Lehrerverband kritisiert deutsche Sprache „Die Rechtschreibreform war den Aufwand nicht wert“

Meine Nachrichten

Um das Thema Gut zu wissen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Sie sollte vieles einfacher machen, vor allem das Schreiben und erst recht das Schreibenlernen. Doch auch zwanzig Jahre nach Umsetzung der Rechtschreibreform ist die Unzufriedenheit groß. Braucht es die Regeln für die Rechtschreibung überhaupt noch?

Die deutsche Sprache ist ein Albtraum, zumindest nach Einschätzung einiger Kritiker. Wobei gleich zu klären wäre, wie man Albtraum überhaupt schreibt – mit p oder doch mit b? Laut Duden stehen die beiden Schreibweisen gleichberechtigt nebeneinander. Schon 1991 war in Deutschlands bekanntestem Wörterbuch von „Alp“ und „Alb“ die Rede, allerdings nur von „Alptraum“. Erst mit der Rechtschreibreform wurde 1996 die Schreibweise „Albtraum“ erlaubt, das dem Wort „Alben“, übersetzt Elfen, die für die schlechten Träume verantwortlich gemacht werden, deutlich näherkommt.

Mit der Rechtschreibreform, die offiziell am 1. August 1998 umgesetzt wurde, sollte doch alles besser werden. Einfacher, verständlicher, klarer – so lautete das Ziel der Reformer, die sich über Jahre um eine Anpassung der Rechtschreibung gestritten hatten. „Aus heutiger Sicht muss man sagen, dass diese Erwartung total danebengegangen ist“, sagt Horst Haider Munske, ehemaliges Mitglied der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung, im Gespräch mit unserer Redaktion. „Die Rechtschreibleistungen sind schlechter geworden und auch das Ansehen der Rechtschreibung hat gelitten.“ (Lesen Sie auch: Forscher monieren zunehmende Rechtschreibschwäche in Schulen)

„Hat der Rechtschreibreform den Hals gebrochen"

Aus seiner Sicht sei es ein Fehler gewesen, die Entwicklung eines neuen Regelwerkes in die Hände staatlicher Organisationen zu geben. Die Kultusministerkonferenz hatte 1987 das Institut für Deutsche Sprache und die Gesellschaft für deutsche Sprache mit der Umsetzung der Reform beauftragt. Doch die bereits ein Jahr später vorgelegten Neuregelungen, die unter anderem vorsahen, „Bot“ statt „Boot“ oder „Keiser“ statt „Kaiser“ zu verwenden, wurden abgeschmettert. Erst im November 1994 einigten sich Vertreter aus zehn europäischen Ländern auf eine Neuregelung der Rechtschreibung für den deutschsprachigen Raum, die verbindlich zum 1. August 1998 eingeführt wurde, nachdem Tausende Schulen in Deutschland die neuen Regeln bereits ab Mitte 1996 unterrichtet hatten.

Noch vor der eigentlichen Umsetzung regte sich jedoch großer Widerstand gegen die Reformpläne. Wichtige Ziele wie die gemäßigte Kleinschreibung oder die Anpassung der Vokallänge wurden verhindert und führten zu einer verhaltenen Reform, wie Kritiker bemängeln. Die Zusammensetzung der zuständigen Kommission, die nur aus Wissenschaftlern und nicht aus Vertretern von Verlagen, Zeitungen und der Lehrerschaft bestanden habe, wurde ebenfalls kritisiert. „Auch das hat der Rechtschreibreform im Endeffekt vermutlich den Hals gebrochen“, sagt Sabine Krome von der Geschäftsstelle des Rats für deutsche Rechtschreibung. (Bis heute umsritten - Rechtschreibreform mit Fehlern)

Doppel-s und ß

Zu den geläufigsten Änderungen der Reform zählte die S-Schreibung, die besagt, dass nach einem kurzen Vokal ein Doppel-s folgt, wie bei Kuss, Fluss oder Hass. Nach langen Vokalen bleibt hingegen das ß stehen, wie bei Gruß, Spaß oder bloß. Selbst Kritiker konnten dieser Regelung etwas abgewinnen. „Die Einführung der Doppel-s- beziehungsweise ß-Schreibung hat sich weitgehend durchgesetzt und zu einer Erleichterung geführt“, so Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.

Andere Regeln wie das Eindeutschen von Fremdwörtern, die Einführung von drei gleichen aufeinander folgenden Buchstaben wie bei „Schifffahrt“ und „Schritttempo“ oder die Getrennt- und Zusammenschreibung, die aus Wörtern wie „spazierengehen“ und „Rad fahren“ „spazieren gehen“ und „radfahren“ machte, wurden deutlich kritischer betrachtet. „Statt die Schreibung zu verbessern, wollten die Reformer sie nur erleichtern, aber selbst das ist ihnen nicht gelungen. Mit der gegenwärtigen Rechtschreibreform wird die [...] Einheitlichkeit der Rechtschreibung endgültig zerstört“, schrieb Theodor Ickler, einer der größten Kritiker der Rechtschreibreform nur wenige Jahre nach ihrer Umsetzung.

„Den Aufwand nicht wert"

Die Rede war vom Eingriff in die natürliche Sprachentwicklung, die dem gewöhnlichen Schreibgebrauch (Usus) entgegenwirken würde. Auch die zahlreichen Ausnahmen, die bei der Anwendung der Rechtschreibregeln ermöglicht wurden und zu mehr Kann- als Muss-Bestimmungen führten, wurden immer häufiger infrage gestellt. „Der Schreiber möchte aber nicht selbst entscheiden, wie er schreibt“, sagt Christina Noack, Professorin für Didaktik der deutschen Sprache an der Universität Osnabrück. „Aus meiner Erfahrung in der Lehre ist die Unsicherheit im Umgang mit der Rechtschreibung gewachsen.“ Statt die Lesbarkeit und das Verständnis beim Schreiben zu fördern, habe sich die Reform negativ auf das Sprachvermögen ausgewirkt.

Diese Erfahrung teilt der Deutsche Lehrerverband. „Die Rechtschreibung ist schlechter geworden, auch wenn diese Entwicklung wahrscheinlich unabhängig von der Reform ist. Kinder lesen und schreiben weniger“, sagt Meidinger im Gespräch mit unserer Redaktion. Dennoch: „Die Rechtschreibreform war den Aufwand nicht wert“, so seine Einschätzung. Vor allem in der Lehrerschaft seien die Reformvorschläge „tief umstritten“ gewesen.

Bundesverfassungsgericht greift ein

Die Kritik an der Rechtschreibreform führte in der Folgezeit zu zahlreichen Anpassungen der Regeln, die als Befriedungsversuch zu verstehen waren. Kampagnen und Unterschriftenaktionen gegen die Reform wurden auf den Weg gebracht und selbst Verlage und Zeitungen, die als eine der ersten die neuen Regeln umgesetzt hatten, kehrten teilweise zur alten Rechtschreibung zurück. Auch das Bundesverfassungsgericht musste sich 1998 mit der Einführung der neuen Regeln auseinandersetzen, erklärte die Einführung im Nachgang aber für rechtmäßig.

Doch die Auseinandersetzung mit der Reform hinterließ ihre Spuren. Eine hitzige Debatte über die Zukunftsfähigkeit der Sprache und die Rolle der Rechtschreibung entstand. „Man braucht die Rechtschreibung, weil sie immer noch ein kulturelles Gut darstellt“, sagt Noack. Eine Rückkehr zur alten Rechtschreibung schließen Befürworter und Kritiker aus, „auch wenn die alte Rechtschreibung gar nicht so schlecht“ gewesen sei, wie Munske sagt.

Regeln der Rechtschreibung noch sinnvoll?

In Zeiten von Whatsapp, Twitter und Co. stellt sich jedoch mehr denn je die Frage, ob die Regeln der Rechtschreibung noch notwendig sind, wenn vor allem Kinder und Jugendliche immer häufiger auf die gängigen Regeln verzichten: Klein- und Großschreibung, Zeichensetzung oder die richtige Zeitform. „Durch Kurzmitteilungen verliert man das Gespür für die sprachliche Richtigkeit. Es kommt nur noch auf die Schnelligkeit an“, erklärt Noack. Meidinger fordert deshalb, die Lesbarkeit der Sprache zu erhalten. „Deswegen sind Regeln für die Sprache so sinnvoll.“ (Kommentar: Versaut Whatsapp die Rechtschreibung? Wohl kaum!)


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN