Diskussion in Niedersachsen Wie eine Impfpflicht in der Praxis aussehen würde – Experte sieht Gefahren

Vom Ziel, die Masern komplett auszurotten, ist Deutschland momentan weit entfernt. Foto: Imago/blickwinkelVom Ziel, die Masern komplett auszurotten, ist Deutschland momentan weit entfernt. Foto: Imago/blickwinkel

Osnabrück. Die Regierungskoalition denkt über eine verbindliche Impfpflicht nach. Doch wie könnte diese in der Praxis aussehen? Und hätte ein umfassender Zwang überhaupt den gewünschten Effekt? Doktor Burkhard Rodeck, Chefarzt am Christlichen Kinderhospital Osnabrück, ist skeptisch.

Für die Weltgesundheitsorganisation WHO sind sie eine globale Bedrohung: Impfgegner, die sich weigern, ihre Kinder impfen zu lassen. Auch durch sie sei die Zahl der an Masern erkrankten Personen im Jahr 2017 um 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr angestiegen. Selbst in einigen Ländern, die bereits kurz vor der Ausrottung der Krankheit gestanden hätten, gibt es laut der WHO wieder mehr Fälle. In Deutschland sank die Zahl der Masernfälle zwar im Jahr 2018 auf 543 von zuvor 929. Doch die Impfbereitschaft sinkt. 

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Auch wenn laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung über 90 Prozent der Kinder in Deutschland geimpft wird, reicht das nicht aus um eine Krankheit auszurotten. Gerade bei Masern kommt das Problem hinzu, dass viele Jugendliche und Erwachsene die zweite Impfung verpassen, die für den vollständigen Schutz nötig ist. 

Ist eine Impfpflicht rechtlich möglich?

Nach mehreren registrierten Masern-Ausbrüchen ist eine Impfpflicht nun auch wieder Thema der Bundespolitik – und die Pläne scheinen konkreter zu werden. Anfang Mai soll Gesundheitsminister Jens Spahn einen Vorschlag vorlegen. Der CDU-Politiker hat sich für verpflichtende Masern-Impfungen für Kinder in Kitas und Schulen ausgesprochen. Auch die SPD plädiert dafür. Der CSU-Vorsitzende Markus Söder ist jedoch skeptisch. Unter den Ländern gibt es derzeit auch keine einheitliche Position. Während in Nordrhein-Westfalen eine generelle Masern-Impfpflicht geprüft wird, lehnt Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann eine solche trotz gestiegener Zahlen bisher ab. 

Über diesen Schritt solle erst dann diskutiert werden, wenn es langfristig zu einer Verschlechterung der derzeitigen Situation komme, so die SPD-Politikerin. "Eine gesetzliche Impfpflicht greift stark in die Selbstbestimmung ein und bedarf daher einer besonderen Begründung." Der Koalitionspartner sieht das anders: Die CDU-Fraktion unterstützt eine verpflichtende Impfung für Kindergartenkinder.


Doch wie würde eine Impfpflicht in der Praxis aussehen? Doktor Burkhard Rodeck, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, sieht drei mögliche Varianten. Die Minimaloption einer Impfpflicht, die bereits angewandt wird, werde von den Gesundheitsämtern für bestimmte Gemeinschaftseinrichtungen ausgesprochen. So geschehen im März im Landkreis Hildesheim und in anderen Teilen Niedersachsens, wo nach einem Ausbruch der Masern Schulkinder bestimmter Einrichtungen ohne Impfschutz zu Hause bleiben müssen. Das deutsche Infektionsschutzgesetz erlaubt eine solche Maßnahme, wenn mit einer "epidemischen Verbreitung zu rechnen ist" (§ 20 Abs. 6).

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Doktor Burkhard Rodeck ist Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Collage: DGKJ/imago/Arnulf Hettrich

Aufklärung an erster Stelle

"Eine generelle Impfpflicht, wie wir sie bei den Pocken hatten, ist ein enormer Eingriff und nur sehr schwer durchzusetzen", so Rodeck. Die Erfahrungen aus anderen Ländern sprächen nicht dafür. Außerdem würde eine allgemeine Impfpflicht mehrere Grundpfeiler des Rechtsstaates betreffen, wie das Persönlichkeitsrecht oder das Recht auf die Integrität von Leib und Leben.

Zur Sache: Masern – Symptome und Impfung

Symptome
Masern gehen mit Fieber, Husten und Schnupfen sowie Entzündungen im Nasen-Rachen-Raum und der Augen-Bindehaut einher. Nach einigen Tagen bildet sich der typische Hautausschlag. Masern schwächen vorübergehend das Immunsystem, so dass der Körper andere Erreger schlecht abwehren kann. Eine besonders gefürchtete Komplikation der Masern-Erkrankung ist die Gehirnentzündung. Sie kann auch Jahre später noch auftreten.
Impfung
Zur Prävention der Masern-Infektion empfiehlt die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut eine erste Masern-Impfung für Kinder im Alter von 11 bis 14 Monaten und eine zweite Impfung für den Altersbereich 15 –23 Monate. Die nachträgliche Impfung mit zwei Dosen wird bis zum 18. Lebensjahr empfohlen. Erwachsene der Geburtsjahrgänge nach 1970, die in der Kindheit nicht oder nur einmal geimpft wurden, oder deren Impfstatus unklar ist, sollten einmalig eine Nachholimpfung erhalten. Die Impfung geschieht per Spritze und gilt allgemein als gut verträglich. Zusammenhänge zwischen einer Impfung und dem Auftreten von Autismus konnten in mehreren Studien nicht belegt werden. 

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin befürwortet hingegen eine indirekte Impfpflicht. Sie würde sich auf alle Kinder in Kitas und Schulen erstrecken. Nur wer geimpft ist, könne eine solche Gemeinschaftseinrichtung besuchen, erklärt Rodeck. Geldstrafen, wie in Italien eingeführt, unterstützt der Chefarzt am Christlichen Kinderhospital Osnabrück nicht. "Solche Regelungen würden die Impfungen auf ein Sanktionierungslevel heben. Wenn ich jetzt jedem 50 Euro abknöpfe, der sein Kind nicht impfen lässt, dann führt das zu einem riesen Aufschrei." Wichtiger sei es, die Bevölkerung zu sensibilisieren und zu informieren. "Viele der Erkrankungen sind aus dem Sichtfeld der Menschen verschwunden. Außerdem sind viele der möglichen Folgeerkrankungen nicht bekannt." Gerade bei Masern kann es auch nach mehreren Jahren noch zu einer Gehirnentzündung kommen, die noch immer tödlich endet.

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Indirekte Pflicht in mehreren Ländern

Rodeck spricht von etwa zehn Prozent an Impfskeptikern in Deutschland und nur einem Prozent radikaler Impfgegner, die ihr Kinder niemals impfen lassen würden oder die berüchtigten Masernpartys veranstalten. Bei einer umfassenden Impfpflicht sieht er die Gefahr, dass aus Impfskeptikern Impfgegner werden.

Kommentar: Her mit der Impfpflicht!

Eine indirekte Impfpflicht, wie sie auch in Deutschland viele Befürworter hat, gibt es in mehreren EU-Ländern. In Frankreich müssen Kinder gegen Masern und zehn weitere Krankheiten geimpft sein, bevor sie eine Kita besuchen können. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2016 lehnt jeder Zehnte in Frankreich Impfungen komplett ab, ein Viertel der Bevölkerung steht ihnen skeptisch gegenüber. Die Impfpflicht gilt dort seit 2018, es ist noch nicht klar, wie sich der Zwang langfristig auswirken wird. Viele Experten befürchten, dass gerade die Zahl der freiwilligen Impfungen durch die Pflicht sinken könnte. 

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(mit dpa)


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