Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Impfgegner müssen leider draußen bleiben!

"Darf man Impfgegner zum Kindergeburtstag einladen?" Nein, findet unsere Elternkolumnistin. Foto: imago/ Christian Ohde"Darf man Impfgegner zum Kindergeburtstag einladen?" Nein, findet unsere Elternkolumnistin. Foto: imago/ Christian Ohde
Christian Ohde

Osnabrück. "Darf man Impfgegner zum Kindergeburtstag einladen?" Nein, findet unsere Elternkolumnistin. Denn diese Menschen handeln – ob aus Angst oder Verblendung – unverantwortlich.

In der vergangenen Woche hat Daniel Benedict über seine abenteuerliche Reise mit Kindern in Sturm und Bahn berichtet – und seiner Brieffreundin dann diese Gretchenfrage gestellt: "Darf man Impfgegner zum Kindergeburtstag einladen?" Das ist ihre Antwort: 

Lieber Daniel,

Impfen ist aktuell ja wieder in aller Munde, beziehungsweise spaltet die Elternforen unserer Lande. Grund sind der Anstieg von Masern: Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind 2017 in Europa 23.927 Menschen an Masern erkrankt – 2016 waren es 5273. Seit Anfang dieses Jahres wurden auch in Niedersachsen zahlreiche Erkrankungen registriert, das gleiche gilt für Deutschland.

Ich verstehe das nicht: Masern mögen als Kinderkrankheit gelten, können aber hochgefährlich sein: Wer im ersten Lebensjahr erkrankt, hat ein besonders großes Risiko für die chronische Masern-Gehirnhautentzündung (SSPE). Diese macht sich erst nach sechs bis acht Jahren bemerkbar. Sie führt zu Störungen des Nervensystems und letztendlich zum Tod. In Hessen starb ein Mädchen daran, in Berlin ein Baby. (Weiterlesen: Masern in Deutschland: Wo und warum die Krankheit immer wieder ausbricht)

Hierzulande gibt es noch keine gesetzliche Impfpflicht. Allerdings befürworten die Ständige Impfkommission (STIKO) des Robert-Koch-Instituts (RKI) die Regelimpfungen nach dem aktuellen Impfplan. Um beispielsweise vor den Masern zu schützen, ist die Empfehlung, Kindern ab zwölf Monaten die erste Impfdosis zu verabreichen. Die zweite sollte dann bis zu einem Alter von zwei Jahren gespritzt werden.

Foto: Colourbox.de

Meine Kinder sind gegen alles geimpft, was empfohlen wird.Trotzdem erkrankte eines im zarten Alter von einem Jahr an Keuchhusten. Allein diese softe Version einer einstmals oft tödlichen Krankheit hat uns damals große Sorgen bereitet, denn es ist nicht schön, neben sich ein nach Luft ringendes Kind zu sehen.

Ich kann auch nur einen möglichen Grund dafür nachvollziehen: Verpeiltheit. Ich selbst wurde als jüngste von vier Kindern gegen nichts geimpft, weil meine Eltern es in ihrem trubeligen Alltag schlichtweg vergessen hatten. Daher weiß ich, wie unangenehm die angeblich so harmlosen sind. 

Dann gibt es noch die scheinbar unausrottbare Angst der Impfgegner vor dem Impfen: Angeblich kann die Kombi-Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln Autismus auslösen. In die Welt gebracht wurde diese These vom Briten Andrew Wakefield. Und obwohl er längst mehrfach widerlegt wurde, nehmen ihn Impfgegner immer noch ernst. Einer der prominentesten ist übrigens der aktuelle Präsident der USA, Donald Trump. Der tweetete einst: "Gesundes, junges Kind geht zum Arzt, bekommt eine massive Impfung mit vielen Impfstoffen, fühlt sich nicht gut, verändert sich – Autismus. Viele solche Fälle"

Donald Trump ist kein Mediziner, aber ein Populist, der gerne seltsame Theorien verbreitet, um seine Wähler anzusprechen. Ich bin eher Fan von Wissenschaft und medizinischem Fortschritt. Und was das angeht, ist Impfen eine Erfolgsgeschichte: Wo geimpft wurde und wird, sank und sinkt die Kindersterblichkeit eklatant. 

Daher zurück zu Deiner Frage: Donald Trump müsste bei uns draußen bleiben, denn ich würde Impfgegner nicht zu einem Kindergeburtstag einladen. Zum einen, weil ich sie für verantwortungslos halte. Zum anderen, weil es nicht ausgeschlossen werden kann, dass sie oder ihre Kinder das Virus streuen und vielleicht jemanden anstecken. Ich habe auch vollstes Verständnis, wenn Kindergärten oder Schulen darauf bestehen, dass nur geimpfte Kinder die Einrichtung besuchen dürfen. Sie haben das Hausrecht, sie haben eine hohe Verantwortung, sie entscheiden. 

Über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kennen das: Corinna Berghahn, zweifache Mutter, hat ihrer großen Tochter schon den Adventskalender geplündert und die kleine ohne schlechtes Gewissen nach drei Monaten abgestillt. Daniel Benedict intrigiert bei den Großeltern, damit seine Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie auf www.noz.de/elternkolumne einander das Herz aus.

Über eine Impfpflicht hingegen bin ich mir nicht sicher: Im schlimmsten Falle bietet sie Nährboden für all die Verschwörungstheoretiker, die glauben, dass die Pharmaindustrie sie mit staatlichem Segen vergiften will. 

Achja, manche Ärzte mit anthroposophischem Ansatz behaupten, dass das Durchleben der Kinderkrankheiten gut für das Immunsystem sei. Ich bin das Gegenbeispiel, denn wenn meine Kinder einen Infekt mit nach Hause bringen, wirft der mich regelmäßig um, obwohl ich Masern, Windpocken und Röteln am eigenen Körper erlebt habe.

Deine Corinna

PS: Kannst Du Dich gut verabschieden?

Das Buch zur Kolumne gibt es auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind - 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.


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