Social Media, #FridaysForFuture und Co. Unpolitisch und angepasst: Wie rebellisch sind Jugendliche heutzutage?

Selbstinszenierung statt Protest? Jugendliche unterscheiden sich heute zumindest in der Art und Weise für die eigenen Rechte einzustehen. Foto: Jörg Carstensen/dpaSelbstinszenierung statt Protest? Jugendliche unterscheiden sich heute zumindest in der Art und Weise für die eigenen Rechte einzustehen. Foto: Jörg Carstensen/dpa

Osnabrück. Halbstarke, Hippies, Hausbesetzer: Politischer Protest war jahrelang geprägt durch gesellschaftliche und existenzielle Fragen. Etwa in den 70ern, als Studenten auf die Straße gingen, um gegen die Wohnungsnot zu demonstrieren. Mittlerweile hat sich die Gesellschaft gewandelt, und mir ihr das Engagement der Jugendlichen. Sind Teenager heutzutage unpolitischer als früher?

Noch nie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist die Jugend in Deutschland so wenig rebellisch gewesen wie heute. Das belegt die jüngste Studie des Sinus-Instituts aus dem Jahr 2016, das Jugendliche dazu befragt hatte, wie sie ihren Alltag erleben und bewerten oder wie sie politische Verhältnisse in Deutschland und der Welt einschätzen würden. Demnach sehnen sich Jugendliche zunehmend nach Geborgenheit in einer unübersichtlichen Welt, rücken immer näher zusammen und verfolgen gemeinsame, heterogene Interessen. Beispiel: Klimawandel.

Kein Punk mehr für's Leben

Ist die Jugend von heute also angepasster und weniger rebellisch als früher? Nein, sagt Marcus Kleiner, Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der SRH Hochschule der populären Künste in Berlin. Für ihn habe sich vielmehr das Engagement Jugendlicher und die Art des Protests geändert. Kleiner: 

Jugendliche haben heute kaum noch die Idee ,Ich bin ein Punk für’s Leben‘, wie es früher der Fall war. Stattdessen werden Proteste individueller, weil Jugendliche im Alltag und im Berufsleben flexibler sein müssen, und sich nicht mehr so stark oder langfristig an eine kulturelle Gemeinschaft oder politische Idee binden möchten.

Für Kinder, die etwa in den 80er- und 90er-Jahren zur Welt gekommen sind, müssen Protest und Politik auch immer ein Spektakel oder ein Event sein – geprägt durch soziale Medien, in denen man sich zur Schau stellen könne, um Aufmerksamkeit und Anerkennung zu bekommen. Gleichzeitig seien die Möglichkeiten sich zu organisieren, schneller und einfacher geworden. „Das politische Bewusstsein dieser Generationen ist überhaupt nicht verschwunden. Es ist nur flüssiger und vielfältiger geworden“, so Kleiner. „Jugendliche organisieren sich nicht mehr so stark parteipolitisch, sondern an einzelnen Themen, die sie interessieren oder betreffen.“

Das zeigt die jüngste Bewegung #FridaysForFuture, die Jugendliche nutzen, um europaweit für eine bessere Klimapolitik einzustehen. Doch genauso schnell wie sie sich einer solchen Bewegung anschließen, würden die Jugendlichen sie auch wieder verlassen, so Kleiner. (Lesen Sie dazu auch: 1200 Schüler streiken in Osnabrück für bessere Klimapolitik)

Foto: dpa/Christian Charisius

Wandel gesellschaftlicher Strukturen

Nils Schuhmacher, Sozialforscher an der Universität Hamburg, sagt, dass sich der Wandel im Engagement der Jugendlichen auch mit dem geringeren Bedarf des politischen Protests erklären lasse. So sei die Gesellschaft vor 30 bis 40 Jahren viel stärker durch gesellschaftliche Fragen geprägt gewesen als heute. Etwa die ökologischen Protestbewegungen Mitte der 70er-Jahre oder die linke, sehr aktive Szene der Hausbesetzer, die in den 80er-Jahren Blockaden als Mittel nutzte, um sich bei Politikern Gehör zu verschaffen. Schuhmacher: 

Diese Proteste haben früher in einem anderen gesellschaftlichen Rahmen stattgefunden. Zum einen mussten sich viele Minderheiten ihre Rechte deutlich härter erkämpfen, als es heute der Fall ist. Zum anderen fanden diese Kämpfe vor dem Hintergrund einer globalen Systemkonkurrenz statt. Sie tendierten damit auch schneller dazu, grundsätzliche Fragen sozialen Wandels zu thematisieren.

Was Aktivisten früher und heute eint sind gemeinsame Werte, Vorstellungen oder auch Ziele, die sie verfolgen. Orientiert etwa an der äußeren Darstellung, dem Tragen bestimmter Kleidung, Tattoos oder Piercings bis hin zu besonderen musikalischen Interessen. Hippies etwa, die sich in den 50er-Jahren mit Blümchen in den Haaren von einer autoritären Gesellschaft abwendeten. Anti-Atomkraft-Aktivisten die sich ab den 70ern dank Rock- und Folkmusik von ihresgleichen abhoben oder Raver, die Mitte der 90er-Jahre, schrill und bunt, eine in sich hochpolitische Szene darstellten, die Homo-, Heterosexuelle und Transgender zusammenbrachte. 


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