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Ursachen, Probleme, Hilfe Volkskrankheit Zähneknirschen: Der Zahnarzt reicht oft nicht aus

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Die Zahl der verschriebenen Aufbissschienen ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Foto: dpa/Mascha BrichtaDie Zahl der verschriebenen Aufbissschienen ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Foto: dpa/Mascha Brichta

Hamburg. Jeder Zweite in Deutschland knirscht zeitweise mit den Zähnen. Eine Beißschiene schützt gegen abgeschliffene und abgebrochene Zähne – bei der Ursache kann der Zahnarzt oft nicht helfen.

Bruxismus – so lautet der Fachbegriff für das ständige und oft unbewusste Knirschen und Pressen der Ober- und Unterkieferzähne. Zahnärzte unterscheiden zwischen nächtlichem Schlafbruxismus und dem am Tag stattfindenden Wachbruxismus. Mit einem Druck von bis zu 480 Kilogramm pro Quadratzentimeter mahlen Betroffene ihre Zähne übereinander – teilweise bis zu 45 Minuten täglich. Betroffene haben abgeschliffene Zähne, teilweise brechen Stücke von Zähnen ab, dazu kommen Kiefer-, Kopf- und Nackenschmerzen sowie Tinnitus. Die Zähne reagieren außerdem schmerzempfindlich auf Wärme oder Kälte.

Im Laufe seines Lebens knirsche jeder Zweite in Deutschland, einige nur zeitweise, andere viele Jahre lang, sagte Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer im Gespräch mit unserer Redaktion. Und ergänzte: „Wir beobachten, dass das Knirschen häufiger von Zahnärzten diagnostiziert wird.“ (Weiterlesen: Zahnärzte warnen vor neuer Volkskrankheit „Kreidezähne“)

Starker Anstieg bei Schienen

In genauen Zahlen lässt sich die Entwicklung der Zähneknirscher nicht belegen, denn die dagegen verschriebenen Aufbisschienen tauchen nicht gesondert in den Statistiken der Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) auf. Die KZBV zählt sie zu den Schienen für Kieferbrüche und Kiefergelenkserkrankungen. In diesem Bereich ist allerdings ein eindeutiger Trend erkennbar: Haben die Krankenkassen im Jahr 2006 rund 940.000 Aufbissbehelfe abgerechnet, waren es im Jahr 2016 rund 1,7 Millionen – ein Anstieg von 79 Prozent binnen zehn Jahren. 

Die Schienen werden für jeden Patienten individuell angefertigt. Dazu werden Abdrücke von Ober- und Unterkiefer angefertigt. Foto:dpa/Daniel Maurer

Die Aufbisschienen verteilen die enormen Kräfte und schützen so Zähne und Zahnersatz. Die Kosten für eine Schiene pro Jahr übernimmt die Krankenkasse in der Regel. Allerdings zeigen Studien, dass die Schienen den Bruxismus bei einigen Betroffenen verstärken können. In der Vergangenheit herrschte die Meinung vor, dass eine Fehlstellung des Gebisses das Knirschen auslöst. In der Folge wurden Zähne aufwendig abgeschliffen oder verlängert. Diese Annahme und die Therapie gelten als überholt. 

Stress – Problem für Patient und Zahnarzt

Mittlerweile sind Ärzte und Forscher der Überzeugung, dass vor allem Stress die Ursache des Knirschens ist, den die Betroffenen auf diese Weise verarbeiten. In einer Studie der Techniker Krankenkasse aus 2016 gaben sechs von zehn Menschen an, dass sie sich beruflich oder privat gestresst fühlten, 23 Prozent der Teilnehmer war demnach häufig gestresst. Das ist ein Problem für Betroffene und Zahnärzte gleichermaßen, denn: „Der Zahnarzt hat nicht die therapeutische Hoheit, wenn es um psychische Belastung geht. Aber er sollte mit den Patienten über die Notwendigkeit von stressentlastenden Maßnahmen sprechen“, sagte der Zahnarzt. Dann müssen Betroffene selbst aktiv werden und Lösungen finden, wie sie Stress reduzieren. Die reichen von Sport, über Meditation bis hin zu einer Therapie. 

Was Wach-Knirscher tun können

Wer tagsüber knirscht und presst, kann dagegen etwas tun. Zum Beispiel können sich Betroffene regelmäßige Erinnerungen am Smartphone einstellen, zu denen sie ihren derzeitigen Biss kontrollieren. Alternativ helfen Fixpunkte, die Betroffene regelmäßig am Tag ansehen. Bei jedem Blick darauf sollte der Biss geprüft und, wenn nötig, gelockert werden, so dass die Kiefer einen Spalt breit Platz haben. (Weiterlesen: Zu viele Kinder im Landkreis Osnabrück haben Karies)

Im Alter lässt das Zähneknirschen nach

Immerhin: Nur bei etwa 20 Prozent der Knirschenden kommt es als Folge zu sogenannten behandlungsbedürftigen Funktionsstörungen, die unter anderem mit Schmerzen bei der Kieferbewegung und eingeschränkter Mundöffnung verbunden sind (Craniomandibulären Dysfunktionen oder CMD). In diesen Fällen kann der Zahnarzt Physiotherapie verschreiben. Gut für alle Knirscher: Betroffen sind vor allem Menschen im Alter von 20 bis 40 Jahren, im Alter wird der Bruxismus seltener – dann geht es bei vielen wieder ganz ohne Schiene. 


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