Ärzteschaft zu Pharmaskandalen Ludwig: Länderbehörden maximal überfordert

Von Waltraud Messmann

Ein Valsartan-Molekül. Foto:Imago/Science LibraryEin Valsartan-Molekül. Foto:Imago/Science Library

Osnabrück. Anfang Juli wurde bekannt, dass viele Blutdrucksenker mit einem potenziell krebserzeugenden Stoff verunreinigt sind. Wenige später flog in Brandenburg ein Handel mit gestohlenen und gefälschten Krebsmedikamenten auf. In einem Gespräch mit unserer Redaktion kritisiert der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft Wolf -Dieter Ludwig, die zuständigen Landesbehörden seien in beiden Fällen maximal überfordert. „Deshalb muss man sich fragen, ob nicht besser Bundesoberbehörden solche Aufgaben übernehmen sollten“, sagt er.

Aufgabe der Behörden sei in erster Linie der Verbraucher- und Patientenschutz. Diese hätten sie aber nicht ausreichend wahrgenommen. „Dass das in seinem so reichen Land wie Deutschland nicht funktioniert, ist skandalös“, sagte Ludwig. Die Patienten seien verunsichert. „Wir brauchen in Deutschland unbedingt Institutionen, die diese Funktion zentral wahrnehmen, die personell gut ausgestattet sind und die in der Lage sind, uns vor solchen Risiken zu schützen“, forderte der Onkologe, der auch Mitglied der Taskforce zur Aufarbeitung des Pharmaskandals in Brandenburg ist.

Diebesgut

Dort soll der Medizingroßhändler Lunapharm in Griechenland und möglicherweise auch in Italien gestohlene Krebsmedikamente an Apotheken in mehrere Bundesländer ausgeliefert haben. Befürchtet wird unter anderem, dass das Diebesgut falsch gelagert wurde und den Medikamenten dadurch die Wirkung fehlt.

Massenhafter Rückruf

Bereits Anfang Juli hatte der massenhafte Rückruf von valsartanhaltigen Blutdrucksenkern für Schlagzeilen gesorgt. Grund ist eine produktionsbedingte Verunreinigung des Wirkstoffs Valsartan eines chinesischen Zulieferers mit dem potenziell krebserregenden Stoff N-Nitrosodimethylamin (NDMA). Im Fall der verunreinigten Blutdrucksenker sieht Ludwig auch die deutschen Hersteller in der Pflicht. „Sie müssen das, was sie hier importieren und womit sie hier Geld verdienen, auch jenseits von China so überprüfen, dass es sicher ist“, betonte er. Der Fall zeige, welche Probleme auftauchen könnten, wenn Pharmahersteller immer nur nach noch billigeren Herstellungsmethoden suchten.

Billiglohnländer

Ludwig unterstützt die Forderung, die Produktion von Arzneimitteln wieder verstärkt nach Deutschland zu holen. Etwa 80 Prozent der bei uns verfügbaren Wirkstoffe kommen inzwischen aus Billiglohnländer wie China. „Ich würde mich freuen, wenn wir irgendwann wieder die Apotheke der Welt würden“, meint der Experte. Das würde nicht nur die Überwachung deutlich erleichtern sondern auch das immer größer werdende Problem der Lieferengpässe entschärfen. „ Ich glaube aber ehrlich gesagt nicht, dass man in Deutschland die ökonomischen Anreize schaffen kann, die die Hersteller bewegen wieder zu sagen „Prima, wir machen das alles in Deutschland“.


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