Experten-Zweifel nach Spahn-Vorstoß Widerspruchsregelung: Was, wenn wir alle automatisch Organspender wären?

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Bislang gilt in Deutschland die Zustimmungspflicht zur Organspende per Ausweis. Foto: dpa/Jan-Peter KasperBislang gilt in Deutschland die Zustimmungspflicht zur Organspende per Ausweis. Foto: dpa/Jan-Peter Kasper

Hall in Tirol. Bei der Debatte darum, ob die Organspende neu geregelt werden sollte, lohnt der Blick nach Österreich – wo es die Widerspruchslösung schon gibt. Dass dort die Spendenzahlen höher sind, hat einem Experten zufolge aber auch andere Gründe.

Rund 10.000 Menschen in Deutschland brauchen ein Spenderorgan. Doch die Zahl der Spender ist gering: Gerade einmal 797 wurden im vergangenen Jahr verzeichnet – ein neuer Tiefstand. Geht es nach Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) soll eine neue Debatte um die Regelung der Organspende mehr Menschen dazu bringen, einer Entnahme ihrer Organe nach einem möglichen Hirntod zuzustimmen. Spahn bringt die "Widerspruchsregelung" ins Spiel, die in fast allen europäischen Staaten gilt. Auch in Spanien, dem europäischen Land mit den meisten Organspenden:

Wie funktioniert der Widerspruch?

Würde in Deutschland auch die Widerspruchslösung eingeführt, wäre jeder automatisch Organspender, es sei denn er oder Angehörige widersprechen dem zu Lebzeiten. Akzeptiert wird meist ein entsprechender Vermerk im Spendeausweis, eine schriftliche Notiz oder die mündliche Mitteilung an Angehörige sowie ein Eintrag im offiziellen Widerspruchsregister, das vor einer Transplantation überprüft wird. 

Wie EU-Staaten die Organspende regeln

Drei Varianten
Widerspruchsregelung: Belgien, Bulgarien, Finnland, Frankreich, GriechenIand, Kroatien, Malta, Norwegen, Lettland, Luxemburg, Österreich, Polen, Portugal, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, Ungarn
Zustimmungsregelung: Dänemark, Deutschland, Irland, Litauen, Niederlande, Rumänien, Zypern
Mischsystem: Estland, Großbritannien, Italien, Schweden

In Österreich gilt diese Regelung bereits seit 1978. Dass auch Deutschland sie gesetzlich vorschreibt, wäre "begrüßenswert", meint Stephan Eschertzhuber, Anästhesist in Hall und mehrjähriger Leiter der Transplantationsabteilung in Innsbruck. "Organtransplantationen sind eine absolut und direkt lebensrettende Maßnahme", sagte er unserer Redaktion, "Es wäre ein positives Signal des Staates das zu unterstützen." 

Weit verbreitete Unwissenheit

Allerdings erwarte er davon keine große Veränderung der Spenderzahlen. "Die Widerspruchslösung würde zu einem medialen Aufschrei führen, aber die Zahlen der Spender nur marginal beeinflussen", sagte Eschertzhuber. Für einen leichten Anstieg der Spenderzahlen würde seiner Ansicht nach eher die persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema führen: "Ein Gesetz alleine gibt nicht den Ausschlag, sondern die Aufklärung darüber." 

An ihr mangele es in beiden Ländern gleichermaßen. "In Deutschland haben die allermeisten keinen Ausweis, in Österreich hat sich praktisch niemand im Widerspruchregister eingetragen – weniger als ein Prozent der Bevölkerung." Laut dem Experten kennt ein Großteil die Widerspruchregel nicht einmal. "Viele wissen nicht, dass potenziell jeder Organspender ist, der in Österreich stirbt – auch Urlauber." 

Weiterlesen: "Täglich drei Tote": Zu wenig Spenderorgane in Deutschland

Rücksicht auf Angehörige

In der Praxis legen die österreichischen Kliniken die Widerspruchsregel jedoch nicht so streng aus. "Wir respektieren den übermittelten Willen des Verstorbenen, aber bei Unkenntnis und strikter Ablehnung der Angehörigen, führen wir die Transplantation nicht durch", betonte Eschertzhuber. Das bedeutet allerdings, dass von den gemeldeten Spendern ein gewisser Teil nicht mehr infrage kommt, weil Hinterbliebene das verhindern. 2016 haben in 28 Prozent der Fälle Angehörige eine Organspende untersagt.

Im Jahr 2017 gab es in Österreich (8,7 Millionen Einwohner) 717 Transplantationen und 206 postmortale Organspender. Zum Vergleich dazu gab es in Deutschland (82,5 Millionen Einwohner) 2765 Transplantationen und 797 Organspender. Gemessen an der Bevölkerungszahl ist die Zahl der Organspender in Österreich demnach mehr als doppelt so hoch. 

Methode in Salzburg erfolgreich

Wie die tatsächliche Spendebereitschaft gesteigert werden kann, zeige das Beispiel des Krankenhauses in Salzburg, wo lange so wenige Organspenden durchgeführt wurden wie in Gesamtdeutschland: etwa elf jährliche Explantationen pro eine Million Einwohner. Man habe die Zahl auf 46 steigern können, "trotz selbem Personal und gleicher Ausstattung, aber mit besserem Informationsangebot und Betreuung", so Eschertzhuber. Erforderlich dafür sei die Bereitschaft der Ärzte, die Angehörigen in ihrer belastenden Situation intensiv zu beraten. Hürden sehe er in Deutschland dafür im Personalmangel und bei der Sprachbarriere vieler ausländischer Ärzte.

In Deutschland gilt bislang die Informationsregelung, die niemandem vorschreibt, Organspender zu sein, aber die Krankenkassen müssen über die Möglichkeit der Spende aufklären. In einem Organspendeausweis kann jeder festhalten, ob er einer Spende zustimmt oder nicht, beziehungsweise welche Organe er ein- oder ausschließen will. Umfragen zufolge tragen aktuell etwa 36 Prozent der Deutschen diesen freiwilligen Ausweis bei sich. Vor sechs Jahren waren es noch 22 Prozent. 


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