An der polnischen Ostsee Bernstein: „Spuren Millionen Jahre alten Lebens“

Von dpa

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Violetta Celejewska hält Bernsteine, die sie am Ostsee-Strand gefunden hat, in der Hand. Foto: Violetta CelejewskaVioletta Celejewska hält Bernsteine, die sie am Ostsee-Strand gefunden hat, in der Hand. Foto: Violetta Celejewska

Warschau/Danzig. Polen zählt zu dem bernsteinreichsten Ländern der Welt. Nach Stürmen durchkämmen Hobbyschatzsucher Ostsee-Strände nach dem schimmerndem Stein. Den urzeitlichen Schatz findet man aber nicht nur am Meer.

Gelb, rot und orange schimmern kleine Bernsteine in Violetta Celejewskas Hand. Die Polin sammelte sie während eines Urlaubs am Ostsee-Strand bei Krynica Morska.

„Ganz zufällig“, erzählt Celejewska, sei sie auf den ersten Stein gestoßen - dann war das Schatzfieber in ihr geweckt. Die Suche vergleicht Celejewska mit einem Rausch. „Drei Tage lang hab ich den Sand durchgraben, um mehr zu finden“, sagt sie mit Blick auf die Bernsteine, die sich in Millionen von Jahren aus Harz gebildet haben. Neben Russland zählt Polen nach Angaben der Polnischen Akademie der Wissenschaften (PAN) zu einem der bernsteinreichsten Länder der Welt.

Eine Industrie zum Abbau gibt es aber nicht. „Der meiste Bernstein wird bei der Suche am Strand gesammelt“, sagt Katarzyna Kwiatkowska, Leiterin der Bernstein-Abteilung am Museum der Erde, das zur Akademie gehört. Bis zu sechs Tonnen pro Jahr kämen so zusammen, schreibt das Nationale Geologieinstitut. Vor allem nach Stürmen im Herbst und im Frühjahr würden Schatzsucher fündig. „Bernstein wird die ganze Zeit vom Meer an Land gespült“, sagt Kwiatkowska. Wer sich nicht auskennt, kann den Schmuckstein, dessen Oberfläche oft gewöhnlichen Steinen ähnelt, leicht übersehen. Kwiatkowska verrät Tricks: Bernstein sei leichter und fühle sich selbst bei Kälte warm an.

„Es hat mindestens 40 Millionen Jahre gedauert bis aus weichem Harz Bernstein wurde“, erklärt die Archäologin die Faszination. Einst sonderten Bäume die zähe Flüssigkeit ab, um beispielsweise Risse in der Rinde zu verdecken. Kam das Harz mit Meereswasser in Berührung und wurde in Sand oder Erde begraben, wandelte es sich in Bernstein. In einigen der Steine sind sogar ganze Insekten eingeschlossen. „Es sind Spuren Millionen Jahre alten Lebens“, hebt Polens Bernstein-Verband hervor.

Die größten bekannten Vorkommen Polens befinden sich nach Angaben des Geologieinstituts bei der Hafenstadt Danzig (Gdansk) sowie in der östlichen Region Lublin (Lubelskie). Theoretisch könne man im ganzen Land darauf stoßen, sagt Kwiatkowska. Denn das heutige Gebiet Polens war einst ganz von Meer bedeckt.

Kleinere von ihnen gefundene Bernsteine dürfen Hobbyschatzsucher Behörden zufolge behalten. Für eine großangelegte Suche mit Profigerät sei jedoch eine Genehmigung nötig, sagt Ewa Wieczorek vom Meeresamt Stettin (Szczecin). Zudem müssen große Steine den örtlichen Ämtern gemeldet werden. „Bernsteinvorkommen von erheblichem Wert, die aus der Erde oder Wasser gewonnen werden, gehören dem Fiskus, wenn kein anderer Eigentümer festgestellt wird.“

Unternehmen sind am Abbau von Bernstein in Polen allerdings nicht interessiert. Der Kostenaufwand sei zu groß - ebenso das Risiko, bei der Suche leer auszugehen, erklärt Kwiatkowska. „Im Gegensatz zu Kohle, kann man bei Bernstein nicht genau sagen, wie viel und ob überhaupt welcher da sein wird“, sagt die Expertin. Anders als in der benachbarten russischen Enklave Kaliningrad, wo es Bernstein-Bergwerke gibt, lägen die polnischen Vorkommen tiefer und seien von Treibsand bedeckt, der Gruben wieder zuschütten würde.

Polen ist auch als Verarbeiter des Steins weltbekannt. Das Land führe die Branche bei Bernsteinschmuck aus Silber und Gold an, sagt Michal Kosior, Direktor des Internationalen Bernstein-Verbands in Danzig, das mit den zahlreichen Ateliers und Schmieden als polnische Bernsteinhauptstadt gilt. Aus polnischen Geschäften geht der Schmuck vor allem in die EU, nach China, aber auch in den Rest der Welt.

Ostsee-Bernstein gilt unter Experten als der schönste und widerstandsfähigste. Juweliere könnten ihn gut verarbeiten, sagt Kosior. Je nach Größe und Beschaffenheit sind 5 Gramm rund 280 Euro wert. Doch Celejewska hat mit den von ihr gefundenen Steinchen anderes im Sinn. Sie lächelt: „Ich behalte sie als Urlaubssouvenir.“


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