Ziegenhalter sind meist Enthusiasten Die „Kuh des kleines Mannes": Ziegenhaltung eine Nische mit Potenzial

Von dpa

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Ziegen vom "De Zeegenhoff" stehen in Bremen auf einer Weide. Foto: Carmen Jaspersen/dpaZiegen vom "De Zeegenhoff" stehen in Bremen auf einer Weide. Foto: Carmen Jaspersen/dpa

Hannover. Ziegenkäse hat schon lange den Sprung auf die Speisekarten und in die Kühlregale der Supermärkte geschafft. Das meiste wird importiert. In Deutschland ist Ziegenhaltung eine Nische - allerdings mit Wachstumspotenzial.

Lena ist schon 13 Jahre und der „Methusalem" der Herde. Sie hüpft nicht mehr ganz so locker auf das kleine umgekippte Flachboot auf der Weide und auch den Sprung auf die Schubkarre lässt sie lieber, anders als die übermütigen Zicklein. Lieber schubbert sich Lena an der großen Rundbürste, die wohl mal eine Straßenkehrmaschine zierte. „Die Bürste ist ziemlich beliebt", sagt Anke Rosenhagen. Sie hält auf ihrem „Zeegenhoff" im grünen Bremer Werderland knapp 30 Thüringer Waldziegen. Produkte aus Ziegenmilch sind „en vogue" - Käse, Milch, Butter, Ziegenmilch-Feta, Yoghurt. Die Nachfrage ist groß, die Vermarktung eher schwierig. Ziegenhaltung ist etwas für Enthusiasten.  

Ziegen werden nicht mehr gezählt

Früher galt die Ziege als „Kuh des kleines Mannes". In vielen Gärten und Hinterhöfen, bei weitem nicht nur auf dem Land, war das Gemecker zu hören. Schätzungsweise 2,5 Millionen Ziegen gab es vor rund 110 Jahre in Deutschland. Heute sind es vielleicht rund 120.000. Im Agrarland Niedersachsen listet die Tierseuchenkasse rund 22.000 Ziegen auf. Im Vergleich dazu: 2,7 Millionen Rinder, 10,7 Millionen Schweine und 233.000 Schafe. Exakte Ziegenzahlen sind schwer zu ermitteln, denn seit 1977 werden sie nicht mehr gezählt, sondern geschätzt. Klar ist: Die Haltung kleiner Wiederkäuer ist ein Randbereich der deutschen Landwirtschaft.

„80 Prozent der Bestände haben weniger als 30 Tiere", schätzt der Geschäftsführer des Deutschen Ziegenzuchtverbandes (BDZ), Stefan Völl. Ziegen habe drei Nutzungsarten: Milch, Fleisch und Wolle. Daneben wird sie wie das Schaf zu Landschaftspflege eingesetzt. Vor allem in heißen Regionen ist sie zu zuhause. Griechenland hat über fünf Millionen Ziegen, Spanien immerhin noch halb soviel und auch Italien über eine Million. Diese Länder liefern ein großen Teil der Ziegenmilcherzeugnisse.

Ziegen bereiten viel Arbeit

Völl schätzt den Selbstversorgungsgrad bei Ziegenprodukten in Deutschland auf etwa 20 Prozent. „Da ist noch erheblich Luft nach oben." Doch im Vergleich zu Kuhmilch sind die Vermarktungsstrukturen rudimentär. Oft geht es nur über Direktvermarktung. Milch vom Hof und kleine Stände am Markt sind die Regel. Wer Ziegen hält, der muss mit viel Arbeit rechnen. Morgens sollte die Herde auf die Weide, abends oder bei Regen in den Stall. Zwei mal am Tag melken. Sieben Tage die Woche. Ein Ziege kann zwischen 600 und 900 Liter Milch mit einem Fettgehalt von 3,5 Prozent im Jahr geben.

Anke Rosenhagen vom "De Zeegenhoff" steht auf einer Weide und füttert ihre Ziegen. Foto: Carmen Jaspersen/dpa

Massentierhaltung wie bei Schweinen, Geflügel oder Rindern ist mit Ziegen schwierig bis unmöglich. Es gibt zwar Bestände mit mehr als 1000 Ziegen. „Aber mit Blick auf das Verhaltensspektrum ist eigentlich kein Tier weniger geeignet für eine Haltung in Großbeständen als die Ziege", sagt Diplom-Agraringenieurin Kathrin Kofent vom Verein „Provieh", der sich um die artgemäße Haltung von Nutzieren kümmert. „Agil, neugierig, intelligent", so beschreibt sie Ziegen. Kofent sorgt sich vor allem um das Schicksal männlicher Ziegenkitze, die sehr früh verkauft und über tausende Kilometer unter widrigen Umständen in andere Länder exportiert würden.

Süddeutschland bei Ziegenhaltung vorn

In Deutschland liegen die stärkste Ziegenregionen in Bayern und Baden-Württemberg. In Süddeutschland sitzt auch eine der größten Ziegenmilchverarbeiter, die Andechser Molkerei Scheitz, die auf 100 Prozent Bio setzt. Schon 1994 nahm das Unternehmen Ziegenmilch ins Sortiment. Heute werden im oberbayerischen Andechs nach Unternehmensangaben 9,4 Millionen Kilogramm (Liter) Ziegenmilch pro Jahr verarbeitet. Rohmilchlieferanten sind 100 Bio-Ziegenmilchbauern mit 16.000 Ziegen. Der Milchpreis pro Liter liegt durchschnittlich bei netto 90,20 Cent. „Ziegenkäse hat auch in der gehobenen Gastronomie einen festen Platz auf der Speisekarte gefunden", sagte die Marketing-Chefin der Molkerei, Irmgard Strobl.

Allerdings bleibt das Geschäft für die meisten Halter mühsam. Wenn überhaupt, reicht es für den Nebenerwerb. Insgesamt zeigt sich eine Branche, die durch viel Individualismus, Idealismus und Engagement geprägt sei, resümiert eine Ende Januar 2017 fertig gestellte Zweieinhalbjahres-Studie der Bioland Beratung GmbH, des Vereins BAT Beratung Artgerechte Tierhaltung und dem Thünen-Institut für Ökologischen Landbau.

Die Beschreibung passt auch auf den „Zeegenhoff" von Anke Rosenhagen. Sie weiß noch nicht, ob sie dieses Jahr Käse macht. Von Massentierhaltung hält sie wenig. Sie kennt all ihre Thüringer Waldziegen mit Namen, weiß, welche Tiere sich vertragen und welche nicht. Sie ermahnt die Zickigen, ermuntert die Gemächlichen und nimmt den Nachwuchs schon mal auf den Arm. Doch auch sie muss immer wieder entscheiden, welche Ziege den kleinen „Zeegenhoff" verlassen und möglicherweise zum Schlachten verkauft werden muss. „Danach schläft man nachts nicht so besonders gut." 


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