Neue Studie zur Geburtenfolge Sind Letztgeborene risikobereiter als ihre Geschwister?

Traut sich der Letztgeborene mehr zu als der ältere Bruder? Symbolfoto: imago images / Westend61Traut sich der Letztgeborene mehr zu als der ältere Bruder? Symbolfoto: imago images / Westend61

Osnabrück. Unerschrocken, abenteuerlustig und auch rebellisch: Solche Charaktereigenschaften schreibt man gerne Letztgeborenen zu. Doch stimmt das? Eine Studie liefert dazu jetzt neue Erkenntnisse, wie das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung berichtet.

„Willst du einen Bonbon haben?“, fragte die Verkäuferin an der Kasse die fünfjährige Lisa. Die überlegte - wie so oft - nicht lange und erwiderte flink: „Ja, aber kann ich auch einen für meine große Schwester haben?“ Natürlich bekam sie ein weiteres Bonbon. Während also die Jüngere Süßigkeiten organisierte, wartete die zwei Jahre ältere Erstgeborene schüchtern in sicherer Entfernung an der Tür. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt: Nach diesem Motto geht die erwachsene Lisa noch heute ihren Weg.

Wer sich im Familien- und Bekanntenkreis umhört, der wird sicher von ähnlichen Beobachtungen und Geschichten hören. Oftmals scheinen Letztgeborene sich mehr zu trauen als ihre älteren Geschwister. Eine Charaktereigenschaft, die sich später bestimmt auch in ihrem weiteren Werdegang niederschlagen wird, könnte man denken. Schließlich können doch auch berühmte Beispiele wie die Naturforscher Charles Darwin und Alexander von Humboldt diese Annahme untermauern.

Doch das ist eine allzu waghalsige These: Letztgeborene sind nicht risikobereiter oder draufgängerischer als ihre älteren Geschwister. Das ist das Ergebnis der aktuellen Studie eines Forscherteams vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, der Universität der Balearen, der Universität Basel und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, die jetzt im Journal „PNAS“ veröffentlicht wurde. 

Kein Zusammenhang zwischen Geburtenfolge und Risikobereitschaft

Die Wissenschaftler fanden anhand von drei großen Datenanalysen heraus, dass die Geburtenreihenfolge keinen Einfluss auf die individuelle Risikobereitschaft hat. Dazu hatten die Forscher Daten aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) in Deutschland und aus der sogenannten Basel-Berlin Risk Study ausgewertet. Bei diesen wissenschaftlichen Befragungen unterziehen sich Erwachsene experimentellen Verhaltenstests und Selbsteinschätzungen. Die Experten recherchierten darüber hinaus die Geburtenreihenfolge von fast 200 historischen Entdeckern und Revolutionären.

Die Annahme, dass die Geburtenfolge die Persönlichkeit beeinflusst, wird von Wissenschaftler schon länger viel diskutiert. Als Beispiel stellt das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in einer Mitteilung die Arbeiten des amerikanischen Wissenschaftshistorikers Frank Sulloway aus den 90er-Jahren heraus. Ihm war bei seiner Forschung aufgefallen, dass es statistisch gesehen unter politischen oder wissenschaftlichen Revolutionären mehr Letztgeborene gibt. Daraus leitete er sein Familiendynamik-Modell ab. Demnach können sich Erstgeborene einer ungeteilten Aufmerksamkeit der Eltern sicher sein, wohingegen die jüngeren Geschwister sich ihren Platz erst erkämpfen müssten. Das führe dazu, dass sie ein höheres Risiko eingehen müssten - eine Erfahrung, die ihre Persönlichkeit präge. 

Berühmte Abenteuerer und Entdecker unter Erstgeborenen

Mittlerweile hätten Studien jedoch keinen Zusammenhang zwischen Geburtenfolge und Persönlichkeit im Allgemeinen nachweisen können, erklärt das Max-Planck-Institut. Das Forscherteam wollte nun konkret wissen, ob das auch für die Risikobereitschaft gilt: „Wir konnten weder in Umfragen, noch in experimentellen Versuchen, noch in den Stichproben historischer Persönlichkeiten, die enorme Risiken eingegangen sind, Hinweise für diese These finden“, so Ralph Hertwig, Direktor des Forschungsbereichs Adaptive Rationalität am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Mitautor der Studie. Beispiele von Erstgeborenen wie Reformator Martin Luther, Entdecker Christoph Kolumbus und die Abenteurerin Mary Kingsley zeigten, so das Institut weiter, „dass es wohl andere Faktoren als die Geburtenreihenfolge geben muss, die dazu führen, dass Menschen sich für ein risikoreiches Leben entscheiden.“


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