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316 Meter langer Ozeanriese Schampus, Party, Nervenkitzel: So lief die Jungfernfahrt der "Mein Schiff 2"

Feuerwerk zur Taufe vor dem Wahrzeichen der Stadt Lissabon: Die "Mein Schiff 2" vor der Brücke des 25. April. Foto: Carlos Rodrigues/TUI CruisesFeuerwerk zur Taufe vor dem Wahrzeichen der Stadt Lissabon: Die "Mein Schiff 2" vor der Brücke des 25. April. Foto: Carlos Rodrigues/TUI Cruises 

Lissabon. Für Kreuzfahrtfans bieten sich in diesem Jahr 21 Gelegenheiten, bei einer Jungfernfahrt dabei zu sein – es gibt so viele Neubauten wie nie. Eine Taufreise ist jedoch darunter eine Besonderheit für Passagiere und Crew, wie die mit der neuen "Mein Schiff 2" von Bremerhaven nach Las Palmas beispielhaft zeigt.

Seeleute sind abergläubisch, sagt man. Wie sehr, das wird mir als Landratte jedoch erst vor der Taufzeremonie der neuen "Mein Schiff 2" bei der Ankunft im Hafen von Lissabon mit einem ersten Blick Richtung Bug deutlich vor Augen geführt: 

Foto: Elke Schröder

Bereits einen Tag vor der Taufe des knapp 316 Meter langen Ozeanriesen mit Platz für maximal 2894 Urlauber steht diese Champagnerflasche in einem Fallmechanismus bereit. Sie wird planmäßig den nächsten Morgen nicht überleben: Sie zerschellt bei einer Probe – und mit ihr die romantische Vorstellung, dass auch bei einem Hochsee-Kreuzfahrtschiff von dieser Größe noch die feierliche Spirituose an einem Seil hängend von einem prominenten Taufpaten mit Schwung erfolgreich an die Bordwand geschmettert wird. 

So waghalsig sind die Seeleute nicht mehr: „Es heißt ja, wenn die Flasche nicht kaputtgeht, bringt das Unglück. Das wollen wir nicht“, erklärt mir Kapitän Kjell Holm einen Tag später. Der 69-jährige Finne hat alle sieben Kreuzfahrtschiffe von Tui Cruises in Dienst gestellt und die Gestaltung der Brücken weiterentwickelt. Seine neueste Errungenschaft an Bord der "Mein Schiff 2" ist ein großer Touchscreen für digitale Seekarten.

Taufpatin Carolin Niemczyk vom Elektropop-Duo Glasperlenspiel, das auch den Taufsong "Unsere Zeit" singt, zeigt ebenfalls Respekt vor ihrer Aufgabe: "Der Taufspruch war schwieriger zu merken als ein Songtext." Für Kjell Holm ist es seine letzte Schiffstaufe vor dem Ruhestand, die erstmals nicht in einem deutschen Hafen stattfindet. Doch über das Spektakel am Abend auf dem Fluss Tejo vor der außergewöhnlichen Kulisse der drei Kilometer langen Brücke des 25. Aprils, verrät er zuvor nur:  

"Wir machen auf der Brücke ein wenig Akrobatik."

Was der erfahrene Kapitän mit "Akrobatik" genau meint, zeigt sich gegen 22 Uhr, als das mit der "Mein Schiff 1" baugleiche schwimmende Hotel etwa 500 Meter vor der Ponte 25 de Abril in Stellung geht: Nach bunter "Entdecker-Show", Taufspruch, Flaschenwurf und Taufhymne dreht sich das Schiff langsam zum Feuerwerk um 360 Grad in der extra abgesperrten Wasserstraße:

Nun zeigt sich: Der Fallmechanismus ist zwar eine sichere Angelegenheit für die 1100-köpfige Crew, jedoch eine allzu schnelle für die 2800 Taufgäste an Bord, die nicht alle das per Video übertragene Ereignis mitbekommen: "Es war sehr schön, aber ich hatte es mir etwas feierlicher vorgestellt", resümiert ein Rentner aus Bremen später auf dem Rückflug.

Andere lassen sich jedoch noch von der Partystimmung von Glasperlenspiel anstecken. Das Duo gibt auf dem Pooldeck bis kurz vor Mitternacht ein Konzert.

Foto: Elke Schröder

Es gibt mehr Unterhaltungs-Extras als große bauliche Veränderungen: Das große Taufevent mit Glasperlenspiel-Konzert ist im Reisepreis bereits enthalten, genauso wie diverse Show-Premieren. Ebenso kann man geplante oder zufällige Begegnungen mit ein paar Prominenten mehr als sonst an Bord haben, beispielsweise mit Schlagerstar Mary Roos und Kabarettist Dieter Hallervorden. Letzterer sorgte mit seinem Auftritt in der nur 150 Plätze fassenden Schaubühne für die einzige lange Schlange an Bord, so dass kurzfristig ein zweiter Auftritt am Abend angesetzt wurde.

Vorwiegend Reisende mittleren Alters und Senioren, Stammgäste, Journalisten sowie Reiseblogger aus Deutschland sind an Bord, aber auch schon 50 noch nicht schulpflichtige Kinder. Sie dürfen im „Kids-Club“ eine Neuheit im Vergleich zur „Mein Schiff 1“ einweihen. Anstelle des Piratenschiffs können sie nun ein Baumhaus erobern. 

Auffällig ist die überwiegend entspannte Atmosphäre, was nicht nur am Restaurant-Konzept mit aufmerksamer Bedienung am Tisch liegt. Ein Vorteil einer solchen Jungfernfahrt im Februar in Europa ist, dass sie meist noch nicht voll ausgebucht ist. Im Restaurant, an den Bars an Deck oder am Pool gibt es um diese Jahreszeit außerhalb der Schulferien mehr Platz an Bord. Ohnehin stehen die Kanarischen Inseln – das Ziel der Reise – bei deutschen Kreuzfahrern nicht ganz oben, sondern auf Platz vier auf der Beliebtheitsskala, wie ein Blick auf die Branchenzahlen zeigt:

Mit  "Mein Schiff 2", das in der finnischen Meyer Werft Turku gebaut wurde und sich wie die gesamte Flotte an den deutschen Markt richtet, ende für die Hamburger Reederei  die "erste Expansionsphase", sagt Wybcke Meier, CEO von Tui Cruises. Bis zum nächsten Neubau, der für 2023 geplant ist, will man sich auf die Ausarbeitung neuer Routen und Konzepte für Eventreisen konzentrieren.

Was der "Fahrstuhl-Funk" verrät

Jeden Tag gibt es Durchsagen vom Kapitän am Morgen und am Abend zum Ablegen. Es gibt ein umfangreiches Tagesprogramm, vom Yoga-Kurs bis zum Gin-Workshop, das am Abend zuvor in der Kabine zum Studieren auf dem bereits aufgeschlagenen Bett liegt – und es gibt einen „Fahrstuhl-Funk“ unter Passagieren. Wie es denen geht, erfährt man bei regelmäßigen Fahrten zwischen den Restaurants- und Unterhaltungsdecks 4 sowie 5 hoch zum Pooldeck 14. Manche, so höre ich, haben vor der Taufe in Lissabon ihr erstes Seeabenteuer schon hinter sich: Von sechs Meter hohen Wellen vor der Küste Spaniens erzählen Urlauber mit großer Geste, die bereits seit dem Beginn der Taufreise in Bremerhaven an Bord sind. 

Einige Mitreisende seien seekrank geworden. Andere hätten sich dagegen beschwert, dass die geplante Uraufführung der Show über die Geschichte des berühmten Circus Roncalli im Beisein von Zirkusdirektor Bernhard Paul aufgrund des zu starken Seegangs vor La Coruna ausfallen musste. Der erfahrene Kapitän glättet die Wogen mit ein paar gelassenen Worten:  

"Ein Schiff ist wie eine Dame - und die tanzt gerne."

Seetag. Zeit, einmal die Frage zu beantworten, ob man mit über 2000 Mitreisenden an einem sonnigen Tag irgendwo ein stilles Plätzchen mit Meerblick finden kann:  

Nicht nur der Balkon kann ein Rückzugsort sein, 80 Prozent der Kabinen auf der "Mein Schiff 2" haben einen. Man kann auch abgeschirmt in einem Strandkorb in der Nähe der Bar "Außenalster" beim Blick auf das Meer die Welt um sich herum vergessen. 

Jeder Reisende macht auf dieser Fahrt seine ganz eigene Entdeckung eines stillen Örtchens an Bord: „Das ist die schönste Toilette, die ich je gesehen habe!“, ruft mir eine aufgeregte Seniorin am Nachmittag begeistert in der Nähe des Buffet-Restaurants „Anckelmannsplatz“ entgegen, während sich hinter ihr gerade die Tür automatisch geschlossen hat. Ich muss ihr nach einem Druck auf den Türöffner sogleich zustimmen: 

Foto: Elke Schröder

Seetag. Zeit, das Neue auf dem Schiff noch einmal genau anzuschauen: Pooldeck mit Lagune und Außenbars präsentieren sich im frischen, maritimen Design. Die Schaubar und das Tag & Nacht Bistro gestaltete Designer Werner Aisslinger neu. Stühle und Sessel mit grünen und lila Samtbezügen, goldfarbene Tische und geflochtene Korbleuchten sorgen in der weitläufigen Schaubar für ein modernes, gemütliches Ambiente. Der Raum will ein Kuba-Lebensgefühl vermitteln, aber "kein Kulissenbau wie im Disneyland" sein, erzählt Aisslinger. 

Foto: Elke Schröder

Für den renommierten Designer war die Arbeit für ein Kreuzfahrtschiff eine neue Erfahrung, denn er konnte beispielsweise nicht aus allen Materialien wählen, mit denen er sonst an Land arbeitet: "Wir konnten keine Leuchten nutzen, die bei Seegang schwingen, denn das könnte die Gäste irritieren."  Bei der Auswahl der Bodenbeläge habe er gelernt, dass man an Bord beachten muss, dass "die größte Gefahr für ein Schiff nicht ein Wassereinbruch, sondern ein Feuer ist".

Foto: Elke Schröder

Mit vielen Blumenkästen, floralen Mustern und einer Theke, die wie ein Foodtruck aussieht, soll das Bistro Tag & Nacht zu einer lockeren "Gartenparty"-Stimmung anregen. Aisslinger will mit seinem Design offene Räume schaffen, die Kommunikation fördern. Er sagt: 

"Ein Raum muss eine Geschichte erzählen."

Im "Fahrstuhl-Funk" fliegen mir Namen um die Ohren: Aida, Costa, MSC und Tui Cruises. Erfahrungen auf Schiffen der vier großen Kreuzfahrtanbieter auf dem deutschen Markt werden ausgetauscht. Wobei sich schließlich alles auf eine Geschmacksfrage um die kulinarischen Inklusive-Konzepte von Aida und Tui Cruises zuspitzt: Buffet-Restaurants oder Bedienung am Tisch – was ist besser? Ich lerne schnell: Für Kreuzfahrtfans ist das fast so etwas wie eine Glaubensfrage.

Was ist wirklich "alles inklusive"?

Was „alles inklusive“ in Bezug auf die insgesamt 13 Restaurants und Bistros sowie 15 Bars auf der "Mein Schiff 2" wirklich bedeutet, darüber gibt ein kleiner Plan für die Hosentasche Aufschluss. Gut und so viel man möchte, kann man überall essen. Wer jedoch einen besseren Wein, Champagner, ein Steak oder einfach zu bestimmten Zeiten noch mehr Ruhe auf dem Schiff sucht, der muss sie sich zukaufen. Entweder vor Ort in den Restaurants oder mit der Buchung einer Suite, die einen Zugang zum X-Sonnendeck, zur X-Lounge und X-Bar ermöglicht, wozu der exklusive Blick vom Bug aus gehört:

Foto: Elke Schröder

Auf Deck 16 riecht es noch nach frischer Farbe, bis vor wenigen Stunden war der Whirlpool im X-Sonnendeck-Bereich noch nicht freigegeben: Mitarbeiter der Werft, die das Schiff sechs Wochen früher an die Reederei übergeben konnte, hatten hier noch zutun. Auch das gehört zu einem ersten Eindruck.

Ein wenig Nervenkitzel für Landratten gibt es dann beim Ablegen in Cadiz. Mittags erklärt der Kapitän bei einem Rundgang auf der Brücke, an dem auch Sängerin Fernanda Brandao teilnimmt, dass am Abend mit einer Windstärke 8 zu rechnen sei. Auf die Frage, ob das ein Problem für das Ablegen werden könnte, macht es Kjell Holm spannend: "Das werden wir sehen, wie das geht." Muss ein Schlepper kommen? Für die Passagiere hört sich das dann bei der abendlichen Ansage des Kapitäns zum Auslaufen so an: 

Obgleich das Schiff im Vergleich zum sportlichen Schwesterschiff als Designerschiff vermarktet wird, ist das Angebot mit einem 490 Quadratmeter großen Fitness-Bereich dem auf der "Mein Schiff 1" genauso groß. Draußen auf Deck 14 können Jogger die ebenfalls 438 Meter lange Laufstrecke mit einer Steigung von bis zu 6,7 Prozent zwischen 7 bis 9 Uhr und von 19 bis 21 Uhr nutzen. Um einen Marathon an Bord zu laufen, müssten diese Frühsportler beim Stopp in Arrecife etwa 96 Runden laufen:

Doch dann würden sie wohl die letzte Chance auf einen Landausflug auf dieser Reise verpassen, sich beispielsweise auf die Spuren des Künstlers César Manrique auf Lanzarote zu begeben. Nächstes Ziel: Abflughafen Las Palmas. Für die Passagiere ist die Reise vorbei, für die Crew-Mitglieder, die aus mehr als 40 verschiedenen Nationen kommen, und das neue Schiff geht sie erst richtig los. Zunächst mit Fahrten zwischen den Kanarischen Inseln, bevor es dann im Sommer ab Palma de Mallorca auf verschiedenen Routen ins Mittelmeer geht.

Doch vorher gibt es zum Finale der Taufreise noch einen letzten Sonnenuntergang auf See - für alle Passagiere inklusive.   



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