Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Elternschaft und Abschied: Einmal muss es vorbei sein!

La Paloma, ohé, einmal muss es vorbei sein! Hans Albers singt in "Große Freiheit Nr. 7" den Abschiedsschlager schlechthin. Illustration: Lilith BenedictLa Paloma, ohé, einmal muss es vorbei sein! Hans Albers singt in "Große Freiheit Nr. 7" den Abschiedsschlager schlechthin. Illustration: Lilith Benedict

Berlin. Wer Kinder hat, muss Abschied nehmen, vom Schlaf, den Milchzähnen und irgendwann von den Kindern selbst. Eine Kolumne.

In der vergangenen Woche hat unsere Elternkolumnistin Corinna Berghahn Impfgegnern einen Platzverweis erteilt und ihren Brieffreund Daniel Benedict gefragt: „Kannst Du Dich gut verabschieden?“ Das ist seine Antwort: 


Liebe Corinna,

Schlafen und das Sterben liegen in der Lyrik ja ganz nah beisammen. In ihrer Melancholie neigen Gute-Nacht-Lieder daher leicht zum Morbiden. Ich erinnere mich noch, wie sensibel ich da im Säuglingsalter der Kinder reagiert habe. Einen Klassiker wie „Der Mond ist aufgegangen“ habe ich konsequent zensiert, aus reinem Aberglauben. Ich war mir sicher: Es bringt Unglück, ausgerechnet an der Wiege den lieben Gott zu besingen, der uns sonder Grämen irgendwann aus der Welt nehmen wird – durch einen sanften Tod.

Als alter Freund von Seemannsliedern habe ich mich dann aber selbst überlistet und „La Paloma“ eingeführt. Inzwischen ist es ein Lieblingslied, das die Kinder jeden zweiten Abend einfordern. Nichts begeistert sie mehr als jene tragisch von der Seefahrt zerrissene Familie, nichts diskutieren sie leidenschaftlicher als den ewigen Schmerz, den selbst Hans Albers’ Trostvers nichts stillt: „Mein Kind, sei nicht traurig, tut auch der Abschied weh.“ Natürlich geht es in dem Lied nicht nur ums Abreisen, sondern auch ums Absaufen. Enden tut es schließlich so: „Auf Matrosen, ohé! Einmal muss es vorbei sein. Einmal holt uns die See und das Meer gibt keinen von uns zurück.“ Meine Kinder haben das bislang aber nicht wahrgenommen; beim Zurückgeben haben sie nie genau hingehört. Früher war es meine Brille, jetzt die Bettdecke.

Abschiede sind für Eltern ein Riesenthema. Ständig muss man sich vor irgendwas trennen: von den Babylöckchen, dem Schnuller und, am besten heimlich, vom kaputtgespielten Ü-Ei-Schrott. Sobald die Kinder da sind, rast die Zeit. Die Trennungen fangen sprichwörtlich mit der Geburt an, dem paradoxen Moment, an dem man sich sowohl dem Schlaf Lebewohl sagt als auch dem Nachtleben. Meiner Überzeugung nach besteht sogar ein direkter Zusammenhang zwischen Vaterschaft und Haarausfall. Wenn man die Jugend so offensichtlich hinter sich lässt, gibt der Körper die Maskerade auf und zeigt sich augenblicklich als das, was er ist: alt und angezählt.

Das Gute ist, dass es dann keine Rolle mehr spielt. Auch räudig werde ich geliebt; zumindest von den Kindern, die mich in der Kita täglich mit Abschiedsküssen überhäufen. (Mich und meine Brille, der Fetisch hält sich.) Wahrscheinlich ist es die Macht dieser Zuwendung, die mich alle Opfer so kaltlächelnd wegstecken lässt: die Bücherwand, die ich nie mehr auslesen werde, die Augenringe, meine verpasste Karriere – es ist mir egal. „Wenn der Sturmwind sein Lied singt, dann winkt mir“, singt Hans Albers, „der großen Freiheit Glück.“ So geht‘s mir auch. Ohé.

Herzliche Grüße!

Dein Daniel

PS: Apropos sicherer Hafen: Sind Deine Kinder im eigenen Haus glücklicher als vorher?

Über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kennen das: Corinna Berghahn, zweifache Mutter, hat ihrer großen Tochter schon den Adventskalender geplündert und die kleine ohne schlechtes Gewissen nach drei Monaten abgestillt. Daniel Benedict intrigiert bei den Großeltern, damit seine Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie einander in dieser Kolumne das Herz aus.



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