„Klimafluch und Klimaflucht“ Dokumentation verdeutlicht die Folgen des Klimawandels

Von Gangloff

Versinkt langsam im Wasser: Javas Hauptstadt Jakarta mit seinen genervten  Einwohnern. Foto: Ali Weda/ dpaVersinkt langsam im Wasser: Javas Hauptstadt Jakarta mit seinen genervten Einwohnern. Foto: Ali Weda/ dpa

Allensbach . Die Dokumentation „Klimafluch und Klimaflucht“ am 22. Juli im Ersten verdeutlicht die Folgen des Klimawandels mit drastischen Bildern.

Anders als die beliebten Reportagethemen Wohnungsnot und Verkehrswende, bei denen den Autoren recht bald die originellen Bildideen ausgehen, sind die Folgen des Klimawandels in dieser Hinsicht ein dankbares Sujet. Wasserfluten in Indonesien, Dürre in Zentralafrika: Mehr braucht es im Grunde nicht.

Thomas Aders bringt mit dem zurückgehenden Permafrost in Sibirien noch einen dritten Aspekt ins Spiel, der nicht so oft genannt wird. Hier lässt sich ein ähnliches Phänomen beobachten wie in Afrika, wo der Tschadsee, Wasserquelle für gleich vier Länder, auf einen Bruchteil seiner ursprünglichen Fläche geschrumpft ist. 

Das Eis erodiert

In der russischen Tundra hat Aders einen Fischer gefunden, der seinen Beruf nicht mehr ausüben kann: Sein See besteht paradoxerweise nur noch aus vereinzelten Tümpeln, obwohl das einstmals „ewige“ Eis ringsherum auftaut. 40.000 Jahre lang gab es hier keine Vegetation, nun tauchen in Folge von Erdrutschen reihenweise Fundstücke aus der Urzeit auf. Häuser, die auf sicherem Untergrund errichtet wurden, stehen heute wie auf Pudding: Das Eis erodiert, der Boden sackt ab, die Infrastruktur der gesamten Region ist bedroht.

Für das Weltklima könnte der Vorgang erhebliche Folgen haben, weil nun Kohlenstoffdioxid und Methan, seit Jahrtausenden im Erdreich gebunden, in ganz erheblichen Mengen freiwerden. In dieser Erde, heißt es im Kommentar, „tickt eine CO2-Bombe, die ganz woanders detonieren wird.“

Wie derzeit die meisten Beiträge dieser Art beginnt auch Aders' Dokumentation mit einer Art Ouvertüre, die mit spektakulären Bildern und plakativen Interviewausschnitten die Höhepunkte vorwegnimmt. Gemessen daran ist die Kommentarformulierung, die Welt sei „auf dem Weg in eine beunruhigende Zukunft“, eine fast schon unangemessene Untertreibung, zumal unmittelbar drauf mit der Aussage „Die Menschheit wächst ins Uferlose“ gleich wieder dick aufgetragen wird.

 Eine entsprechende Grafik veranschaulicht allerdings sehr nachdrücklich, welche Folgen dieses Wachstum hat: weil sich die Treibhausgase in gleichem Ausmaß entwickeln, und das in immer kürzerer Zeit immer schneller.

Wohltuend sachlich

Vom Einstieg abgesehen präsentiert sich Aders“ Film mit dem optisch clever umgesetzten Titel „Klimafluch und Klimaflucht“ allerdings wohltuend sachlich. Er verbreitet keine Panik und verzichtet darauf, beängstigende Zukunftsszenarien zu entwerfen; die Gegenwart ist ohnehin erschreckend genug.

 Erste Station der kleinen Weltreise ist die indonesische Insel Java mit der langsam, aber sicher im Wasser versinkenden Hauptstadt Jakarta. Wie stets in solchen Sendungen sollen Betroffene dafür sorgen, dass aus der abstrakten Katastrophe eine konkrete Bedrohung wird.

 Die Bilder vom Armenviertel, in dem das Wasser mindestens einmal im Monat kniehoch steht, oder die Aufnahmen einer Schule, in der die Kinder nasse Füße bekommen, sind beredter als die Prognosen des indonesischen Klimabeauftragten, der erbitterte Kämpfe um Nahrung und Trinkwasser befürchtet.

Verödung in Zentralafrika

 Ähnlich bedrückend sind die Eindrücke aus Zentralafrika. Dort fehlt das Wasser, von dem der Inselstaat zuviel hat. Bei Temperaturen von dauerhaft 40 Grad im Schatten veröden ganze Landstriche.

Hier führt Aders vor Augen, wie berechtigt sein Titelwortspiel von Klimafluch und Klimaflucht ist: In absehbarer Zeit werden sich die 50 Millionen Menschen, die hier leben, auf den Weg machen, die meisten nach Süden, aber viele auch Richtung Norden, nach Europa.

Dieser Punkt ist der einzige Moment, in dem Aders endlich das Publikum ins Spiel bringt, und das ist ein echtes Manko seines Films. Im Kommentar heißt es zwar sinngemäß zu Beginn, die Menschen im Süden müssten dafür büßen, dass der reiche Norden die Luft verpeste, aber ansonsten setzt der Autor offenbar voraus, dass die Zuschauer die Verbindung zwischen den Wassermassen in Südostasien, der Trockenheit in Afrika und dem eigenen Alltag selbst ziehen werden. 

Hinweis hätte geholfen

Ein Hinweis, dass alles mit allem zusammenhängt, wäre sicher nicht verkehrt gewesen, zumal vor allem Rechtspopulisten gern verbreiten, der Klimawandel werde nicht vom Menschen verursacht. Vermutlich würden sie auch darauf anmerken, dass aufstrebende Schwellenländer ebenfalls ihren Anteil an der Luftverschmutzung hätten.

Durch diese Auslassung kommt Aders, der gewiss ganz andere Absichten hatte, einer „Nach uns die Sintflut“-Mentalität entgegen, weil der von ständigen Schreckensmeldungen aus aller Welt längst abgestumpfte Europäer auf seinem Fernsehsofa beruhigt feststellen kann: alles ganz furchtbar, aber zum Glück weit weg. 


„Klimafluch und Klimaflucht“: Dokumentation am 22. Juli um 22.35 Uhr im Ersten


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