Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Welche Kindheitsphase ist die schlimmste?

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Berlin. Noch sind sie niedlich! Kinder durchlaufen immer neue Phasen? Vor welcher fürchtet man sich am meisten?

In der vergangenen Woche hat unsere Elternkolumnistin Corinna Berghahn das erste Schuljahr Revue passieren lassen und ihren Brieffreund gefragt: „Noch sind sie niedlich – vor welcher Entwicklungsphase Deiner Kinder graut es Dir?“ Dies ist die Antwort von Daniel Benedict:

Liebe Corinna,

wer über eine Familiengründung nachdenkt, prüft natürlich zuerst gewissenhaft den eigenen Kinderwunsch, nimmt zu Testzwecken Babys von Freunden und Verwandten auf den Arm und lauscht in sich hinein. Ein klassischer Fehler! Denn gerade das beweist ja gar nichts. Jeder normale Mensch ist gerührt, wenn ihm ein Säugling zahnlos in die Nase beißt. Echte Kinderliebe zeigt sich erst später.

Als ich mich der Entscheidung stellen musste, war ich klüger und habe Babys von Anfang an aus der Wertung genommen. Stattdessen habe ich altkluge Drittklässler belauscht, die am Bahnhof über den Unterschied von ICE und IC dozierten. Im Mediamarkt habe ich mir die Schulschwänzer an ihren Konsolen angeguckt. Wünsche ich mir solche Gespräche? Möchte ich da mitspielen? Und kann ich mir vorstellen, über die Witze angesagter Youtuber zu lachen? Mit solchen Fragen kommt man zu einer sehr viel solideren Einschätzung seiner Familientauglichkeit als beim tränenseligen Blick in fremde Kinderwagen.

Natürlich hat mich auch die Erinnerung an die eigene Kindheit zweifeln lassen: Die Streiche aus der „Micky Maus“, auf die meine Eltern mir zuliebe reinfallen mussten, unaufgefordert nacherzählte Garfield-Cartoons und das unausgegorene Benehmen, mit dem ich mich und alle anderen bis zum Abi in Verlegenheit gebracht habe – möchte man das alles noch einmal erleben? Wie froh war ich, wann immer ich bemerkt habe, dass ich das alles nach und nach ablege! Was mich dabei allerdings oft irritiert hat: Anderen ist die schöne Verwandlung in mein wahres Ich nie aufgefallen. Im Gegenteil: Bei Klassentreffen gelte ich, wie jeder andere auch, grundsätzlich ganz als der Alte. Was stimmt?

Früher habe ich mich immer für etwas Vorläufiges gehalten und dachte, das Eigentliche kommt noch. (Eine bedrohliche Vorstellung: Was wenn man’s am Ende vermasselt?) Inzwischen habe ich das Gefühl, dass immer alles gleichzeitig da ist – das ganze Durcheinander, durch das man eben durchmuss. Und das, was bleibt. Als Vater fällt es mir jetzt überhaupt nicht schwer, in allen Entwicklungsphasen das Eigentliche zu sehen. Dreimonatskoliken kommen und gehen, die Zahnungsbeschwerden, die Kämpfe um Bonbons und Aufmerksamkeit. Trotzdem bleibt völlig unverändert: die glühende, unmittelbare Verbindung, wenn einer der beiden mir direkt in die Augen blickt. Wahrscheinlich gilt auch für das Leben Husserls Beispiel von der Melodie – die immer als Ganzes gegenwärtig ist und nicht in zusammenhanglose Töne zerfällt. Ich gebe aber zu, dass ich die aktuelle Strophe besonders liebe. Und dass ich jetzt schon traurig bin, dass die Kinder irgendwann zu groß sind, um sich mir immer wieder lachend und weinend an den Hals zu hängen.

Herzliche Grüße,

Dein Daniel

PS: Darf man Wespen töten, um sein Kind zu beschützen?

Das Buch zur Kolumne gibt es auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.


Vater, Mutter, Kind: über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kennen das: Corinna Berghahn, zweifache Mutter, hat ihrer großen Tochter schon den Adventskalender geplündert und die kleine ohne schlechtes Gewissen nach drei Monaten abgestillt. Daniel Benedict intrigiert bei den Großeltern, damit seine alten Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie auf www.noz.de/elternkolumne einander das Herz aus.

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