Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Kinder muss man streiten lassen – oder?

Hochwertiger Lego-Gorilla - ein Objekt, der Begierde an dem sich leicht Konflikte entzünden. Illustration: Lilith BenedictHochwertiger Lego-Gorilla - ein Objekt, der Begierde an dem sich leicht Konflikte entzünden. Illustration: Lilith Benedict

Berlin. Konflikte aushalten und lösen: Das ist ein wichtiges Erziehungsziel. An welchem Punkt sollten Eltern einschreiten?

In der vergangenen Woche hat unsere Elternkolumnistin Corinna Berghahn über den Zusammenhang von Geborgenheit und Wohneigentum nachgedacht und ihren Brieffreund Daniel Benedict gefragt: „Wie konflikterprobt sind Deine Kinder mit anderen Gleichaltrigen? Und wann schreitest Du ein?“ Das ist seine Antwort:  

Liebe Corinna,

je mehr ich über Konfliktfähigkeit meiner Kinder nachdenke, desto klarer wird mir: Sie streiten ganz anders als ich. Zu ihrer Wut gehört zum Beispiel die tiefe Gewissheit, im Recht zu sein – weil sie gestern schon Zähne geputzt haben, andere Kinder auch zwischendurch Spielzeug kriegen und ihr Bruder immer alles darf und sie gar nichts. Aus diesem Selbstbewusstsein heraus eskalieren sie ungeheuer schnell, heulen, brüllen und knallen mit Türen. (Hinter denen sie irgendwann doch wieder grollend hervorkommen müssen. Hihi.)

Mit der reifen Persönlichkeit des Erwachsenen sehe ich solche Auseinandersetzungen differenzierter. Ich nehme den Streit auf der Sachebene wahr, aber auch als Ausdruck kindlicher Entwicklungsphasen und im Kontext ihrer Geschwisterbeziehung. Jeder Blickwinkel erfordert eine andere Reaktion; das macht es so knifflig. Eins sind Kinderstreitigkeiten immer: eine massive Störung. Weshalb ich oft auch ganz einfach intuitiv vorgehe, erstmal selbst rumbrülle, aus dem Zimmer stürme und dann kleinlaut zurückkehre. Aber, und hier kommt der Unterschied, anders als die beiden fühle ich mich schlecht dabei.

Im Grunde fahren wir trotzdem gut damit: Wir haben eine feierliche Versöhnungskultur und den Kindern gelingen immer öfter verblüffende Kompromisse. Wahrscheinlich können sie ihr Geschrei selbst nicht mehr hören. Ich wiederum lerne von ihnen, nach einem Streit zur guten Laune zurückzufinden. Noch ihre wüstesten Ausbrüche vergessen sie nämlich binnen Sekunden. Das gilt allerdings nur für häusliche Konflikte, wo mit offenem Visier gekämpft wird. In der Kita ist alles ganz anders. Da merken die Kinder mitunter nicht mal, dass überhaupt ein Konflikt vorliegt; und auch für mich ist es manchmal schwer zu entscheiden.

Gerade erst hat mein Sohn das Haus beispielsweise mit einem hochpreisigen Lego-Gorilla verlassen. Wiedergekommen ist er mit einem säuerlich riechenden Plastik-Dino: Er hatte getauscht. Und ich hatte den Verdacht, dass es bei dem Geschäft weniger um Spielsachen ging als um Zuneigung. Tausch mit mir – sonst bist du nicht mehr mein Freund. Kinder sagen sowas ja ständig; meine auch, dabei habe ich es streng verboten. Kackpups, Scheiße, alles dürfen sie sagen. Aber das nicht. Die Kindheit, die Jugend – in Wahrheit ist da ja eine ziemlich schwierige Zeit. Da muss man sich auf seine Freunde verlassen können. Wenn ich den sofortigen Rücktausch des Gorillas angeordnet und weitere Deals untersagt habe, lag es also nicht nur am Warenwert. Im Gegenteil. In unserem Kinderzimmer steht ja immer noch Woolworth’s edler Dudel-Roboter „DGTAL Warror 08“. Auch er wird uns nun nie auf dem Tauschweg verlassen. Gute Erziehung fordert Opfer.

Herzliche Grüße

Dein Daniel

PS: Welches Spielzeug Deiner Kinder verachtest Du am meisten?

Über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kennen das: Corinna Berghahn, zweifache Mutter, hat ihrer großen Tochter schon den Adventskalender geplündert und die kleine ohne schlechtes Gewissen nach drei Monaten abgestillt. Daniel Benedict intrigiert bei den Großeltern, damit seine Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie einander das Herz aus.



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