Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Erziehung: Darf man vor den Kindern trinken?

Korn, Bier, Schnaps und Wein: Darf man vor den Kindern Alkohol trinken? Illustration: Lilith BenedictKorn, Bier, Schnaps und Wein: Darf man vor den Kindern Alkohol trinken? Illustration: Lilith Benedict

Berlin. Erzieherisches Vorbild: Manche Dinge sollten Eltern unbedingt heimlich machen – gehört der Genuss von Alkohol dazu?

In der vergangenen Woche hat unsere Elternkolumnistin Corinna Berghahn sich als gefürchtetes Tobemonster geoutet und ihren Kollegen gefragt: „Trinkst Du vor den Kindern Alkohol? Es soll ja Eltern geben, die das nicht machen.“ Dies ist die Antwort von Daniel Benedict:

Liebe Corinna,

ich trinke nur wenig. Aber wenn ich mal ein Bier aufmache, dann nie, ohne den Kindern mit großer Geste einen Schluck vom Schaum anzubieten. Wir alle lieben die entsetzten Gesichter, die man damit an sämtlichen Nebentischen auslöst. In den 80ern wurde es ja wirklich noch so gemacht. Von mir kriegen die beiden natürlich nichts ab. Wollen sie auch nicht. Von allem, was nur für Erwachsene ist, interessiert Alkohol sie am wenigsten. Wenn mein Arbeitszimmer ihnen nur halb so egal wäre, hätte ich diesen Brief längst beendet und würde jetzt vielleicht wirklich einen heben.

Einmal wurde ich tatsächlich aufgefordert, vor den Kindern von Freunden nichts zu trinken. Ich glaube, es bringt nichts. Sie kriegen sowieso alles mit. In der Supermarktschlange geraten wir regelmäßig vors Schnapsregal. Da gibt es Kräuterfusel mit einem kindgerechten Hexen-Emblem, und am Tequila baumeln Totenkopfanhänger. Meine Söhne wünschen sich einen Starktrinker als Vater, der diese tollen Dinge von jedem Einkauf mitbringt. In einer pädagogischen Stunde habe ich ihnen deshalb die Geschichte vorgelesen, in der Michel um ein Haar alle Hühner Lönnebergas mit vergorenen Kirschen ermordet. Jetzt wissen sie Bescheid.

Als mieser Erzieher verwirre ich Kinder allerdings mit doppelt codierten Botschaften und übertreibe meine Sauflust manchmal selbst – aus strategischen Gründen. Im Dezember haben meine Söhne mehrfach meinen Adventskalender geplündert. Damals hielt ich es für einen klugen Schachzug, mit entsetzter Miene zu behaupten: Im Erwachsenenkalender sind alle Süßigkeiten voller gefährlichem Alkohol. Zumindest für einige Marzipanpasteten traf es womöglich sogar zu. Bis Weihnachten war es eine gute Idee. Inzwischen ärgert mich aber doch, dass sie aller Welt von meinem Faible für „Bier-Marzipan“ erzählen und behaupten: „Papa, du liebst Bier.“ Wieder einer dieser Sätze, die sie hoffentlich nie in der Kita aussprechen.

Natürlich mache auch ich viele Dinge nur, wenn die Kinder gerade nicht gucken. Vor dem Fernseher Schokolade naschen zum Beispiel. Ungeliebtes Spielzeug wegschmeißen. Oder Kinder von Freunden auf den Schoß nehmen. Sinnvoller, als all diese Laster zu verheimlichen, wäre es vermutlich, im Beisein der Kinder mal die Finger vom Handy zu lassen. Eine Studie aus Österreich hat ergeben, dass die Zahl der Spielplatz-Unfälle von unter Fünfjährigen sich zwischen 2008 und 2015 verdreifacht hat – ein Zeitraum, der verdächtig mit der digitalen Aufrüstung meiner Telefone korrespondiert. Anders als beim Bier lege ich beim Smartphone leider ein schweres Suchtverhalten an den Tag. Trotz Problembewusstseins lese ich ständig meine Dienst-Mails. Obwohl man von denen nicht mal halbwegs einen Schwips bekommt.

Herzliche Grüße

Dein Daniel

PS: Ich höre, Du hast ausgemistet. Von welchen Kindheitssouvenirs konntest Du Dich am schwersten trennen?

Das Buch zur Kolumne gibt es auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.


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