Schaurige Feuchtgebiete Warum Moore wie das im Emsland so rätselhaft sind

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Das Moor war früher Ort von Mythen und Fabelwesen. Foto: Landkreis EmslandDas Moor war früher Ort von Mythen und Fabelwesen. Foto: Landkreis Emsland

Osnabrück/Meppen. Ein Land schaut seit Wochen auf abgelegene Gebiete im Emsland: Der Schwelbrand im Meppener Moor lässt Assoziationen mit dem Terrain wach werden, das schon früher große Rätsel aufgab. Die unbekannte Landschaft wurde in den Erzählungen der Bevölkerung zur Heimat von Untoten und Fabelwesen.

In seinem Urzustand war das Moor lebensfeindlich und unzugänglich. Die Bewohner an den Moorrändern galten als düster und verschlossen, die Sümpfe als Orte der Irrlichter und des Aberglaubens, als Hort schlimmster Krankheiten, die aus den Dämpfen erwuchsen. Zudem sah man die Moore als Schlupfwinkel wilder Tiere und zwielichtiger Gestalten an. 

Das Moor machte immer Geräusche, die von den Menschen früher nicht gedeutet werden konnten. Es gluckste und zischte. Foto: Otto Modersohn Museum

„Das Moor machte immer Geräusche, die von den Menschen früher nicht gedeutet werden konnten. Es gluckste und zischte, was auf die Methan-Gase zurückzuführen ist, die freigesetzt werden“, sagt Ansgar Becker, stellvertretender Leiter des Moormuseums Emsland. „Erst ab 1870 wurden die Moore langsam wissenschaftlich erforscht. Lange Zeit konnten sich die Menschen nicht erklären, was im Moor vorgeht. Da es weder Land noch Wasser ist, galt es als verwunschene Landschaft.“

"Lange Zeit konnten sich die Menschen nicht erklären, was im Moor vorgeht. Da es weder Land noch Wasser ist, galt es als verwunschene Landschaft.“Ansgar Becker, Stellvertretender Leiter Moormuseum Emsland

Seit der Jungsteinzeit waren die Randbereiche von Mooren Ort für unterschiedliche Rituale. Sie konnten Opferstätte, Richtstätte oder Bestattungsplatz sein. Davon zeugen Funde, die man immer wieder im Moor gemacht hat: Waffen, Gebrauchsgegenstände oder Artefakte wie der Goldschatz von Lorup deuten darauf hin, dass die Germanen im Moor Geistern oder Gottheiten Opfer dar- brachten und unterschiedliche Kulte praktizierten. Moorleichen, die von Torfbauern in den vergangenen Jahrhunderten gefunden wurden, prägen bis heute das Grusel-Image des Moores.

Der sogenannte "Rote Franz", eine Moorleiche aus dem Emsland, im Museum für Archäologie in Hannover. Foto: Hermann-Joseph Mammes

Die spezielle Mumifizierung von Körpern im Moor, die sich die Menschen früher nicht erklären konnten, trug zur Legendenbildung von Wiedergängern bei: man erzählte sich Geschichten von Untoten, die aus dem Grab steigen, weil sie mit dem Leben nicht abgeschlossen haben. Tatsächlich wurden Leichname im Moor konserviert gefunden, weil der Sauerstoffmangel und die vorhandenen Huminsäuren im Sumpf dafür sorgen, dass Mikroorganismen, die sonst für Verwesung zuständig sind, nicht existieren können. Gerbsäure gerbt die Haut der Leichen. Muskeln und Körperfette werden aus dem Leichnam herausgelöst. Auch Haare und Kleidung werden so konserviert. In Friedhöfen mit lehmigen Böden und Staunässe hat man ebenfalls sogenannte Fettwachsleichen gefunden, die nur teilweise verwesten.

Teile des Goldschatzes aus Lorup, der 1892 beim Pflügen im Loruper Moor gefunden wurde. Foto: Drents Museum Assen

Rothaariger Sumpf-Ötzi gibt Rätsel auf

Heute noch Moorleichen in Norddeutschland zu finden, hält Kurator Ansgar Becker vom Moormuseum Emsland für relativ unwahrscheinlich. „Die Torfschicht, die Besiedlungsspuren aufweist, ist weitestgehend abgetorft“, sagt er. Dennoch geht von den Moorleichen aus der Region immer noch ein Rätsel aus. So zum Beispiel von dem "Roten Franz", Niedersachsens bekanntester Moorleiche, die 1900 im Bourtanger Moor bei Meppen gefunden wurde – mit schwarz gegerbtem Körper und vom Moorwasser rot gefärbtem Haar.

Moorleiche Roter Franz: im Torf werden alle Haare rot. Foto: Tobias Böckermann

Noch heute ist nicht ganz sicher, wie die Leiche ins Moor kam. Laut Gerichtsmedizinern verblutete der "Rote Franz" nach einem sichelförmigen Schnitt um den Hals. Der Urgeschichtler Stephan Veil vom Landesmuseum Hannover geht von einem germanischen "Menschenopfer" aus, dem die Kehle durchgeschnitten und der dann im Moor versenkt wurde. Auch gibt es die Theorie, es könnte sich bei dem rothaarigen Sumpf-Ötzi um das Opfer eines Raubmords handeln.

Fantasie vom Tod durch Versinken

Der Tod durch Versinken ist dagegen eine reine Horrorfantasie, wie Moorexperte Ansgar Becker erzählt. Zwar könne man im Moor durch teilweise schlammigen Untergrund einsinken, aber nicht versinken. Schlamm hat ein spezifisches Gewicht, das über dem von Wasser liegt. Ein eingetauchter menschlicher Körper, dessen Dichte etwa der von Wasser entspricht, geht daher nicht unter.

Das Bourtanger Moor im südlichen Emsland. Foto: Archiv Emslandmuseum

Ein Großteil der in Europa gefundenen Moorleichen wurde erst nach dem Tode ins Moor geworfen. In einigen Fällen scheint es sich um normale Bestattungen zu handeln. Bei anderen Moorleichen deuten gefesselte Hände, ein Strick um den Hals oder Stichwunden auf einen gewaltsamen Tod hin. In solchen Fällen handelte es sich vermutlich um verurteilte Verbrecher, die man hinrichtete und ins Moor warf, um Mordopfer, die man im Moor verschwinden ließ oder um Menschenopfer.

Wenn die Menschen früher in die Randbereiche des Moores gingen, dann aus der Not heraus: Das Moor lieferte Torf – einen wertvollen Brennstoff. Zudem fand man dort Heilkräuter wie den Fieberklee, Gräser, die man als Viehfutter nutzen konnte oder die Flugsamen der Wollgräser, mit denen man Kissen auspolsterte. Später wurden große Flächen entwässert und ausgetrocknet, um Weideland oder Ackerfläche zu gewinnen.

Otto Modersohns Gemälde eines Moordammes im Teufelsmoor, das gerade das Otto Modersohn Museum in Tecklenburg zeigt. Foto: Otto Modersohn Museum

Morbider Sehnsuchtsort

Während die Besiedlung der heimischen Moorgebiete gegen Ende des 18. Jahrhundert allmählich abgeschlossen wurde, begann zeitgleich deren ästhetische Entdeckung. Die Künstler und Dichter der Romantik, die eine Vorliebe für Rätselhaftes und Unheimliches hatten, entwarfen ein düster, verklärtes Bild vom Moor, das wenig gemein hatte mit dem kargen, harten Alltag der Torfbauern. Die Moorlandschaft wurde im 19. Jahrhundert auch zum Sinnbild der Melancholie. „Man muss“, schrieb der Dichter Ferdinand Freiligrath 1841 nach der Reise durch die emsländischen Moore, „auf den Haiden und öden Landesstreckens Westphalens tagelang selber umhergestreift, stundenlang auf einem seiner Hünensteine sinnend gesessen und der braunen Unendlichkeit mit den Blicken nachgeschweift haben, um ganz empfinden zu können, wie eine solche Umgebung dem Gemüthe eine entschiedne Richtung in seine eigne Tiefe hinein gibt.“

Die Maler der Künstlerkolonie Worpswede bei Bremen suchten im nahen Teufelsmoor eine zivilisationsferne Ursprünglichkeit, die das Moor damals schon nicht mehr hatte. Auf ihren Gemälden sieht der Betrachter Hütten, Kanäle, Wiesen, Bäume – alles Dinge, die in einem unberührten „echten“ Moor nicht vorkommen.

Der Horror im Moor

Dort, wo sich gut 600 Jahre vor Christus primitive Holzfuhrwerke auf von heidnischen Götterzeichen flankierten Bohlenwegen entlangfuhren, macht heute ein Moorerlebnispfad die "Esterweger Dose", eine der größten geschlossenen Moorflächen zwischen Papenburg und Friesoythe, zum Freizeitvergnügen. Den Besuchern wird statt schauriger Geschichten schöne Landschaft geboten. Einige Pflanzennamen wie "Täuschendes Torfmoos" oder "Beinbrech" halten die Erinnerung an das unheimliche und gefährliche Moor wach..

"Wohin auch das Auge blicket, Moor und Heide nur ringsum. Vogelsang uns nicht erquicket, Eichen stehen kahl und krumm. Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor."Erste Strophe des Liedes der Moorsoldaten

Noch heute lässt der Anblick der emsländischen Moorebene den Wanderer erschaudern, wenn er sich bewusst macht, dass hier KZ-Häftlinge gequält und getötet wurden. 15 Lager, in denen zunächst Regimegegner, später vor allem russische Kriegsgefangene inhaftiert waren, hatten die Nationalsozialisten in den abgelegenen Gebieten des Emslandes errichtet: Häftlinge sollten das Moor für deutsche Jungbauern in fruchtbares Land verwandeln. In Esterwegen wurde der Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky geschunden, im nahen KZ Börgermoor entstand das berühmte "Lied der Moorsoldaten". Mehr als 30.000 Menschen wurden in den Lagern ermordet, verhungerten, erfroren oder kamen im Moor um.​


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