Interview mit Psychologin Inga Erchova Verborgene Ängste können die Eltern-Kind-Beziehung belasten

Von Sina Wilke

Meine Nachrichten

Um das Thema Gut zu wissen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Zusammenhalt in der Familie ist wichtig. Eltern mit schlechten Kindheitserfahrungen sollten ihre Ängste hinterfragen. Foto: dpa/Franziska GabbertZusammenhalt in der Familie ist wichtig. Eltern mit schlechten Kindheitserfahrungen sollten ihre Ängste hinterfragen. Foto: dpa/Franziska Gabbert

Osnabrück. Eine gestörte Beziehung zum Nachwuchs hat immer mit den eigenen Kindheitserfahrungen zu tun, sagt die Psychologin Inga Erchova. Dem nachzuspüren sei hilfreicher als jeder Erziehungsratgeber.

Frau Erchova, wenn eine Mutter verzweifelt ist, weil ihr Kind schreit – was hat das mit ihr selbst zu tun?

Wenn mein Kind weint, erinnert es mich an mein eigenes inneres Kind, und das macht mich traurig.

Das müssen Sie erklären.

Das innere Kind sind alle Kindheitserfahrungen, die wir gesammelt haben und die seelisch in uns weiterleben. Ich zum Beispiel komme aus einer Generation, die noch die Trennung von der Mutter nach der Geburt erlebt hat. Man hat uns in ein anderes Zimmer gebracht, schreien lassen. Diese abrupte Trennung ist ein schweres Trauma fürs Baby, das ja im Mutterleib 24 Stunden mit der Mutter verbunden ist. Und plötzlich fühlt es sich wie im freien Fall, schutzlos. Da wird schon ganz früh Urvertrauen verletzt.

Welche Folgen hat das?

Einige Menschen sind robuster, andere empfindlicher, aber wir alle haben uns aufgrund solcher Erfahrungen von unseren Gefühlen distanziert. Einige Mütter bleiben kalt, wenn das Kind schreit, weil sie sich von ihren Gefühlen abgetrennt haben. Andere können das Schreien nicht aushalten, weil es sie unbewusst daran erinnert, wie schlimm es für sie als Kind war.

Haben Sie ein Beispiel?

Eine Frau, die zu mir in die Sitzung kam, konnte es nicht aushalten, wenn ihr Kind trödelte, dann ist sie regelrecht ausgerastet. Es war ein Zeichen dafür, dass da irgendeine alte Verletzung ist. Sehr wahrscheinlich wurde sie von ihrer Mutter unter Druck gesetzt – und nun sieht sie sich unbewusst in ihrem Kind und macht die gleichen Fehler wieder.

Also ist das innere Kind schuld, wenn die Beziehung zum eigenen schwierig ist?

Ja. Und da helfen auch keine Ratgeberbücher. Die erklären zwar, wie man vermeintlich alles richtig macht. Aber sie sind letztlich machtlos, weil es um Automatismen geht, und die sind schneller und stärker als der Verstand. Man sollte vielmehr schauen, woher die Gefühle kommen, die mit den Kindern hochkommen.

Und wie geht das?

Indem man sich mit seinem inneren Kind beschäftigt. Dazu legt man sich in einer ruhigen Minute hin – gern abends, dann ist man zugänglicher –, schließt die Augen und lässt einen Vorfall mit seinem Kind noch einmal Revue passieren. Dabei überlegt man Schritt für Schritt: Was hat mich gepiekst, welcher Moment war der Schlüssel zu meiner Reaktion oder meinem Gefühl, was hat mich aufgebracht? Dann versucht man, sich zu erinnern, wann man selbst so etwas als Kind erlebt hat. Es ist heilsam, diese Gefühle noch einmal nachzuerleben, und dadurch, dass man es mit sich selbst ausmacht, entlastet man sein Kind.


Diplom-Psychologin Inga Erchova arbeitet seit gut zehn Jahren mit jungen Müttern. Sie ist Autorin des Buchs: „Jede Mutter kann glücklich sein: Unser inneres Kind umarmen – unsere Kinder lieben“, erschienen im Integral Verlag.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN