Studie: Sauer macht mutig Essig und Zitrone gegen Prüfungsangst

Von Dr. Jörg Zittlau

Der saure Geschmack von Zitronen lässt uns weniger zaudern. Foto: dpa/David EbenerDer saure Geschmack von Zitronen lässt uns weniger zaudern. Foto: dpa/David Ebener

Osnabrück. „Sauer macht lustig“. So heißt es im Volksmund. Was man kaum glauben mag, wenn man in das Gesicht von jemandem blickt, der gerade in eine Zitrone beißt; und wissenschaftlich bestätigt ist es auch nicht. Dafür haben englische Forscher nun herausgefunden, dass uns der saure Geschmack weniger zaudern lässt.

Chi Thanh Vi und Marianna Obrist von der University of Sussex baten 70 englische Männer und Frauen zu einem Experiment, bei dem man ihnen zunächst 20 Millimeter einer bitteren, salzigen, süßen, sauren oder umami, also würzig-fleischig schmecken Lösung zum Trinken kredenzte. Danach absolvierten die Probanden ein Computerspiel, bei dem sie einen Luftballon möglichst stark aufpumpen sollten. 

Sein Volumen nahm mit jedem Mausklick zu, bis er irgendwann platzte. Es sei denn, der Spieler beendete vorher die Pumpaktion. Dann bekam er umso mehr Geld, je größer der Ballon zu diesem Zeitpunkt war; im Falle eines geplatzten Spielgeräts ging er hingegen leer aus. 

Insgesamt gab es 30 Testreihen, und danach wurde ausgewertet. „Je mehr Klicks für einen nicht explodierten Ballon, umso größer wurde die Risikobereitschaft des Probanden eingestuft“, so die beiden Sensorik-Forscher.

Mehr Risiko

Es zeigte sich: Wer vorher das saure Getränk verzehrt hatte, riskierte am meisten. Er kam auf durchschnittlich 39 Klicks pro heilem Ballon. Das waren 39 Prozent mehr als nach dem Süßerlebnis und 40 Prozent mehr als nach Umami. 

Bitter und Salzig lagen zwischen diesen Extremen auf dem Niveau von geschmacklosem Wasser, sie haben also keinen Einfluss auf unsere Risikobereitschaft.

Um sicher zu gehen, dass ihr Ergebnis nicht nur eine englische Erscheinung ist, wiederholten die Forscher ihren Versuch mit 71 vietnamesischen Männern und Frauen, deren Geschmack ja bekanntlich mehr auf glutamathaltige Umami-Speisen geeicht ist. Sie reagierten genauso wie die Westeuropäer: Sauer machte ihnen Mut, während Umami und Süß sie eher ängstlich machte.

Ergebnis überrascht Wissenschaftler

Was eigentlich ein Ergebnis ist, womit nicht zu rechnen war. „Denn prinzipiell ist Sauer ein Geschmackseindruck, der so explosiv und intensiv ist, dass er uns vorsichtiger und rationaler in unseren Entscheidungen machen sollte“, erläutert Obrist, die im kulinarischen Schlaraffenland Italien aufgewachsen ist. 

Doch in früheren Studien ließ sich bereits beobachten, dass starke Sauer-Impressionen die Aktivität der Amygdala herunterfahren. Dieses mandelförmige Organ im Gehirn spielt bei Angstempfindungen eine Schlüsselrolle, und wenn es sich beruhigt, weiß die Großhirnrinde, dass sie sich keine Sorgen machen muss.

Mögliche Therapie bei Depressionen

Aus diesem Grunde könnte sich Obrist auch vorstellen, dass ein systematisches Sauerreiz-Training bei der Therapie von Angststörungen und Depressionen helfen könnte. 

Eine weitere Alternative wäre, die Ernährung insgesamt weniger süß und fleischig-würzig zu gestalten und stattdessen mehr Speisen mit Essig oder Zitrone zuzubereiten. Aber das empfiehlt sich ja auch für viele andere Erkrankungen.


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