Neue Volkskrankheit MIH Diagnose Kreidezähne: Was Eltern und Kinder wissen müssen

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Sogenannte "Kreidezähne" - hier sind Vorderzähne eines Kindes betroffen. Foto: Prof. Dr. Norbert Krämer/dpaSogenannte "Kreidezähne" - hier sind Vorderzähne eines Kindes betroffen. Foto: Prof. Dr. Norbert Krämer/dpa

Osnabrück. Bei immer mehr Kindern treten Kreidezähne auf. Welche weitreichenden Folgen die Diagnose MIH hat und warum sie nicht bedeutet, dass betroffene Zähne unrettbar verloren sind, erklärt eine Osnabrücker Zahnärztin im Interview.

Die Molare-Inzisive-Hypomineralisation (MIH) - auch Kreidezähne genannt - entwickelt sich zu einer neuen Volkskrankheit, befürchtet die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Nach Angaben von Norbert Krämer, dem Präsidenten der Gesellschaft, leiden im Schnitt etwa zehn bis 15 Prozent der Kinder an Kreidezähnen, bei Zwölfjährigen liegt die Quote sogar bei 30 Prozent. Zudem kann es sein, dass selbst gerade ausgewachsene Milchzähne von der Krankheit betroffen sind.

Die Oberfläche der Zahnhöcker oder auch die des ganzen Zahns weist bei Kreidezähnen eine weiß-gelblich bis gelb-braune Farbe auf. Die Störungen in der Mineralisation des Zahnschmelzes sorgt zudem dafür, dass die betroffenen Zähne sehr empfindlich sind und Teile von ihnen wegbrechen können.

Was man über Kreidezähne weiß – und was man tun kann

Für Eltern wie Kinder ist die Diagnose oftmals niederschmetternd, hat der Auftritt der Krankheit doch nichts mit einer gründlichen Zahnpflege zu tun, zieht sie aber eine aufwendige Prophylaxe und im schlimmsten Fall den Verlust des Zahnes nach sich. Damit genau das nicht geschieht, können Eltern und Kinder gemeinsam mit den Zahnärzten eine Menge tun, sagt Christina Hüsemann. Die Doktorin der Zahnmedizin hat ein spezielles Curriculum im Bereich der Kinderzahnheilkunde absolviert und praktiziert in Osnabrück.

Frau Dr. Hüsemann, wie oft sehen Sie Kinder mit Kreidezähnen in Ihrer Praxis?

Beinahe täglich – und es werden immer mehr. Zudem sind mittlerweile auch immer mehr Milchzähne betroffen.  

Also sind einige betroffene Zähne schon im Mutterleib an MIH erkrankt? 

Ja, denn im achten Schwangerschaftsmonat bis zum vierten Lebensjahr entwickeln sich die betroffenen Zähne. Genau diese lange Spanne macht es auch schwierig, eine Ursache für Kreidezähne zu finden. Es gibt Fälle unter Geschwistern, da haben drei Kinder nichts und ein Kind hat dann einen oder mehrere Zähne, die betroffen sind. Dabei hat die Mutter in der Schwangerschaft bei allen Kindern alles gleich gemacht. 

Aktuell werden ja Weichmacher als Auslöser verdächtigt?

In Tierversuchen ließ sich ein Zusammenhang zwischen Bisphenol A und der Entwicklung von MIH erkennen. Sicher nachgewiesen ist es aber noch nicht. Zudem werden und wurden schon viele andere Ursachen vermutet: Von Problemen in der Schwangerschaft bis hin zu Infektionen der oberen Luftwege. Die Ursachen sind wahrscheinlich multifaktoriell, sprich: der Ausbruch könnte viele Ursachen haben. Fakt ist aber: Solange die Ursache nicht bekannt ist, ist eine Prävention nicht möglich.

Bisphenol-A (BPA) ist in vielen Trinkflaschen, aber auch in Plastikspielzeug enthalten. Wer den Stoff vermeiden will, sollte auf die Auszeichnung "BPA-frei” achten. Foto: Colourbox.de

Aber anders als bei Karies haben die Kinder auch keinen Einfluss auf das Auftreten der Kreidezähne.

Das stimmt, es hat nichts mit dem Putzen zu tun. Ich kenne Kinder, die haben nur gesunde Zähne, die Milchzähne sind und waren sehr gut gepflegt und im Mund findet sich keine Spur von Karies. Und dennoch haben sie Zähne mit MIH. Deshalb ist es auch ganz wichtig, dem Kind zu vermitteln, dass es nichts falsch gemacht hat.

Welche Zähne sind zumeist betroffen?

Nicht das komplette Gebiss, sondern die ersten bleibenden Backenzähne und die Schneidezähne. Es müssen auch nicht alle auf einmal betroffen sein, es kann auch nur einer oder zwei in unterschiedlichen Ausmaßen betroffen sein.

Was raten Sie den Eltern und Kindern?

Das A und O ist eine sehr gute Mundhygiene, sprich zwei bis dreimal am Tag die Zähne zu putzen, dafür fluoridierte Zahnpasta nehmen. Vom Zahnarzt gibt es spezielle Flouridlacke, die man z.B.vierteljährlich auftragen sollte. Dann gibt es auch noch bestimmte Gele, die die Kinder selbst ein Mal pro Woche abends zu Hause auftragen können. Aber die Mundhygiene kann auch quälend für die Kinder sein.

Warum?

Die betroffenen Zähne sind teilweise sehr schmerzempfindlich und einige Kinder können gar nicht richtig essen und trinken und auch nicht Zähne putzen, da es schmerzhaft ist. Dadurch steigt die Kariesgefahr. Der Zahnschmelz der betroffenen Zähne ist großporiger, die Oberfläche rauer, da können die Kariesbakterien schneller eindringen. Doch wenn man viel Prophylaxe betreibt und keinen ganz schweren Fall von MIH hat, kann der Zahn durchaus gerettet werden.

Christina Hüsemann sieht wöchentlich kleine Patienten mit Kreidezähnen. Foto: Corinna Berghahn

Und wenn das nicht mehr helfen sollte? 

Wenn ein starker Befall vorliegt, können auch Schienen angefertigt werden, auf die eine bestimmte Paste kommt, und die die Kinder dann täglich eine gewisse Zeit tragen. Auch Versiegelungen, Kunststoffaufbauten und Stahlkronen können die sensiblen Zähne schützen. Aber leider gibt es zwischendurch Fälle, da kann man gar nichts machen.

Die werden dann gezogen?

Ja, leider. 

Gibt es schon langfristige Erkenntnisse, wie sich diese Zähne im Erwachsenenalter verhalten?

Bei den ersten Patienten, die diese Erkrankung bei mir durchlaufen haben, dabei immer fluoridiert und auf eine gute Mundhygiene geachtet haben, konnte der Schmelz noch nachträglich nachhärten.

Es heißt also nicht automatisch „MIH: der Zahn muss raus.“

Nein, es kommt auch immer auf den Schweregrad an. Manche Zähne haben einfach nur gelbliche oder bräunliche Flecken, da reicht das Fluoridieren oder Versiegeln. Bei anderen platzt der Schmelz ab, nur weil sie in Kontakt mit dem Gegenzahn kommen. Trotzdem: Die Betroffenen können nichts dafür und die Diagnose bedeutet nicht, dass der Zahn unrettbar verloren sein muss.


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