Medikamente gegen Sodbrennen Vorsicht vor Magensäureblockern: Ärzte haben weitere Nebenwirkung ausgemacht

Millionen Deutsche nehmen Magensäureblocker ein, doch bei langfristiger Einnahme können sie zu Knochenbrüchen und Magnesiummangel führen. Foto: imago images/Uwe SteinertMillionen Deutsche nehmen Magensäureblocker ein, doch bei langfristiger Einnahme können sie zu Knochenbrüchen und Magnesiummangel führen. Foto: imago images/Uwe Steinert

Hamburg/Wien. Millionen Menschen in Deutschland nehmen Magensäureblocker wie Omeprazol. Doch die Mittel sind umstritten. Ärzte haben eine weitere Nebenwirkung ausgemacht.

Seit 30 Jahren gibt es den Magensäureblocker Omeprazol in Deutschland. Patienten, die unter Sodbrennen, Magengeschwüren oder Aufstoßen litten, wurde rasch geholfen. Hunderttausende Magenkranke – und Ärzte – freuten sich über das neue Wundermittel. Doch Omeprazol, Patroprazol und Esomeprazol und Co. sind nicht unumstritten. Es gibt zahlreiche Nebenwirkungen. Nun haben Ärzte in einer neuen Studie eine weitere nachgewiesen.

Protonenpumpenhemmer in der Kritik

Die teils auch rezept­freien Wirkstoffe unterdrücken die Bildung von Magensäure fast voll­ständig. Sie gelten als Alleskönner – und werden daher auch bei Magenproblemen ohne klare Diagnose einge­setzt. Schon seit einigen Jahren kritisieren Experten, dass Magensäureblocker zu oft und leichtfertig verschrieben würden. Laut Zahlen der Barmer Krankenversicherung haben Ärzte im Jahr 2018 rund 11,5 Millionen Versicherten in Deutschland Magensäureblocker verschrieben. (Weiterlesen: Unterschätztes Risiko: So gefährlich sind Schmerzmittel)

Österreichische Forscher berichten, dass die Einnahme von Magensäureblockern offenbar das Risiko für Allergien erhöht. Das habe eine Auswertung von Krankenkassen-Daten ergeben. Patienten, denen Medikamente gegen Magensäure verschrieben wurden, bekamen demnach in den Jahren darauf häufiger auch Medikamente gegen Allergien.

Die Forscher um Galateja Jordakieva von der Universität Wien hatten Daten österreichischer Krankenversicherungen ausgewertet. Sie boten Einblick in die Behandlung von über 8,2 Millionen Patienten, was nahezu der gesamten österreichischen Bevölkerung entspricht. Die Wissenschaftler prüften, wie oft die Menschen zwischen 2009 und 2013 bestimmte Medikamente verschrieben bekamen.

Allergiegefahr bei Frauen höher

Dabei zeigte sich ein Zusammenhang zwischen zwei Erkrankungen: Die Wahrscheinlichkeit, ein Allergiemedikament zu benötigen, war bei Patienten, die schon einen Magensäureblocker verordnet bekommen hatten, zweimal so hoch wie bei anderen Patienten. Besonders stark von der erhöhten Allergiegefahr betroffen waren demnach Frauen und ältere Menschen, berichtet das Team im Fachmagazin "Nature Communications".

Dabei machte es keinen Unterschied, welches Medikament verschrieben wurde. Da Magensäureblocker auf ganz unterschiedliche Weise wirken, vermuten die Forscher, dass ihr Effekt – der veränderte Säurewert (pH) im Magen – für die Allergien verantwortlich ist. Proteine, die über die Nahrung aufgenommen werden, könnten demnach im Magen nicht mehr so gut zerlegt werden und dann Allergien hervorrufen. Es könnte auch sein, so die Forscher, dass die Medikamente Signalwege aktivieren, über die Allergien ausgelöst werden.

Experte rät zur Vorsicht

Ulrich Fölsch vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein rät, Magensäureblocker nicht unbedarft zu nehmen.

Das sind sehr gute Medikamente, welche bei einigen Patienten die Lebensqualität erheblich verbessern können, wobei die Nebenwirkungen sich in einem überschaubaren Rahmen bewegen.Ulrich Fölsch vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

Sie sollten aber nicht vorsorglich, zum Beispiel grundsätzlich zu Schmerztabletten, eingenommen werden.  

Außerdem sollten Magensäureblocker nach einiger Zeit wieder abgesetzt werden, so Fölsch. Manche nähmen sie jahrelang ein. "Wir haben einen Zusammenhang mit Allergien zwar bisher nicht gesehen, aber die Studie zeigt das auf und interessanterweise ganz unabhängig davon, welches Medikament zur Hemmung der erhöhten Magensäure genommen wird."

Weitere Nebenwirkungen von Magensäureblockern

Auch die Stiftung Warentest hat die Magenschutzmittel unter die Lupe genommen. Dort heißt es, die Wirk­stoffe seien generell gut verträglich. Bei Lang­zeit­einnahme scheinen sich jedoch auch Risiken zu ergeben. Eine Unter­suchung liefert einen neuen Hinweis dafür: So zeigt eine Auswertung der Daten von knapp 800.000 Langzeitanwendern in Schweden ein deutlich höheres Risiko für Speise­röhrenkrebs im Vergleich zur Gesamt­bevölkerung. Bemerkens­wert dabei: Dieser Zusammenhang besteht auch bei Patienten, die die Mittel nicht wegen der Refluxkrankheit sondern aus anderen Gründen nahmen. Die Refluxkrankheit ist ein bekannter Risiko­faktor für Speise­röhrenkrebs. (Lesen Sie dazu: Stiftung Warentest: Viele rezeptfreie Medikamente fallen durch)

Ebenso sollen die Magentabletten das Risiko für Knochenbrüche, Herz-Kreis­lauf-Erkrankungen, Lungenentzündung und Darminfektionen erhöhen. Offenbar erleichtert der säurelose Magen den auslösenden Bakterien den Eintritt in den Körper. Bekannt ist außerdem, dass Protonenpumpenhemmer langfristig einen Mangel an Vitamin B12 begüns­tigen können.

Mit Material der dpa


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