Experten im Interview Tücking, Mißfelder, Williams: "Silent Killer" Lungenembolie kann jeden treffen

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Lungenembolien treten oft plötzlich auf. Der Vorbote, eine Thrombose macht sich meist vorher bemerkbar. Foto: imago/imageBROKER/Simon BelcherLungenembolien treten oft plötzlich auf. Der Vorbote, eine Thrombose macht sich meist vorher bemerkbar. Foto: imago/imageBROKER/Simon Belcher

Hamburg. Am plötzlichen Herztod ausgelöst durch eine Lungenembolie sterben in Deutschland jährlich tausende Menschen. Es kann grundsätzlich alle Altersgruppen treffen, aber es gibt Faktoren für ein erhöhtes Risiko, erklären Experten unserer Redaktion.

Der plötzliche Tod von SWR-Moderatorin Stefanie Tücking bewegt viele Menschen. Eine Freundin fand sie leblos im Bett. Tage später steht fest: Eine Lungenembolie hatte zum Tod der 56-Jährigen geführt. Was genau ist das für eine Krankheit und kann sie jederzeit jeden treffen?

Lungenembolie – was ist das?

Eine Lungenembolie ist der teilweise oder vollständige Verschluss eines oder mehrerer Blutgefäße, die vom Herzen zur Lunge führen. Die Ursache dafür ist meistens ein eingeschwemmtes Blutgerinnsel aus dem Bein- oder Beckenbereich. Mediziner nennen solche Gerinnsel eine "tiefe Beinvenen-Thrombose". Werden sie fortgeschwemmt, können sie in einem Blutgefäß der Lunge steckenbleiben und dieses unter Umständen verstopfen. Wenn ein größeres Gefäß verschlossen wird, besteht für den Betroffenen Lebensgefahr. Eine Lungenembolie kann zu Atemnot und durch eine Überlastung der rechten Herzkammer zum Tod durch Herzversagen führen.

Wer kann eine Lungenembolie bekommen?

Bleibt eine Lungenembolie unbehandelt, beträgt die Sterblichkeitsrate 30 Prozent. Sie ist in Deutschland – nach Herzinfarkt und Schlaganfall – die dritthäufigste Herz-Kreislauf-Erkrankung, die zum Tod führt. Mehr als 40.000 Menschen sterben in Deutschland jährlich an einer Lungenembolie. Die Zahl könnte jedoch deutlich höher liegen, weil ein plötzlicher Herztod oft nicht weiter untersucht wird.

Mit zunehmendem Alter nimmt das Thrombose-Risiko zu, berichtet Rupert Bauersachs, Direktor der Angiologie an der Klinik für Gefäßmedizin Darmstadt, im Gespräch mit unserer Redaktion.

Lungenembolien und Thrombosen können alle Altersgruppen betreffen, auch jüngere und sportlich aktive Menschen. Sie gelten als "silent killer", die ohne Vorwarnung auftreten können.Professor Rupert Bauersachs, Klinik für Gefäßmedizin Darmstadt

Oft gebe es jedoch bestimmte Risikokonstellationen, die zu einem Arterienverschluss führen können: Etwa nach einer Operation oder Entbindung sowie bei längerer Bettlägerigkeit oder wenn jemand einen Gips trägt. "Hormone sind auch ein Faktor sowie Tumore", sagt Bauersachs. "Auch bei Langstreckenflügen können leichte Thrombosen entstehen, die sich zu einer Lungenembolie entwickeln können."

Besonders gefährdet sind auch Menschen mit angeborenen Gerinnungsstörungen – die vererbbar sind. Wenn Blut leichter gerinnt, also verklumpt, ist das Risiko größer, dass es zu einer lebensbedrohlichen Thrombose kommt.

Was sind die Symptome?

Einseitig geschwollene Beine und Schmerz in der Wade, der an Muskelkater erinnert, können Symptome für ein Blutgerinnsel sein. Bauersachs empfiehlt in diesen Fällen einen Facharzt zu konsultieren, der das Bein per Ultraschall untersucht. Kommt es zudem zu Atemnot, sollte man ins Krankenhaus.

Wie wird eine Lungenembolie behandelt?

"Eine Lungenembolie lässt sich gut diagnostizieren und behandeln", beruhigt Bauersachs. Meist werden Medikamente verabreicht, die die Blutgerinnung verlangsamen oder ein Blutgerinnsel auflösen. 

Wie kann man vorbeugen?

Da es keine Vorsorgeuntersuchungen für Thrombosen gibt, erfahren Patienten meist erst von der Gerinnungsstörung in ihrem Körper, wenn sie ein Blutgerinnsel oder eine Lungenembolie haben, sagt Hans Klose, Leiter der Abteilung Pneumologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) unserer Redaktion. 

"Wird bei einer Blutuntersuchung eine Gerinnungsstörung festgestellt, empfehlen wir dem Patienten mittlerweile, dauerhaft Blutverdünner einzunehmen – bei regelmäßigen Kontrollen." Ebenfalls lebenslang auf blutverdünnende Mittel seien Patienten angewiesen, die eine Lungenembolie überlebt haben. Das Risiko, dass sich die Krankheit wiederholt, betrage nämlich 15 bis 20 Prozent.

Patienten, die operiert wurden, bekommen meist Spritzen mit einer Thromboseprophylaxe verabreicht. "Dann aber meist nur für mehrere Monate, bis die Verletzung ausgeheilt ist", sagt Klose. 

Weitere bekannte Betroffene

2015 erschütterte der plötzliche Tod des CDU-Bundestagsabgeordneten Philipp Mißfelder Deutschland. Der langjährige Chef der Jungen Union starb über Nacht an einer Lungenembolie – mit 35 Jahren. Auch der spanische Opernstar Plácido Domingo erlitt im Jahr 2013 eine Lungenembolie, von der er sich aber wieder erholte. Auch Tennis-Ikone Serena Williams überlebte eine Lungenembolie, nachdem sie ihre Tochter per Kaiserschnitt geboren hatte. Ein jüngerer Fall, der glücklich ausging ist Fußball-Nationalspielerin Dzsenifer Marozsan. Die 26-Jährige hatte im Juli eine Lungenembolie erlitten. Sie überstand die Krankheit und sprintete nach dreimonatiger Ruhepause wieder für Olympique Lyon über den Rasen.


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