Notfallverhütung ohne Rezept Frauen verwenden die Pille danach immer öfter – warum?

Von Viktoria Meinholz

Die Pille danach ist seit dem 15. März 2015 rezeptfrei in der Apotheke erhältlich. Foto: dpa/Rolf VennenberndDie Pille danach ist seit dem 15. März 2015 rezeptfrei in der Apotheke erhältlich. Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Hamburg. Seit dem Ende der Rezeptpflicht sind die Verkaufszahlen der Pille danach um mehr als 70 Prozent gestiegen. Woran liegt das?

Sie ist für Notfälle gedacht, nicht als regelmäßiges Verhütungsmittel: Die Pille danach kommt zum Einsatz, wenn etwas schief gelaufen ist. Beispielsweise wenn das Kondom gerissen ist, die Pille vergessen wurde oder es zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr gekommen ist. Seit dem 15. März 2015 ist das Medikament rezeptfrei in Apotheken erhältlich. Vorher brauchten Frauen, die ein Notfallverhütungsmittel benötigten, ein Rezept von ihrem Arzt. Über diese Gesetzesänderung wurde damals viel und lange gestritten: Während gerade SPD und Grüne das Selbstbestimmungsrecht der Frauen hervorhoben, blockierten die konservativen Kräfte in der Union eine Veränderung. CDU-Politiker Jens Spahn stellte in einem Gastbeitrag für die "Zeit" klar: Die Pille danach ist kein Smartie.

Er war nicht alleine mit seiner Angst, dass ein leichterer Zugang zu dem Medikament zu einer leichtfertigen Nutzung führen könnte. Doch durch EU-weite Veränderungen hatte auch die Bundesrepublik keine Wahl mehr, die Rezeptpflicht fiel weg.

Die Zahlen

Seitdem sind die Verkaufszahlen stark gestiegen: Während die Pille danach 2014 noch 475.000 Mal verkauft wurde, lag die Zahl 2017 bei 808.000 Präparaten. Ein Anstieg um etwas mehr als 70 Prozent. Die Daten stammen aus dem aktuellen Statistikjahrbuch der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände.

Noch immer können sich Patientinnen das Präparat beim Arzt verschreiben lassen, bis zum 20 Lebensjahr übernimmt dann die Krankenkasse die Kosten. Ohne Rezept zahlt man aus eigener Tasche, die verschiedenen Notfallverhütungsmittel kosten zwischen 15 und 35 Euro. Doch der Anteil der Frauen, die sich beim Frauenarzt beraten lässt, ist in den vergangenen Jahren rapide gesunken: Während 2015 noch 195.000 Packungen auf Rezept verkauft wurden, waren es 2017 nur noch 76.000.


Die Diskussion

Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände erklärt den Anstieg der verkauften Präparate wie folgt: "Der Gesetzgeber wollte Frauen den Zugang zu diesen Verhütungsmitteln erleichtern. Dementsprechend sind die Absatzzahlen in der Selbstmedikation angestiegen, während es einen deutlichen Rückgang ärztlicher Verordnungen gegeben hat." Die Erklärung liege in der Sache selbst, so Doktor Reiner Kern, Sprecher der Bundesvereinigung.

Während ein Anstieg um mehr als 70 Prozent sehr hoch erscheint, hatten Apotheken und Pharmaunternehmen angeblich sogar mit einem noch höheren Anstieg gerechnet. "Vor der Rezeptfreigabe der medikamentösen Notfallverhütung war der Bedarf von vielen Beteiligten künstlich hochgerechnet worden. Man ging von über zwei Millionen Frauen aus, die eigentlich pro Jahr die Pille danach brauchen würden und wegen des Umweges über die ärztliche Verordnung viel zu selten bekommen", sagt Doktor Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte und niedergelassener Frauenarzt in Hannover.

Der Apothekerverband bestreitet, eine genaue Erhöhung prognostiziert zu haben. Rückblickend betrachtet seien die jetzigen Zahlen nicht überraschend, so Kern. Es sei damit zu rechnen, dass nach dem Anstieg der vergangenen Jahre nun der tatsächliche Bedarf erreicht sei.

Sorgen, dass die Pille danach leichtfertig eingenommen werde, sieht der Apothekerverband nicht als bestätigt an. "Die Apotheken machen die Erfahrung, dass Frauen vernünftig und verantwortungsvoll mit Notfallkontrazeptiva umgehen", so Kern.

Die Gründe

Doch ist der erleichterte Zugang wirklich der einzige Grund für die stark gestiegenen Zahlen? Fragt man beim Bund der Frauenärzte nach, der sich sehr gegen die Abschaffung der Rezeptpflicht gesträubt hatte, wird eine falsche Verwendung des Medikaments ins Spiel gebracht: "Wir vermuten, dass von den 300.000 zusätzlichen Frauen viele das Arzneimittel unnötig einnahmen, weil sie den ungeschützten Sex entweder zu einem frühen oder späten Zeitpunkt im Zyklus hatten oder nur einen Pillenfehler gemacht haben, der nicht zu einem Eisprung führt", sagt Christian Albring. In diesen Fällen hätte eine Beratung beim Frauenarzt geklärt, dass die Einnahme unnötig sei.

Doch auch die Apotheker sind zu einem Beratungsgespräch angehalten, in dem sie die Frauen über die Anwendung und Nebenwirkungen der Pille danach aufklären. Der Apothekerverband hatte erst im März die Handlungsempfehlungen für die Abgabe von Notfallverhütungsmitteln überarbeitet.

Fragt man dort nach weiteren Gründen für die gestiegenen Verkaufszahlen abseits des leichteren Zugangs, merkt Sprecher Reiner Kern an, "dass es sicher auch Fälle gibt, in denen Frauen aus Gründen der Sicherheit vorsorglich die Pille danach zu Hause haben wollen".

Offizielle Erhebungen zu dem Thema gibt es bisher nicht.


Wirkung der Pille danach

Die Pille danach hemmt oder verhindert den Einsprung so, dass keine Befruchtung mehr stattfinden kann. Das bedeutet, dass sie nicht zu jedem Zeitpunkt eine Empfängnis verhindern kann: Hat der Eisprung bereits stattgefunden, wirkt das Medikament nicht mehr.

Die Pille danach muss möglichst schnell nach dem Geschlechtsverkehr eingenommen werden - umso früher, desto besser die Wirkung. Das war auch einer der Gründe, die Befürworter der Abschaffung der Rezeptpflicht vorbrachten: Am Wochenende oder in ländlichen Gegenden konnte eine schnelle Einnahme nicht immer garantiert werden.

Generell ist die Pille danach sehr gut verträglich. Beobachtete Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen oder Kopfschmerzen kommen eher selten vor. Da das Medikament sehr stark in den Hormonhaushalt der Frauen eingreift, kann es außerdem zu Zyklusstörungen kommen.

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