Lifestyle-Getränk mit Wachstumspotential Warum es nicht mehr peinlich ist, alkoholfreies Bier zu trinken

Alkoholfreies Bier liegt im Trend! Das erkennen auch immer mehr Craft-Bier-Brauerei und bringen ihrerseits akoholfreie Variante von Pale Ale, IPA und Co. auf den Markt. Foto: David EbenerAlkoholfreies Bier liegt im Trend! Das erkennen auch immer mehr Craft-Bier-Brauerei und bringen ihrerseits akoholfreie Variante von Pale Ale, IPA und Co. auf den Markt. Foto: David Ebener

Osnabrück/Hamburg. ÜberNormalNull, Der Kapitän oder schlicht Uwe: Wer das am Tresen bestellt, liegt im Trend! Mittlerweile ist jeder 15. Liter Bier, der in Deutschland hergestellt wird, alkoholfrei. Alkoholfreies Bier ist im Kommen und die Zeit, in denen es peinlich war, nach einem alkoholfreien Bier zu fragen, ist längst vorbei!

Der Bierabsatz in Deutschland sinkt seit Jahren. Waren es 1998 noch 109,4 Millionen Hektoliter, wurden im Vorjahr gerade noch 94 Millionen Hektoliter Bier in Deutschland abgesetzt.  

Gleichzeitig nehmen die alkoholfreien Sorten einen immer größeren Stellenwert ein. Bereits 2014 wurde mehr als fünf Millionen Hektoliter verkauft und das Segment legt kontinuierlich zu. Mittlerweile gibt es in Deutschland rund 500 verschiedene alkoholfreie Marken – und der Marktanteil ist auf über sieben Prozent angestiegen.

Auch der Deutsche Brauer-Bund erkennt den Trend zu alkoholfreien Bieren und rechnet damit, dass die Bedeutung dieses Produktsegments weiter steigen wird: „Die Zeiten, in denen Alkoholfreies ein reines Autofahrerbier war, sind längst vorbei. Heute sind alkoholfreie Biere ein Lifestyle-Getränk, das durch seine Vielfalt und seinen Geschmack überzeugt und auch von vielen Sportlern geschätzt wird“, so Holger Eichele, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes in Berlin. 

Der langanhaltend warme Sommer 2018 hat dann sogar die positiven Prognosen des Brauer-Bundes übertroffen: „Im vergangenen Jahr wuchs das Segment um fast 13 Prozent", sagt Marc-Oliver Huhnholz, Pressesprecher des Vereins. „Auf Grundlage dieses Trends rechnen wir damit, dass sich der Marktanteil alkoholfreier Biere binnen weniger Jahre von den erwähnten, derzeit gut sieben Prozent, auf künftig zehn Prozent entwickeln wird." 

Zur Sache

Wann ist ein Bier alkoholfrei?
Der Grenzwert für die Bezeichnung „alkoholfrei“ liegt in Deutschland bei 0,5 Volumenprozent Alkohol. 
Zum Vergleich: eine reife Banane kann bis zu 0,6% enthalten. Fünf Mittelgroße Bananen können demnach so viel Alkohol enthalten wie ein kleines Bier. In Früchten, Fruchtsäften und Brot entsteht Alkohol durch den natürlichen Gärungsprozess. So können Roggenbrot oder Fruchtsäfte bis zu 0,3% Volumenprozent Alkohol entwickeln.  
In Spanien, Italien und Frankreich sind bis zu 1,0 % vol. Alkoholgehalt erlaubt.

Auch die kreative Craft-Bier-Szene hat die alkoholfreien Varianten von Pale Ale, IPA und Co. entdeckt. Auf der diesjährigen Internorga, der internationalen Fachmesse für Gastronomie und Hotellerie in Hamburg, haben die Brauer in der Craft-Bier-Arena auch ihre alkoholfreien und -armen Biere vorgestellt. 

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Unsere Redaktion hat mit den Brauereien vor Ort über das Thema gesprochen.

Der alkoholfreie Vorreiter kommt aus Hamburg

Eines der populärsten alkoholfreien Biere der Craft-Bier-Szene ist das „ÜberNormalNull“ (ü.NN) von der Kehrwieder Kreativbrauerei aus Hamburg-Sinstdorf. Das Bier ist mittlerweile das Zugpferd der Brauerei um Braumeister Oliver Wesseloh. Das alkoholfreie India Pale Ale (IPA) ist mehrfach preisgekrönt und wurde zuletzt mit dem „Meininger‘s International Craft Beer Award“ in Gold auch mit dem „European Beer Star“ in Gold ausgezeichnet.

„Es gab immer schon Witze über alkoholfreies Bier – und in der Tat waren alkoholfreie Biere in der Vergangenheit eher eine Bestrafung anstatt eine Belohnung dafür, das man keinen Alkohol trinkt", sagt Oliver Wesseloh. „Da ich aber Biertrinker bin, habe ich immer Probleme, wenn ich mal keinen Alkohol trinken will – Limo ist mir nach einem Glas zu süß und Wasser zu fad." Daher trug er schon lange den Gedanken mit sich herum, ein eigenes alkoholfreies Bier herzustellen. „Ich habe dabei natürlich sofort an ein IPA gedacht, da der Hopfen viel Charakter mitbringt. "

Das Problem für Wesseloh war aber stets, dass die gängigen Technologien, alkoholfreie Biere herzustellen aufwändig und teuer sind und somit für kleine Brauereien kaum umsetzbar sind.

Eine Unterhaltung 2015 mit einem befreundeten Braumeister, der eine gärschwache Hefe für ein alkoholfreies Weißbier ausprobieren wollte, brachte den entscheidenden Hinweis. "Ich erinnerte mich, dass wir im Studium über gärschwache Hefe, die den Malzzucker nicht vergären können, unterrichtet wurden, und setzte mich mit diversen Hefebanken in Verbindung", erklärt der Braumeister. „Nach kurzer Absprache der Gärprofile habe ich mich schnell für einen Stamm entschieden und der hat auch gleich perfekt gepasst." Mithilfe dieser Hefe stoppt die Gärung automatisch bei 0,3 bis 0,4 Volumenprozent Alkohol. Seit dem ersten Versuch im November 2015, wird das ÜberNormalNull von Kehrwieder nach diesem Verfahren gebraut.

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Zur Sache

Entzug oder Stopp: Wie entsteht alkohlfreies Bier?
Die meisten klassischen, alkoholfreien Biere werden mit zwei Verfahren hergestellt.  
Beim ersten Verfahren wird das Bier als alkoholhaltiges Vollbier gebraut. Nach der Gärung wird dem Bier bei niedrigen Temperaturen im Vakuum der Alkohol wieder entzogen.
In der zweiten Methode wird der Gärprozess direkt am Anfang gestoppt und die Hefe muss restlos entfernt oder abgetötet werden, bevor der Alkoholanteil 0,5 Volumenprozent erreicht´. 

Neues Selbstbewusstsein schaffen

Seit Mai 2018 gibt sogar es eine Craft-Bier-Marke, die ausschließlich alkoholfreie Biere produziert und vertreibt: Uwe. Dahinter stecken die Filmproduzentin Laia Gonzalez, Sönke Schmidt (Kreativdirektor) und Philip Wienberg (Kreativdirektor) - allesamt aus Hamburg. Auf der diesjährigen Internorga stellte die junge Brauerei bereits ihr drittes alkoholfreies Bier, ein Craft-Radler, vor.  

Foto: Avalia Studios GmbH

Im Gespräch erklärt Brauerei-Mitbegründer Philip Wienberg, dass er eigentlich immer gerne zum alkoholhaltigen Bier gegriffen. Vor knapp drei Jahren bekam er aber gesundheitliche Probleme, sodass er seitdem auf Alkohol verzichtet. „Was soll ich denn jetzt trinken?“ stand als Frage für Wienberg im Raum. „Das Angebot an alkoholfreien Bieren in der Gastronomie oder in Craft Bier-Shops hat mir überhaupt nicht gefallen.“ Da er aber nicht auf Bier verzichten wollte, begann er sich zusammen mit Gonzalez und Schmidt mit dem Thema alkoholfreies Bier zu beschäftigen. Zwei Jahre hat es gedauert, bis die ersten beiden alkoholfreien Biere, ein IPA und ein leichtes Summer Ale, fertig waren. Entwickelt wurden die Sorten mit dem Brauer Ludwig Hörnlein vom Brauhaus Hartmannsdorf im sächsischen Hartmannsdorf. 

Genau wie die Kehrwieder Kreativbrauerei nutzt die Brauerei dabei eine Hefe, die Malzzucker nur in geringen Teilen zu Alkohol vergärt. So stoppt die Gärung automatisch bei ungefähr 0,3 Volumenprozent.

„Wir wollen alkoholfreiem Bier neues Selbstbewusstsein geben!“, erklärt Wienberg. Den Namen Uwe haben die drei gewählt, weil dieser typisch norddeutsch, bodenständig, vertraut klingt und einfach zu bestellen ist. Zusätzlich ziert ein kleines Äffchen mit einem Herzförmigen Gesicht das Etikett.

„Damit man sich nicht zu Affen macht, wenn man alkoholfreies Bier trinkt!“ Uwe

Von der eigenen Gastronomie in den Supermarkt

„Alkoholfreies Bier liegt im Trend“, bestätigt auch Michael König, Biersommelier von Maisel & Friends, der Craft-Bier-Marke der Familienbrauerei Maisel aus Bayreuth. Ein alkoholfreies Weißbier führt Maisel bereits seit vielen Jahren. Auf der Internorga 2019 haben Maisel & Friends ihr erstes alkoholfreies Pale Ale vorgestellt.

„Das Bier führen wir in unserer eigenen Gastronomie ‚Liebesbier‘ in Bayreuth bereits seit dem vergangenen Herbst“, erklärt König. Der erste Testsud des Bieres ging schon Wochen vorher ausschließlich an die Mitarbeiter der Brauerei. Jeder bekam sechs Flaschen zum Testen und einen detaillierten Fragenbogen für die Verköstigungsnotizen. „Das Bier kam direkt so gut an, dass wir weiter gefeilt haben“, erklärt König. So wurde das alkoholfreie Pale Ale in der hauseigenen Gastronomie ausgeschenkt und nachdem die Rückmeldungen durchweg positiv waren, ist es seit März dieses Jahres im Handel erhältlich, als eine von fünf dauerhaften Craft-Biere-Sorten von Maisel & Friends.

Für die Herstellung ihres alkoholfreien Bieres kombinieren Maisel & Friends die beiden gängigsten Methoden: Stopp der Gärung und nachträglicher Alkoholentzug.

Der Kapitän liegt in Altona vor Anker

Auch die Brauerei Landgang aus Hamburg-Altona hat seit dem Sommer 2018 eine alkoholfreie Craft-Bier-Variante im Sortiment. „Der Kapitän“, so der selbstbewusste Titel, ist ein alkoholfreies Pale Ale. „Die Idee kam uns, weil es nicht so schrecklich viele Alternativen an geschmackvollen alkoholfreien Bieren gibt“, sagt Sascha Bruns, Brauer von Landgang. „Ein paar unserer Kreativbrauer-Kollegen brauen hervorragende Varianten, aber der Markt ist sonst eher dünn und die Nachfrage groß.“ Besonders in der Gastronomie komme „der Kapitän“ gut an.

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Alkoholfreies Craft-Bier in der Sterne-Gastronomie

Auch in Berlin ist alkoholfreies Craft-Bier auf dem Vormarsch. „Ein gutes alkoholfreies Bier ist gefragt“, erklärt Corinna Harndt von Schoppe Bräu. So hat die Brauerei, die mit Schoppes Bär auch eine eigene Bio-Linie führt,  seit vergangenem Jahr zwei alkoholfreie Craft-Biere im Sortiment. Sowohl das "No Juice"-Pale Ale als auch die Bio-Variante "Roter Bär" arbeiten mit Stop-Gärung.

„Wir haben angefangen, alkoholfreies Bier zu brauen, als wir gemerkt haben, dass man es auch richtig lecker machen kann durch die Zugabe von speziellen Hopfensorten, die man inzwischen vom Pale Ale kennt", sagt Thorten Schoppe, der Namensgeber und Braumeister von Schoppe Bräu. "Dieses 'da fehlt da doch was' wird durch den gezielten Einsatz von hocharomatischen Hopfensorten in Wohlgefallen aufgelöst."

Das alkoholfreie IPA „Naked“ der Brauerei BRLO, vom alt-slawischen Ursprung des Namens Berlin, gibt es seit dem Sommer 2017 und ist mittlerweile auch auf der Getränkekarte des Sternerestaurant „Kin Dee“ im Berliner Tiergarten und im Szenelokal „Grill Royal“ vertreten. 

„Wir behaupten, dass man noch nicht einmal schmeckt, dass der Alkohol fehlt. Wir übernehmen aber keine Verantwortung für eventuelle Placebo-Effekte.“ Katharina Kurz, Mitbegründerin von BRLO

Weiterlesen: Alkoholfreies Bier auf dem Vormarsch 

"Im Nachhinein hätte man das vielleicht sogar voraussehen können, denn die beiden Segmente, die im rückläufigen Biermarkt dennoch Wachstum zeigen, sind die der alkoholfreien Biere und die der Kreativbiere – wenn man denn vor der Produktentwicklung eine Marktanalyse gemacht hätte", resümiert Oliver Wesseloh. „Dass es inzwischen gut zehn verschiedene Brauereien und Projekte gibt, die die Idee aufgegriffen haben, spricht für das Potential in diesem Segment." Für Wesseloh ist das der Beweis, dass alkoholfrei auch lecker sein kann und und dass viele Leute Bier trinken wegen des Geschmacks und nicht wegen des Alkohols. 

Foto: David Ebener



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