Bilanz nach drei Monaten So wirkt sich das neue Pauschalreisegesetz auf den Urlaub aus

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Urlauber sollen durch das neue Reisegesetz mehr Rechte bekommen, etwa wenn der Reiseveranstalter pleite geht oder sich Mängel einstellen. Symbolfoto: Christian Röwekamp/dpaUrlauber sollen durch das neue Reisegesetz mehr Rechte bekommen, etwa wenn der Reiseveranstalter pleite geht oder sich Mängel einstellen. Symbolfoto: Christian Röwekamp/dpa

Osnabrück. Sie sollte mehr Schutz und Transparenz für Reisende bringen – doch die neue europäische Pauschalreiserichtlinie hat bereits vor ihrer Einführung viel Kritik einstecken müssen. Reisebüros gründeten einen eigenen Lobby-Verband, Verbraucherschützer warnten vor eine Verschlechterung für die Rechte der Deutschen Urlauber. Jetzt ist das Gesetz seit gut drei Monaten in Kraft. Wie macht es sich in der Praxis?

Besser, als befürchtet, kann Marija Linnhoff vermelden. Sie ist die Vorsitzende des Verbands unabhängiger, selbstständiger Reisebüros und spricht für annähernd 400 Mitglieder aus ganz Deutschland. Sie hat bis zuletzt gegen das Gesetz gekämpft, vor allem weil es zu einer großen Verunsicherung in der Branche beigetragen hat. Tatsächlich konnte Linnhoff seit dem 1. Juli beobachten, dass viele Reisebüros lieber die Pauschalangebote der großen Reiseveranstalter verkauften. So konnten sie der Gefahr entgehen, mit der Zusammenstellung einzelner Reiseleistungen plötzlich selbst zum Veranstalter, und damit für alle Mängel haftbar zu werden.

Wer haftet für Mängel im Urlaub?

"Solange der Urlaub toll läuft passiert nichts", weiß Linnhoff. Probleme gibt es nur, wenn eine Reise nicht so ausfällt, wie geplant – wenn etwa die Airline pleite geht und der gebuchte Flieger nicht geht, oder wenn das Hotel doch nicht über den versprochenen Pool verfügt. Geschädigte Urlauber könnten nicht nur gegen den Reiseveranstalter, sondern auch gegen die Vermittler wie Reisebüros, Hoteliers oder Airlines klagen, die ihren gesetzlichen Pflichten nicht entsprechend nachkommen, so die Befürchtungen. 

Die neuen Regeln sehen zum Beispiel vor, dass der Reisevermittler den Kunden intensiv darüber aufklärt, welche Art von Leistung – eine Einzelleistung, eine Pauschalreise oder eine sogenannte verbundene Reiseleistung – er bucht und welche Rechte er in diesem Falle hat. Dazu gibt es verschiedene Standardformulare und wann welches auszuhändigen ist, "das ist mit ein bisschen entsprechender Schulung nicht schwer zu verstehen", sagt Linnhoff. Trotzdem seien viele Kunden genervt und hätten kein Verständnis für den undurchsichtigen Papierkram.


Das neue Reiserecht aus Verbrauchersicht
Vorteile:
  • Mehr Rechtsschutz bei den sogenannten "verbundenen Reiseleistungen", egal ob sie im Internet oder im Reisebüro gebucht werden. Die Vermittler müssen sich für den Fall der eigenen Insolvenz absichern.  
  • Schadenersatz für Mängel kann bis zu zwei Jahre nach Reiseantritt gelten gemacht werden. 
Nachteile:
  • Reiseveranstalter dürfen bis 20 Tage vor der Reise Preiserhöhungen um 8 Prozent vornehmen und einzelne Bestandteile von Pauschalreisen verändern. 
  • Tagesreisen und Ferienwohnungen werden nicht mehr durch das Pauschalreisegesetz geschützt.


Bisher gab es offenbar aber noch keinen Grund zur Beschwerde, zumindest sind bei der Verbraucherzentrale noch keine entsprechenden Meldungen eingegangen. Für Entwarnung sei es aber "noch etwas früh", sagt Felix Methmann, der zuständige Referent für Mobilität und Reisen. Schließlich gelte das Recht für Reisen, die ab dem 1. Juli 2018 gebucht wurden – die meisten dürften noch gar nicht angetreten worden sein. "Wir müssen auf jeden Fall die Herbstferien abwarten", so Methmann. 

Gesetz legal umgehen

Eine Entwicklung hat Methmann allerdings schon beobachtet: Billig-Airlines wie Ryanair nutzen die Möglichkeiten des neuen Gesetzes, um sich aus der Haftung zu stehlen. Als Reiseveranstalter müssten sie nämlich haften, etwa für eine Hotelübernachtung, die sie ihren Kunden nach dem Abschluss einer Flugbuchung anbieten. Als reiner Vermittler nicht. Der Trick: "Name und Zahlungsdaten des Reisenden werden nicht mehr automatisch an den Hotelbetreiber weitergegeben", so Methmann. Außerdem steht im Kleingedruckten, dass zunächst nur der Flug abgerechnet wird. "Die Hotelrechnung sollen Kunden dann direkt vor Ort bezahlen." Das reicht aus, um das Gesetz legal zu umgehen. 

Ein weiterer Trend: Viele große Reiseveranstalter wie Tui, Alltours, Schauinsland Reisen oder DER Touristik bieten ihren Kunden freiwillig auch für einzeln gebuchte Leistungen den selben Schutz an, wie bei einer Pauschalreise. "Gewillkürte Pauschalreise" wird dieses Konzept in der Branche genannt. Unklar ist allerdings, ob das Modell im Zweifelsfall auch vor Gericht Bestand haben würde. Auch deshalb verhandelt Marija Linnhoff weiter mit den verschiedenen Akteuren der Branche und hat zuletzt selbst ein Gutachten in Auftrag gegeben hat. "Das Pauschalreiserecht muss auf sichere, juristische Füße gestellt werden", sagt sie. Inzwischen versucht sie aber auch, den Inhabern der Reisebüros die Angst vor dem neuen Gesetz zu nehmen. "Was mich letztendlich überzeugt hat: Für den Kunden sind die Pauschalreisen wirklich besser", sagt Linnhoff.


Das ABC des Pauschalreiserechts

  • Der Reisende – der Vertragspartner des Reiseveranstalters. Er kann die Reiseleistungen selbst in Anspruch nehmen, muss dies aber nicht, sondern kann den Vertrag auch für andere Teilnehmer schließen
  • Der Reiseveranstalter – ein Unternehmer, der eine Pauschalreise zusammenstellt und verkauft oder zum Verkauf anbietet. Auch ein Reisebüro, ein Hotelier oder ein Flugunternehmen kann daher Reiseveranstalter sein. Er haftet dem Reisenden umfassend für alle zu erbringenden Leistungen und hat für etwaige Mängel einzustehen.
  • Der Reisevermittler – ein Unternehmer, der einem Reisenden einen Pauschalreisevertrag nur vermittelt und nicht selbst Vertragspartner des Reisenden ist. Das kann ein klassisches Reisebüro sein oder ein Reiseportal, das Pauschalreisen im Internet vermittelt. 
  • Die Pauschalreise – eine Bündelung von mindestens zwei verschiedenen Arten von Reiseleistungen (zum Beispiel Beförderung, Beherbergung, Vermietung von Kraftfahrzeugen, Organisation von Ausflügen, Verkauf von Konzertkarten oder Skipässen,...) für den Zweck derselben Reise. Der Begriff bezieht sich nicht nur auf vorgefertigte Katalogreisen, sondern umfasst auch auf Wunsch des Reisenden zusammengestellte Reisen.
  • Die verbundenen Reiseleistungen – eine neue reiserechtliche Kategorie. Anders als bei der Pauschalreise erwirbt der Reisende kein Paket, für das nur ein Veranstalter haftet. Es kommen Verträge mit verschiedenen Leistungserbringern zustande, an die er sich bei Problemen wenden muss. Voraussetzung sind eine klare Trennung der Buchungsvorgänge und eine entsprechende Information des Reisenden.


Quelle: 

Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (2018): "Neue Rechte für Reisende. Pauschalreisevertrag, Reiswvermittlung und Vermittlung verbundener Reiseleitsungen"

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