Die wichtigsten Fragen Crispr-Methode: EuGH fällt Grundsatzurteil über neue Gentechnik

Von dpa und Detlef Drewes

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Vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg werden am heutigen Mittwoch die Weichen für die Gentechnik von morgen gestellt. Sie wäre nicht mehr als solche erkennbar. Foto: dpa/Gregor FischerVor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg werden am heutigen Mittwoch die Weichen für die Gentechnik von morgen gestellt. Sie wäre nicht mehr als solche erkennbar. Foto: dpa/Gregor Fischer

Luxemburg. Präziser, schneller, günstiger: Mit neuen Verfahren kann man Pflanzen effizient genetisch verändern. Ob es sich dabei rein rechtlich um Gentechnik handelt, ist umstritten. Das soll nun der EuGH klären. Die wichtigsten Fragen vorab im Überblick.

In der Gentechnik ist eine Revolution im Gange. Möglich macht das auch ein relativ neues Werkzeug: Die Genschere Crispr/Cas9, kurz Crispr. Sie ermöglicht es unter anderem, das Erbgut von Pflanzen und anderen Lebewesen präziser, schneller und günstiger zu verändern als bisher. Demnach könnten Nutzpflanzen keinen Schutz durch Pestizide mehr brauchen oder auf trockenem Boden gedeihen. Umstritten ist, inwieweit bestimmte Anwendungen von Crispr und ähnlichen Werkzeugen unter die strengen Auflagen des europäischen Gentechnikrechts fallen. Darüber soll am Mittwoch (25.7.) der Europäische Gerichtshof (EuGH) urteilen.

Was kann die neue Gen-Methode Crispr?

Die Befürworter schwärmen von der neuen Gen-Schere, die Reispflanzen hervorbringt, die nicht mehr an Bräune erkranken sowie Weizen ohne Mehltau. Möglich machen soll dies ein Verfahren, das sich Genome Editing nennt. Das Instrument dazu heißt Crisp/CAS und hat mit der bisherigen Technologie gentechnisch veränderter Organismen (GVO) nichts mehr zu tun. Konkret wird die DNA einer Pflanze mit Hilfe der Gen-Schere Crisp an einer vorbestimmten Stelle geschnitten. Die Selbstheilungskräfte der DNA sorgen dafür, dass sie selbst wieder zusammenwächst. Bestimmte Gene können so verändert oder eben auch ausgeschaltet werden. Die Forscher versprechen sich von der Methode, über die sie seit 2012 verfügen, Resistenzen gegen Krankheiten, ja sogar die Möglichkeit, menschliche Ersatzorgane in Tieren heranzüchten zu können. Der entscheidende Punkt ist: Diese Mutation wäre auch auf natürlichem Wege möglich – beispielsweise durch UV-Strahlung oder jene Radioaktivität, die ohnehin in der Atmosphäre vorhanden ist.

Was genau wird am EuGH verhandelt?

Vor den Richtern des EuGH liegt eine Anfrage aus Frankreich, mit der geklärt werden soll, was GVO wirklich sind und was nicht. Sollten die Richter die neuen Pflanzen nicht als gentechnisch verändert einstufen, wofür derzeit viel spricht, bräuchten sie weder eine Sicherheitsüberprüfung durchlaufen, noch müssten die Endprodukte gekennzeichnet werden. "Wenn Veränderungen an Pflanzen auch natürlicherweise auftreten können, dann dürfen solche Gewächse keiner zusätzlichen Regelung unterliegen", argumentiert Carl-Stephan Schäfer, Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Pflanzenzüchter. Die Entscheidung des EuGH ist für die Mitgliedstaaten bindend.

Welchen Vorgaben gelten für GVO? 

GVOs werden vor der Zulassung auf ihre Sicherheit geprüft. Lebensmittel, die unter die GVO-Verordnung fallen, müssen im Handel für die Verbraucher gekennzeichnet sein. In Deutschland kann man solche Lebensmittel aber nicht kaufen, sie werden vom Handel nicht angeboten. 

Warum finden Gentechnik-Kritiker das EuGH-Urteil so brisant?

Die Gegner sind skeptisch. "Man muss ja Molekular-Scheren in die Zellen reinbringen. Dadurch werden auch schon wieder Sachen verändert und beeinflusst, die man nicht beabsichtigt hat", sagt die Molekularbiologin Ricarda Steinbrecher, Ko-Direktorin der unabhängigen Forschungseinrichtung EcoNexus im britischen Oxford. Andreas Fisahn, Fach-Jurist an der Universität Bielefeld, sieht noch weitere Risiken: "Was für Menschen nicht unmittelbar giftig ist, könnte trotzdem das Zusammenspiel des Ökosystems als Ganzes stören." Für viele ein regelrechter Albtraum, denn die widerstandsfähigen Pflanzen, deren Mutation nie mehr nachweisbar ist, sind in der Lage, durch immer größere Ausbreitung die nicht veränderten Organismen zu verdrängen. Wenn es keine Sicherheitsüberprüfungen und Kennzeichnungspflicht mehr gäbe, wäre der schleichenden Veränderung der Natur kaum Grenzen gesetzt.

Um welche Gentechnik-Verfahren geht es?

Bei Verfahren, bei denen artfremde DNA in das Erbgut von Pflanzen oder anderen Organismen eingefügt wird, ist die Situation eindeutig, wie Ralf Wilhelm sagt. Er ist Sicherheitsexperte für biotechnologische Verfahren bei Pflanzen am Julius-Kühn-Institut, einem Bundesinstitut. Sie fallen unter die GVO-Regeln. Umstritten ist, inwieweit das auch für Produkte der sogenannten gezielten Mutagenese gilt.

So funktioniert die Crispr-Genschere. Grafik: dpa/M. Beils/J. Schneider

Was passiert bei der gezielten Mutagenese?

Dabei wird beispielsweise mit der Genschere Crispr die DNA gezielt an einer vorherbestimmbaren Stelle geschnitten. Die Zelle repariert daraufhin den DNA-Strang selbst. Dabei kann sich die DNA-Sequenz etwas ändern. Gene können so gezielt verändert oder auch ausgeschaltet werden. Mit dieser Technik können mit vergleichsweise geringem Aufwand beispielsweise Getreidesorten widerstandsfähiger gemacht oder die Zusammensetzung von Nahrungs-und Futterpflanzen optimiert werden.

Was bedeutet das EuGH-Urteil für den Verbraucher?

Es gibt in Supermärkten keine GVO-Lebensmittel zu kaufen, weil diese laut Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels die überwiegende Mehrheit der Verbraucher ablehnt. Es gibt in Deutschland auch keine GVO-Pflanzen auf den Feldern. Lebensmittel von Pflanzen, die mit gezielter Mutagenese erzeugt wurden, könnten aber in einigen Jahren in den Supermarkt-Regalen stehen, ohne dass es der Verbraucher merkt. Das könnte dann der Fall sein, wenn der EuGH entscheidet, dass für solche Lebensmittel keine GVO-Regeln gelten und sie nicht gekennzeichnet sein müssen.

Steht dazu schon etwas im EU-Recht?

Nicht direkt. Organismen, die mit älteren Mutagenese-Methoden erzeugt wurden, sind unter gewissen Voraussetzungen von den GVO-Regeln ausgenommen. Dazu gehört, Pflanzen zu bestrahlen oder mit Chemikalien zu behandeln. Dadurch ändert sich das Erbgut an vielen zufälligen Stellen. Pflanzen, die dadurch gewünschte Eigenschaften bekommen, werden dann kultiviert. Ob diese Ausnahme prinzipiell auch Verfahren der gezielten Mutagenese einschließt, ist Gegenstand des EuGH-Verfahrens.

Ist absehbar, wie das Gericht entscheidet?

Der Generalanwalt des EuGH, Michal Bobek, plädiert dafür, dass Ausnahmen von den GVO-Regeln für alle Mutagenese-Verfahren - einschließlich neuerer Methoden - gelten sollten. Zudem ist er aber auch der Ansicht, dass die Mitgliedsstaaten eigene, strengere Regeln für diese Verfahren aufstellen können sollten. Die Empfehlungen des Generalanwalts sind für die Richter nicht bindend, in der Mehrzahl der Fälle folgen sie ihnen aber.



Was meint die Bundesregierung?

Im Koalitionsvertrag haben Union und SPD festgeschrieben, dass sie im Anschluss an das Urteil "auf europäischer oder gegebenenfalls nationaler Ebene Regelungen vornehmen" werden, "die das Vorsorgeprinzip und die Wahlfreiheit gewährleisten". Sollten Anwendungen der Crispr-Methode künftig in der EU nicht mehr als Gentechnik gelten, könnte die Kennzeichnung im europäischen Binnenmarkt schwierig werden. Während das Agrarministerium eher die Chancen der neuen Methoden in den Vordergrund rückt, betont man im Umweltministerium stärker den Verbraucherschutz und mögliche Risiken.

Welche Risiken können Gentechnik-Pflanzen bergen?

Es gibt Befürchtungen, das gentechnisch veränderte Pflanzen in die Umwelt gelangen und nicht mehr zurückzuholen sind. Dort könnten einige von ihnen einen Vorteil gegenüber anderen Pflanzen haben und sie verdrängen. Einige Gentechnik-Kritiker führen auch an, dass gentechnisch veränderte Pflanzen ihre Erbanlagen mit unabsehbaren Folgen auf andere Gewächse übertragen könnten.

Welche Bedeutung hat das Urteil für Industrie und Landwirtschaft?

Gelten für Pflanzen, die mit gezielter Mutagenese erzeugt wurden, künftig GVO-Regeln, ist laut Deutschem Bauernverband zu befürchten, dass wichtige Züchtungsoptionen fehlen. "Das wäre ein signifikanter Nachteil", sagt Präsident Joachim Rukwied. "Wir brauchen Pflanzen, die gegen Krankheiten und Hitzestress resistent sind." Ricardo Gent, Geschäftsführer der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie, fürchtet, dass der Forschungsstandort Deutschland im Vergleich zu den USA oder China stark zurückgeworfen werden könnte. Gerade kleine und mittlere Unternehmen hätten dann kaum noch eine Chance, weil die Verfahren zu teuer würden.

Wurden schon Nutzpflanzen mit gezielter Mutagenese erzeugt?

Wilhelm vom Julius-Kühn-Institut sind keine bekannt, die schon auf dem Markt sind, auch nicht in anderen Ländern. Es gebe aber erste Feldversuche in Amerika. Weit gediehen sei beispielsweise eine Sojabohne mit verändertem Ölsäuregehalt, oder auch ein Mais mit veränderter Stärkezusammensetzung. Gent von der Industrievereinigung verweist auf eine Kartoffel in den USA, deren Lagerfähigkeit mit gezielter Mutagenese verbessert wurde.

Hat das EuGH-Urteil auch Auswirkungen auf Nutztiere?

Im Prinzip schon. Schließlich ist im EU-Recht von Organismen im Allgemeinen die Rede. Dazu gehören auch Tiere. Laut Christoph Then von Testbiotech könne auch das Erbgut von Tieren mit der sogenannten gezielten Mutagenese verändert werden. So gebe es Schweine mit mehr Muskeln oder Rinder ohne Hörner. Auf dem Markt seien diese aber noch nicht.


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