Nicht alles ist so grün wie es aussieht Naturkosmetik: Das müssen Sie wissen und beachten

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Nicht alles, was nach Naturkosmetik aussieht, ist auch Naturkosmetik. Foto: imago/PhotocaseNicht alles, was nach Naturkosmetik aussieht, ist auch Naturkosmetik. Foto: imago/Photocase

Osnabrück. Mikroplastik, Tierversuche, schädliche Inhaltsstoffe: Das Image von Kosmetikprodukten ist angeschlagen. Wer deshalb auf Naturkosmetik umsteigen möchte, muss wissen, dass nicht immer grün drin ist, wo Natur drauf steht. Welchen Produktversprechen kann der Verbraucher trauen? Eine Spurensuche.

Die Regale in den Drogerien werden immer voller mit Produkten, die ein gutes Gefühl beim Verbraucher auslösen sollen: Auf den Etiketten wird mit natürlichen Inhaltsstoffen geworben, mit Worten wie „natürlich“, „naturnah“ oder gar „botanical“ und Bildern von Pflanzen. Doch ist das wirklich alles so natürlich und nachhaltig? Der Blick auf die Inhaltsstoffe bringt schnell Ernüchterung – und Rätsel, denn was sich hinter all den chemisch klingenden Begriffen versteckt, weiß kaum jemand auf die Schnelle. 

Zur Sache

Welche Inhaltsstoffe bedenklich sind
Auf diese Inhaltsstoffe in Kosmetikartikeln sollten Sie achten:
Parabene machen Produkte länger haltbar, stehen aber laut BUND im Verdacht, wie das weibliche Geschlechtshormon Östrogen im Körper wirksam zu sein und gelten damit als mutmaßlicher Auslöser für einige Krebsarten. Außerdem können Parabene Allergien auslösen.
Duftstoffe, UV-Filter, Tenside und Emulgatoren stehen ebenfalls in Verdacht, Allergien auszulösen.
Aluminum beziehungsweise Aluminiumsalze sollen krebserregend sein, Allergien auslösen können und stehen in Verdacht, Nerven zu schädigen. Deshalb setzen immer mehr Kosmetikprodukte auf aluminiumfreie Deodorants. Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt, jeden zusätzlichen Einsatz von Aluminium so weit wie möglich zu minimieren.
Mineralöle und Paraffine werden aus Erdöl gewonnen, das wiederum dazu führt, dass die Haut nicht mehr atmen kann und austrocknet. Außerdem kann Erdöl krebserregend sein.
Die Gewinnung von Palmöl schadet massiv der Umwelt, da für die Ölpalmen Regenwald gerodet wird.
Silikone sind synthetische Stoffe, die vor allem in Haarpflegeprodukten enthalten sind. Sie legen sich wie einen Film um die Haare, dadurch wirken sie zwar glatt und geschmeidig, können aber austrocknen. Außerdem werden Silikone aus Erdöl hergestellt.
Glycerin wird unter anderem Shampoos, Duschgelen, Cremes und Seifen hinzugefügt, es entzieht der Haut Wasser und trocknet sie aus.

Apps helfen da weiter, zum Beispiel Codecheck. Einfach mithilfe der App den Barcode des Produkts scannen und herausfinden, was drin steckt. Die App listet alle Inhaltsstoffe auf und erklärt, ob sie hormonell wirksam sind oder für Allergiker ungeeignet. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) hat die App ToxFox entwickelt, die ebenfalls per Scan darüber Auskunft gibt, ob hormonell wirksame Chemikalien in den Kosmetikprodukten enthalten sind. (Weiterlesen: Das sind die größten Verursacher von Mikroplastik)

Wer nicht erst das Smartphone im Geschäft zur Kontrolle zücken möchte, kann sich auch an Siegeln orientieren. Wenn auf den Produkten das Siegel BDIH vom Bundesverband Deutscher Industrie- und Handelsunternehmen prangt, ist sichergestellt, dass keine Silikone, Erdölprodukte und Paraffine enthalten sind. Auch das Siegel Natrue hat strenge Standards, bei denen nur naturnahe, naturidentische und natürliche Stoffe erlaubt sind. Weitere Siegel, die garantieren, dass die Inhaltsstoffe natürlichen Ursprungs sind und keine Tierversuche durchgeführt wurden, sind Ecocert, Demeter und die Veganblume. 

Kein EU-Standard für Naturkosmetik

Auch dabei gibt es ein großes Aber: Nicht jedes kleine Unternehmen kann es sich leisten, zertifiziert zu werden. Das heißt im Umkehrschluss: Auch nicht zertifizierte Produkte können den hohen Standards der Siegel entsprechen und sind demnach empfehlenswert. Kein Siegel kann aber auch heißen, dass nur viel geschickte Werbung im Produkt steckt. Selbst auf Begriffe wie Naturkosmetik kann der Verbraucher sich nicht vollständig verlassen, denn in der EU gibt es immer noch keine festgelegte Definition für Natur- und Biokosmetik. (Weiterlesen: So gelingt der Umstieg auf Naturkosmetik)

Der Verband, der hinter dem Siegel Natrue steht, setzt sich seit Jahren dafür ein, dass Natur- und Biokosmetik streng reguliert wird. Bislang ohne Erfolg. Da es keine verbindlichen Standards gibt, befürchtet der Verband, dass der Markt mit von der Natur inspirierten Produkten überschwemmt wird und nicht mit wirklicher Naturkosmetik.

Dieses sogenannte „Greenwashing“ hat die Verbraucherzentrale Hamburg am Beispiel Aloe Vera untersucht. Unter die Lupe genommen wurden 21 Produkte, die Aloe Vera enthalten sollen. Bei vielen Produkten war kaum Aloe Vera enthalten, die Wirkung von Aloe Vera, die als besonders feuchtigkeitsspenden gilt, war in den getesteten Cremes und Duschgelen also kaum vorhanden. Dennoch wurde damit umfangreich auf den Etiketten geworben, bemängelt die Verbraucherzentrale.

Eine Frage des Geldes

Wer also hochwertige Kosmetik haben möchte, die hält, was sie verspricht, kommt nicht darum herum, mehr Geld auszugeben. Marken wie Dr. Hauschka oder Martina Gebhardt, die schon seit Jahrzehnten Naturkosmetik produzieren, sind über Internetshops erhältlich. Aber auch in den Drogerien wie Rossmann oder dm gibt es immer mehr hochwertige Marken. Die Eigenmarken der Drogerien schneiden allerdings auch immer besser ab.

Zur Sache

Beliebte Naturkosmetikmarken
Auf Platz 1 der am meisten verkauften Marken im Segment Naturkosmetik steht Weleda, dahinter folgt Dr. Hauschka. Ebenfalls beliebt sind die Marken Sante, Logona, Lavera, Alverde von dm, Santaverde, Kneipp, Benecos, Annemarie Börlind, i+m Naturkosmetik, Alterra von Rossmann.

Bloggerin Elisabeth Jacobs vom Blog Elisabeth Greensetzt seit Jahren auf Naturkosmetik und erklärt im Gespräch mit unserer Redaktion, dass teurere Produkte nicht automatisch besser sein müssen: „In der Regel sind in teureren Produkten höherwertigere Inhaltsstoffe (zum Beispiel aus Bio-Anbau) enthalten. Aber auch die Verpackung und das Marketing spielen immer eine Rolle. Ich setze eher auf hochwertige Bio-Kosmetik, habe aber auch ein paar Schätze für wenige Euro im Badschrank und Kosmetiktäschchen.“ 

Wer auf Nummer sicher gehen will was die Inhaltsstoffe angeht, muss selbst Naturkosmetik herstellen. Foto: imago/blickwinkel

L'Oréal kauft Logocos

Der Markt für Naturkosmetik in Deutschland ist mit knapp 1,2 Milliarden Euro Umsatz der größte in Europa und gibt damit traditionellen Marken, die schon seit Jahrzehnten bestehen, Aufschwung. Auch neue Marken profitieren vom Umweltbewusstsein der Verbraucher. Das hat auch der weltweite Marktführer im Bereich Kosmetik erkannt: L’Oreál. Das Unternehmen aus Frankreich hat selbst keine Linie für Naturkosmetik und ist bei Verbrauchern umstritten. So gehören beispielsweise 23 Prozent von L’Oréal der Firma Nestlé, die immer wieder in der Kritik steht. Greenpeace wirft dem Unternehmen vor, durch den Anbau von Ölpalmen, aus denen Palmöl gewonnen wird, Regenwälder in großem Ausmaß zu zerstören. (Weiterlesen: Das sind die wichtigsten Siegel für Naturkosmetik)

L’Oréal selbst steht im Fokus von Tierschützern, denn der Konzern soll nach wie vor Tierversuche durchführen. Das Unternehmen weist diese Vorwürfe zurück, verkauft allerdings weiterhin seine Produkte in China, wo Tierversuche für Kosmetik Pflicht sind. 

Zur Sache

Tierversuche: Lücke im EU-Recht
Tierversuche sind in der EU verboten. Allerdings gibt es eine Lücke im EU-Recht: "Die Tierversuchs-Verbote beziehen sich laut Klarstellung der EU-Kommission nur auf Inhaltsstoffe, die ausschließlich für kosmetische Zwecke eingesetzt werden. Kosmetikhersteller dürfen auch zukünftig chemische Substanzen verwenden, die in anderen Produkten wie Reinigungsmitteln, Wandfarben oder Medikamenten eingesetzt werden, da in diesen Bereichen gesetzliche Regelungen leider nach wie vor zur Marktzulassung eine Prüfung der Stoffe in Tierversuchen vorschreiben", heißt es auf der Seite des Tierschutzbundes. Das betrifft immer noch eine Mehrzahl der Inhaltsstoffe, so der Tierschutzbund.

Deshalb sorgt eine Nachricht zurzeit für Unmut in der Naturkosmetik-Branche: L’Oréal hat die niedersächsische Firma Logocos gekauft. Zu Logocos gehören die Naturkosmetikmarken Logona und Sante, die unter anderem in Drogerien wie dm und Rossmann erhältlich sind.

Die Übernahme passt zu L’Oréals Strategie, gezielt kleine Marken in der Frühphase zu kaufen, um sie dann groß zu machen und weltweit vermarkten zu können, wie L’Oréal-Chef Jean-Paul Agon in einem Interview mit dem Handelsblatt erklärte. Wie der Verkauf zu einem Unternehmen wie Logocos passt, das sich bewusst vor ein paar Jahren dafür entschieden hat, nicht nach China zu expandieren, bleibt bislang unbeantwortet. Solange das Kartellamt dem Kauf noch nicht zugestimmt hat, äußern sich Logocos und L’Oréal nicht näher dazu.

Hat Logocos seine Seele verkauft?

Verbraucher kritisieren Logocos auf seinen Facebookseiten scharf. Sogar vom Boykott der Produkte ist die Rede. Für L’Oréal könnte das unangenehme Folgen haben: Vor elf Jahren kaufte der Gigant der Schönheitsprodukte die Firma The Body Shop auf. Damals ging ebenfalls ein Aufschrei durch die Fans der Kosmetikprodukte: Auch wenn The Body Shop nicht damit wirbt, Naturkosmetik zu vertreiben, hatte sich Gründerin Anita Roddick den Kampf gegen Tierversuche auf die Fahnen geschrieben. Der Verkauf ihrer Firma empfanden viele treue Konsumenten als Vertrauensbruch, obwohl sie vertraglich festgehalten hatte, dass die ethischen Werte ihrer Firma weiterhin bestehen bleiben. L’Oréal brachte der Kauf nicht viel, die Zahlen waren laut Jean-Paul Agon nicht zufriedenstellend: Deshalb wurde The Body Shop kürzlich an den brasilianischen Konkurrenten Natura verkauft. 

Zur Sache

Diese Marken gehören zu L’Oréal
Der Konzern L’Oréal besitzt 35 Marken, unterteilt in vier Geschäftsbereiche: 
Zum Geschäftsbereich Consumer Products gehören L’Oréal Paris, Garnier, Maybelline New York, Softsheen-Carson und Essie. Die Produkte dieser Marken sind unter anderem in Supermärkten und Drogerien erhältlich.
Unter L’Oréal Luxe sind die Luxusmarken vertreten, aufgeteilt in die drei Sparten Düfte, Hautpflege und Make-up: Lancôme - Giorgio Armani - Yves Saint Laurent - Biotherm - Kiehl’s - Ralph Lauren - Shu Uemura - Cacharel - Helena Rubinstein - Clarisonic - Diesel - Viktor & Rolf - Yue Sai - Maison Martin Margiela - Urban Decay - Guy Laroche - Paloma Picasso
Der Geschäftsbereich Professionelle Produkte setzt sich aus Marken zusammen, die beim Friseur oder Fachhandel erhältlich sind: L’Oréal Professionelle Produkte - Kérastase - Redken - Matrix - Pureology - Shu Uemura Art of Hair - Mizani
Die Produkte des Geschäftsbereichs Apothekenkosmetik sind in Fachgeschäften, Apotheken und Drogeriemärkten erhältlich: Vichy - La Roche Posay - SkinCeuticals - Innéov - Roger&Gallet - Sanoflore
L’Oréal steht mit einem jährlichen Umsatz von 28,6 Milliarden US-Dollar (2017) an der Spitze der Kosmetikkonzerne weltweit. Dicht gefolgt von Unilever (nur im Kosmetikbereich, unter anderem mit den Marken Axe, dusch das, Dove und Rexona) mit 20,5 Milliarden US-Dollar. Auf Platz drei folgt Procter & Gamble (unter anderem mit den Marken Pantene, Gillette, Oil of Olaz) mit 15,4 Milliarden Dollar Umsatz im Kosmetikbereich.

Dass Wachstum auch mit biologischen und natürlichen Produkten funktionieren kann, zeigt die dänische Marke Urtekram. Zertifiziert mit dem strengsten Siegel für Naturkosmetik, Ecocert, hat sich Urtekram seit 1972 mit seinen Produkten nach ganz oben gearbeitet: Das Unternehmen ist laut eigener Aussage der größte ökologische Großhändler Skandinaviens. Die Produkte von Urtekram werden in 36 Länder verkauft, neben Skandinavien unter anderem in der EU und den USA. 

Es gibt also Hoffnung für den Verbraucher, auch wenn es an einigen Stellen noch hakt. Doch wer sich eingehender mit dem Thema Naturkosmetik beschäftigt, sich die Unternehmen genauer anschaut und die Inhalte, kann sich mit einem besseren Gewissen etwas Gutes tun.


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