Informationen über Risiken BGH fällt Grundsatzurteil zur Aufklärung vor Lebend-Organspende

Von dpa und afp

Eine Lebend-Organspende birgt Risiken für Spender und Empfänger. Sie müssen die Risiken kennen, urteilt der BGH. Foto: imago/epdEine Lebend-Organspende birgt Risiken für Spender und Empfänger. Sie müssen die Risiken kennen, urteilt der BGH. Foto: imago/epd

Karlsruhe. Wer einem Verwandten oder Freund lebend eine Niere spendet, macht das aus Liebe oder Zuneigung und nimmt dafür auch Risiken in Kauf. Wie genau müssen Ärzte aufklären? Der BGH fällt eine Entscheidung von grundsätzlicher Bedeutung.

Mehrere Hundert Patienten in Deutschland bekommen jedes Jahr eine Niere von einem nahestehenden Menschen gespendet. Welches Risiko nimmt ein Spender in Kauf? Wie umfangreich müssen Ärzte aufklären? Zwei Nierenspender haben vor dem Bundesgerichtshof (BGH) Schmerzensgeld und Schadenersatz gefordert – und nun recht bekommen. Denn sie seien über das wahre Risiko nicht informiert worden und jetzt selbst gesundheitlich eingeschränkt (Az. VI ZR 318/17 u.a.). Warum und wem haben die zwei Kläger ihre Niere gespendet?

Was sind die Voraussetzungen für Lebend-Organspenden?

Zu Lebzeiten können eigentlich nur eine Niere oder Teile der Leber gespendet werden. Möglich ist dies nur zwischen Menschen, die sich sehr nahestehen – also zum Beispiel Kinder und Eltern, Geschwister oder Ehepartner. Das Transplantationsgesetz schreibt den Ärzten Aufklärung über die Risiken vor. Darüber hinaus gibt es weitere Vorgaben wie die Anwesenheit eines neutralen Arztes beim Aufklärungsgespräch.

In Deutschland wurden im vergangenen Jahr nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation 638 Nieren sowie in 57 Fällen Teile der Leber transplantiert. Die meisten Organe werden aber nach dem Tod eines Menschen gespendet. Tausende schwer kranke Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan.

Über welche Fälle wurde in Karlsruhe verhandelt?

Der heute 54 Jahre alte Ralf Zietz aus Niedersachsen spendete seiner Frau im Jahr 2010 eine Niere, weil er der auf Dialyse angewiesenen Patientin ein besseres Leben ermöglichen wollte. Im zweiten Fall hatte die Klägerin aus Nordrhein-Westfalen ihrem an fortgeschrittener Nierenschwäche leidenden Vater 2009 ein Organ gespendet, das er aber einige Jahre später wieder verlor.

Welche Folgen hatten die Operationen für die Spender?

Beide Betroffene leiden unter einer eingeschränkten Nierenfunktion und chronischer Erschöpfung. Zietz sagt, er habe morgens ein paar gute Stunden und müsse sich dann mit Kopfschmerzen hinlegen. Wenn es ihm besser gehe, engagiere er sich für die von ihm gegründete Interessengemeinschaft Nierenlebendspende. "Mein Leben hat sich im Prinzip halbiert." Die Verantwortung für seine beiden Firmen hat der Unternehmer inzwischen weitgehend abgegeben.

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Wie lautet der Vorwurf gegen die Ärzte?

Bei den Aufklärungsgesprächen habe der vorgeschriebene neutrale Arzt gefehlt. Zietz, der bereits an Vorerkrankungen litt, sagt, ihm seien wesentliche Informationen verschwiegen worden. "Mir wurde gesagt, es gibt die üblichen Operationsrisiken, wie bei jedem Eingriff." Nach sechs bis acht Wochen sollte man wieder fit sein.

Wie hat das Oberlandesgericht entschieden?

In beiden Fällen sah das Oberlandesgericht Hamm in Nordrhein-Westfalen zwar Mängel bei der Aufklärung. Es wies die Klagen aber ab, weil davon auszugehen sei, dass die Kläger auch in Kenntnis sämtlicher Risiken gespendet hätten. Die Richter gingen von einer "hypothetischen Einwilligung" aus.

Was sagt nun der BGH?

Das Argument der "hypothetischen Zustimmung" greift nach Überzeugung der höchsten Richter nicht. So etwas sei im Transplantationsgesetz nicht vorgesehen. Eine umfassende Aufklärung soll potenzielle Organspender davor schützen, sich selbst zu schaden. Weil eine Niere nur für nahestehende Menschen gespendet werden dürfe, befinde sich der Spender in einer besonderen Konfliktsituation. Bei der Entscheidung könne jede Risiko-Information relevant sein. Die Bundesrichter bezeichneten die Einhaltung der Vorgaben zudem als "unabdingbare Voraussetzung", wenn die Bereitschaft der Menschen zur Organspende langfristig gefördert werden solle.

Wie reagieren die Kläger auf das Urteil?

Zietz und andere Betroffene, die nach Karlsruhe gekommen waren, reagierten erleichtert und mit Freude. Der 54-Jährige hatte schon zuvor betont, dass es ihm vor allem auf die grundsätzliche Klärung angekommen sei. Künftig könnten Ärzte kein Risiko mehr verschweigen. "Der Spender hat ein Recht auf umfassende, schonungslose, auch kleinste Risiken umfassende Aufklärung." Er wünsche, dass sich Menschen nicht mehr rechtfertigen müssten, wenn sie nicht spenden möchten, sagte Zietz.

Was sagt die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO)?

Eine Lebendspende muss nach Angaben der DSO sorgfältig überdacht werden, da es sich um einen chirurgischen Eingriff an einem gesunden Menschen ausschließlich zum Wohle eines anderen handele. "Der Eingriff stellt für den Spender ein medizinisches Risiko dar." Zwang, psychische Abhängigkeit oder finanzielle Anreize dürften keine Rolle spielen. Was sagt die Interessengemeinschaft Nierenlebendspende?

Sie fordert unter anderem Aufklärung über die tatsächlichen Risiken wie Leistungsminderung und frühere Ermüdbarkeit. Spender müssten versicherungsrechtlich abgesichert werden, etwa mit Lohnersatz bis zur Genesung und der Übernahme aller Kosten für Folgeerkrankungen.

Wie viele Lebend-Organspenden gibt es, was ist über Komplikationen bekannt? Nach Angaben der DSO gab es 2018 in Deutschland 638 Lebend-Nierenspenden und 57 Lebend-Leberspenden. Das Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen veröffentlicht Statistiken über den Gesundheitszustand von Lebend-Organspendern. So habe es bei 548 Fällen im Jahr 2017 zum Beispiel während oder nach der Operation in zehn Fällen schwere Komplikationen gegeben.

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