Kampf auf der Strasse Gutachten: Autofahrer dürfen Radfahrer oftmals gar nicht überholen

Beim Überholen von Radfahrern müssen Autofahrer immer einen Mindestabstand einhalten. Foto: dpa/Julian StratenschulteBeim Überholen von Radfahrern müssen Autofahrer immer einen Mindestabstand einhalten. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Osnabrück/Bautzen. Autos müssen beim Überholen von Radfahrern mindestens 1,5 Meter Abstand halten – auch bei markierten Schutzstreifen. Ein neues Gutachten bekräftigt die geltende Rechtsprechung. Der Fahrrad-Club ADFC will Autofahrer jetzt besser aufklären.

Viele Radfahrer kennen das Problem: Sie halten sich so weit es geht am rechten Rand einer Straße, dennoch werden sie von Autofahrern mit einem gefährlich geringen Abstand überholt. Laut Straßenverkehrsordnung (StVO) und Rechtsprechung müssen allerdings mindestens 1,5 Meter zwischen dem Rad- und dem Kraftfahrer liegen. 

Auch wenn ein Rad- oder Schutzstreifen existiert, ändert sich daran nichts. Das schreibt der Verkehrsrechtsprofessor Dieter Müller vom Institut für Verkehrsrecht und Verkehrsverhalten (IVV) in Bautzen in einem neuen Gutachten, das von der Unfallforschung der Versicherer (UDV) im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) in Auftrag gegeben wurde.

Der vorgeschriebene Abstand gelte "unabhängig von der angeordneten Art der Radverkehrsführung", so Müller. Kann dieser nicht eingehalten werden, gelte ein "faktisches Überholverbot". Das bedeutet insbesondere für Lastwagen und Busse, dass sie einen Radfahrer erst dann überholen dürften, wenn die Nachbarspur – im Zweifel also die des entgegenkommenden Verkehrs – frei ist. 

ADFC fordert physisch geschützte Radwege

"Das Gutachten überrascht uns nicht, denn es bestätigt unsere seit langem vertretene Rechtsauffassung", sagt Stephanie Krone, Pressesprecherin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), auf Anfrage. Sie betont, dass Führerscheininhaber besser darüber aufgeklärt werden müssen und schlägt entsprechende Kampagnen vor. 

"Auf stark befahrenen Straßen brauchen wir physisch geschützte Radwege und -spuren. Nur sie verschaffen Radfahrerinnen und Radfahrern den Raum, den sie brauchen, um komfortabel und ohne Angstschweiß ans Ziel zu kommen." Mehr als 70 Prozent der Radfahrenden sei es laut Krone wichtig, vom Autoverkehr getrennt zu sein.

Ähnlich sieht auch der Automobilclub ADAC. Pressesprecher Christian Hieff betont aber auch, dass das aufgrund des Platzangebotes insbesondere in Städten nicht immer möglich ist. Deswegen sei es wichtig, einen Kompromiss zu finden, der Radfahrern, Fußgängern und Autofahrern gleichermaßen gerecht wird. 

Sicherheitsabstand laut ADAC kein Unfallschwerpunkt

"Für die Verkehrssicherheit des Radfahrers ist das A und O die Sichtbarkeit", sagt er. Deswegen biete sich auf nicht zu stark befahrenen Straßen anstelle des "handtuchbreiten Radstreifens" auf dem Gehweg aus seiner Sicht auch eher der Schutzstreifen auf der Fahrbahn an. Habe dieser die geforderte Breite von 1,25 bis 1,50 Meter und halte sich der Radfahrer in der Mitte auf, wären für den Autofahrer auch bereits 75 Zentimeter Abstand zum Schutzstreifen ausreichend. 

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ADAC-Sprecher Hieff sieht das größte Risiko für Radfahrer deswegen woanders: "Ein Blick in die Unfallstatistik zeigt, dass der Sicherheitsabstand beim Fahrradverkehr nicht das dringendste Problem ist." Ein deutlich größeres Problem seien Kreuzungen, Einmündungen und Zufahrten: In diesen Fällen würden etwa 70 Prozent der innerörtlichen Radverkehrsunfälle verursacht. "Wenn der Autofahrer den Radfahrer sieht, ist die Unfallgefahr bereits stark eingedämmt."


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