini messen zu können, ist unglaublich. So langsam steigt auch die Aufregung, aber ich denke, eine gesunde Portion Lampenfieber gehört auch dazu. Die Freude überwiegt auf jeden Fall.

Bereiten Sie sich auf die Weltmeisterschaft noch intensiver vor? Wie läuft die Vorbereitung in der Nationalmannschaft ab?

Für die Teilnahme an der WM haben wir unser Training noch einmal intensiviert. Seit Anfang Juli üben wir wieder zweimal in der Woche Bierstil- und Off-Flavour-Erkennung. Dazu gab es drei Trainingslager mit dem restlichen Nationalteam. Hier haben wir nicht nur die Sensorik und die Bierpräsentation geschult, sondern auch spannende Vorträge und Workshops zu Rhetorik und den verschiedenen Rohstoffen besucht. Ein großer Pluspunkt.

Was rechnen Sie sich aus?

Die Konkurrenz in diesem Jahr ist so groß wie noch nie. Insgesamt 80 Biersommeliers aus 18 Ländern treten in Rimini an – neuer Rekord. Doch ich fühle mich gut vorbereitet und werde auf jeden Fall mein Bestes geben. Und wie schon gesagt: Ich bin ein ehrgeiziger Mensch!

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Chancen und Aufgaben des Biersommeliers

Die Craft-Bier-Bewegung hat vor einigen Jahren für neuen Schwung am heimischen Biermarkt gesorgt. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein? 

Das Thema Craft-Bier war in den vergangenen Jahren in aller Munde. Charakterstarke Brauspezialitäten mit ausgewählten Rohstoffen und in ausgezeichneter Qualität sind beim Konsumenten stark gefragt. Das Segment der Craft- und Spezialitätenbiere hat unserer Meinung nach immer noch großes Potenzial, auch wenn ein Abflauen der Welle prognostiziert wird. Die derzeitige Vielfalt an Spezialitätenbieren kann für den Konsumenten überfordernd wirken. Ein Griff ins Spezialitätenregal kann entweder ein echtes Erlebnis sein oder für immer abschrecken. Erfolgsentscheidend ist daher eine klare, emotionale Story, die zum Kauf überzeugt, sowohl bei eher experimentellen Sorten als auch bei besonderen Spezialitäten.

In nächster Zeit wird es zu einer Bereinigung im Markt kommen, bei dem sich vor allem Spezialitätenbiere durchsetzen, die ausgezeichnete Qualität mit einer echten Geschichte vereinen und sich geschmacklich klar abgrenzen können. Mit unserer großen Sortenvielfalt sehen wir uns gut aufgestellt: Bei uns findet der Konsument sowohl echte Spezialitäten mit guter Trinkbarkeit als auch klassische Bierstile mit hochwertigen Rohstoffen und in bester Qualität.

(Weiterlesen: Ist Craft-Bier ein kurzlebiger Trend oder eine Revolution am Biermarkt?)

Frau Raus, Sie sind selbst Biersommelière. Wie schätzen Sie den Stellenwert dieser Ausbildung ein?

Die Etablierung der Biersommelier-Ausbildung spiegelt die generell positive Entwicklung des (Craft-)Biers in den letzten Jahren wider – und ist ein wunderbares Sprachorgan und Medium für das Thema Bier. Bei uns in der Braumanufaktur haben knapp 20 Mitarbeiter die Ausbildung zum Diplom-Biersommelier abgeschlossen, vom Brauer über die Kollegen im Außendienst bis hin zu Servicemitarbeitern, Köchen und Gästeführern. 2011 fand der erste Biersommelier-Kurs in Norddeutschland, direkt hier im Störtebeker Brauquartier, statt. Damals war die Ausbildung noch recht wenig bekannt. Mit der Zertifizierung bekommen unsere Mitarbeiter Bierwissen auf höchstem Niveau vermittelt, lernen technische und wissenschaftliche Aspekte des Bierbrauens kennen, erfahren mehr über die Geschichte des Bieres und die verschiedenen Stile, schulen ihre Sensorik und bekommen praktisches Wissen.

Die Störtebeker Brauerei in Stralsund. Foto: Matthias Sandmann

Dieses Wissen können die Mitarbeiter sehr unterschiedlich und passend für den jeweiligen Bereich einsetzen. Der Brauer vertieft seine sensorischen Fähigkeiten für die bessere Qualitätskontrolle oder bekommt Ideen und Anreize für weitere Bierkreationen. Der Servicemitarbeiter lernt, wie er Gästen das passende Bier zur gewünschten Speise empfiehlt und woher ein Bier seine Aromen erhält. Genauso der Außendienstmitarbeiter, der in Sachen Bierstile und passende Verkaufsstrategie zum Experten wird. 

Darüber hinaus nehmen unsere Sommeliers auch seit Jahren an der deutschen Meisterschaft und der Weltmeisterschaft der Biersommeliers teil – und das sehr erfolgreich. Schon mehrfach landeten die Kollegen auf dem Treppchen. Bei der WM 2019 in Rimini/Italien sind sogar zwei Störtebeker-Biersommeliers im deutschen Nationalteam und stellen sich dem harten Wettkampf.

Wie kann der Biersommelier die Wertigkeit von Bier und das Ansehen beeinflussen? Kann der Biersommelier zum neuen Bindeglied zwischen Brauereien und Endverbraucher werden?

Der Biersommelier kann als fehlendes Bindeglied zwischen Brauerei und Endverbraucher funktionieren, gerade im Hinblick auf die wachsende Sortenvielfalt. Daher hat er großen Einfluss darauf, wie Bier wahrgenommen und vor allem auch konsumiert wird. Er hat nicht nur das fundierte Wissen rund um das Bier selbst, sondern auch die richtige Sprache und die Leidenschaft, um sein Wissen vermitteln zu können und um für echte Genusserlebnisse zu sorgen. Er ebnet den Weg in die Welt der Brauspezialitäten.

Doch nicht nur im Eins zu Eins-Gespräch ist der Biersommelier ein Sprachorgan. Auch in der Öffentlichkeit hat er die Aufgabe, für Bier zu begeistern. Im Vergleich zum Wein hat die Bierbranche es leider lange Zeit verschlafen, diese Begeisterung hervorzurufen. Hier bietet die Ausbildung einen neuen Fundus an geschultem Personal, die dies ändern können. Hier liegt jedoch noch viel Arbeit vor uns und allen in der Branche.

Christoph Barre von der Privatbrauerei Barre betonte unlängst, dass sich der Markt verändert hat. „Vor 15 Jahren wurde auf Messen nicht über Bier gesprochen. Da wurde über Regionalität und Marktmacht gesprochen und nicht über Rezepturen oder Rohstoffe. Das hat sich kolossal geändert. Heute wird über Kalthopfung und Provenienzen von Rohstoffen und Aromahopfen gesprochen.“ Wie schätzen Sie diese Aussage ein?

Die Aussage trifft den aktuellen Zeitgeist sehr gut. Immer mehr Konsumenten legen Wert auf qualitative Rohstoffe und wollen wissen, was in Lebensmitteln oder Getränken enthalten ist. Dazu kommt der Wunsch nach einem gewissen „Experten-Dasein“, nach Selbstverwirklichung und Individualisierung: Die Menschen setzen sich mit einem ganz bestimmten Thema, einer Passion verstärkt auseinander, werden „Kenner“ in diesem Gebiet, um sich von anderen abzugrenzen. Dementsprechend wird auch im Bereich Bier Transparenz von den Brauereien erwartet. Der Wissensdurst ist groß.

(Weiterlesen: Privatbrauerei Barre: Familienbrauerei zwischen Großkonzernen und Craft-Bier)  

Foto: Matthias Sandmann


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