zuletzt aktualisiert vor

Blutdrucksenker unter Krebsverdacht Nach Valsartan jetzt auch Irbesartan-Rückruf

Von Waltraud Messmann

Hier zu sehen ist ein Molekülmodell von Valsartan. Chargen des Mittels sind mit einer potenziell krebserregenden Substanz verunreinigt und werden zurückgerufen. Foto:Imago/Science Photo LibraryHier zu sehen ist ein Molekülmodell von Valsartan. Chargen des Mittels sind mit einer potenziell krebserregenden Substanz verunreinigt und werden zurückgerufen. Foto:Imago/Science Photo Library

Osnabrück. Der Skandal um den häufig verordneten Blutdrucksenker Valsartan weitet sich aus. In Deutschland wurden 17 Präparate zurückgerufen, weil sie möglicherweise mit einer potenziell krebserregenden Substanz verunreinigt sind. Jetzt rief ein Hersteller erstmals auch Irbesartan zurück. 

Update: Der Hersteller Hormosan kann nach einem Bericht von DAZ.online nicht ausschließen, dass Irbesartan-Hormosan 150 mg und Irbesartan -Hormosan 300 mg ebenfalls mit dem wahrscheinlich krebserregenden Stoff N-Nitrosedimethylamin belastet sind. Andere Chargen seien nicht betroffen, hieß es. Bislang wurden nur valsartanhaltige Arzneimittel zurückgerufen.

Die mit einem potenziell krebserregenden Stoff verunreinigten Valsartan-haltigen Blutdrucksenker sind wohl bereits seit sechs Jahren auf dem Markt. Nach Informationen der europäischen Arzneibuch-Kommission ist die Verunreinigung möglicherweise auf eine Umstellung des Produktionsverfahrens bei dem chinesischen Wirkstofflieferanten Zhejiang Huahai Pharmaceutical im Jahr 2012 zurückzuführen, die jetzt erst bekannt wurde.

Update: Aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen, geht hervor, dass allein 2017 bis zu 900 000 Patienten bundesweit Blutdruckmittel eingenommen haben, die mit der potenziell krebserregenden Substanz verunreinigt waren.

Die Grünen im Bundestag kritisierten den Umgang der Behörden mit dem Thema: Die Aussage der EMA, es bestehe kein akutes Gesundheitsrisiko, beruhige wenig, sagte die Pharmaexpertin der Fraktion, Kordula Schulz-Asche, der Zeitung. Schließlich seien die Medikamente bereits seit sechs Jahren verunreinigt, und die Risiken einer langfristigen Einnahme könnten bislang nicht abgeschätzt werden. Eugen Brysch vom Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz spricht von kriminellen Machenschaften mit Pharmaprodukten und sieht die Politik in der Pflicht. „ Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften für einen sicheren Patientenschutz fehlen. Das muss sich rasch ändern. Die Justizminister sind gefordert.“Nach Angaben der Hochdruckliga sind in Deutschland 20 bis 30 Millionen Menschen von Bluthochdruck betroffen. Die Folgen wie Herzinfarkt und Schlaganfall können lebensgefährlich sein.

Genaue Prüfung gefordert

Der Gesundheitsforscher Gerd Glaeske kritisierte im Gespräch mit unserer Redaktion, „diese Veränderungen bei der Herstellung hätten intensiver Qualitätsuntersuchungen auf Reinheit und Identität des Wirkstoffes bedurft“. Die deutschen Überwachungsbehörden forderte Glaeske auf, bei neuen Herstellungs- und Syntheseverfahren für einen Wirkstoff immer genau zu prüfen, ob dadurch bisher unbekannte Begleitstoffe entstehen. Aber auch die hiesigen Generikafirmen seien in der Pflicht, betont der Experte. Sie hätten die Produktionsveränderungen den Überwachungsbehörden der Bundesländer melden sollen. Auch müssten sie die Qualität der gelieferten Ware vor der Auslieferung an den Großhandel und die Apotheken prüfen.

Eine Liste der zurückgerufenen Produkten finden Sie hier.

Neuartige Produktionsverfahren

Der Hersteller hat das neuartige Produktionsverfahren offenbar eingeführt, um die Ausbeute zu steigern. Die Frage der Preise spiele bei solchen Vorfällen eine entscheidende Rolle, kommentiert das Glaeske. „Je niedriger diese durch vertragliche Regelungen werden – unter anderem durch Rabattverträge –, desto mehr werden global existierende Möglichkeiten der kostengünstigen Herstellung in Ländern mit niedrigen Lohn- und Produktionskosten genutzt.“

N-Nitrosodimethylamin

Die Pressesprecherin des niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung Naila Eid betonte im Gespräch mit unserer Redaktion, eine mögliche Verunreinigung des Wirkstoffes mit N-Nitrosodimethylamin sei den zuständigen deutschen Behörden bisher nicht bekannt gewesen. Ein von der Europäischen Arzneimittelagentur am 5. Juli eingeleiteter Stufenplan sehe vor, alle Daten zu Arzneimittelrisiken von den Zulassungsinhabern Valsartan-haltiger Arzneimittel anzufordern und auszuwerten. Auch würden zurzeit toxikologische Gutachten erstellt. Eid schloss nicht aus, dass die Ergebnisse weitere Maßnahmen zur Abwehr von Arzneimittelrisiken und Anpassungen der Zulassungen erforderlich machen könnten.

Kein akutes Risiko

Eid betonte außerdem, dass beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte ( BfArM) kein akutes Risiko für Patientinnen und Patienten vorliege. Der Rückruf findet auf Apothken - und Großhändlerebene statt. Patienten sollten sich an ihren Arzt oder ihre Apotheke wenden. Informationen über Engpässe von Vasartan-haltigen Medikamenten lägen ihr nicht vor, so Eid. Laut einem Bericht von Apotheke adhoc sollen aber einzelne von den Valsartan-Verunreinigungen betroffenen Unternehmen bereits Lieferschwierigkeiten von unterschiedlicher Dauer gemeldet haben.

Update: ABDA-Präsident Friedemann Schmidt rechnet aufgrund der erfolgten Valsartan-Rückrufe mit Versorgungsengpässen für Bluthochdruckpatienten. Das verunreinigte Valsartan habe einen Marktanteil von rund 40 Prozent. „Das vorhandene Valsartan wird tatsächlich nicht ausreichen, um alle Patienten umzustellen“, sagte Schmidt der Leipziger Volkszeitung (LVZ). Man müsse abwarten, wie schnell die verbliebenen Hersteller mit Produktionsstätten in Europa reagieren könnten.


Die wichtigsten Fragen und Antworten:

In Deutschland und 20 weiteren Ländern werden derzeit Chargen des Blutdrucksenkers Valsartan zurückgerufen. Grund ist eine Verunreinigung mit der potenziell krebserregenden Substanz N-Nitrosodimethylamin (NDMA), die bei dem chinesischen Wirkstofflieferanten Zhejiang Huahai Pharmaceutical aufgetreten ist. Es folgen die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was ist Valsartan?Valsartan ist ein Wirkstoff, der zu hohen Blutdruck kontrollieren soll. Zum Einsatz kommt er in Arzneimitteln für Patienten mit Bluthochdruck, Herzschwäche oder nach einem Herzinfarkt. Er bietet sich als oft gut verträgliche Alternative zu ACE-Hemmern an. Laut dem Arzneiverordnungsreport für das Jahr 2016 haben Ärzte allein in Deutschland 1096,4 Millionen Tagesdosen Valsartan verschrieben.

Was ist N-Nitrosodimethylamin?Der Wirkstoff Valsartan des chinesischen Herstellers soll produktionsbedingt mit der Substanz N-Nitrosodimethylamin (NDMA) verunreinigt worden sein. NDMA wird von der Internationalen Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der EU als wahrscheinlich krebserregend beim Menschen eingestuft. Auch nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) haben sich die meisten N-Nitrosamine im Tierversuch als krebserzeugend Nach einem Bericht der Deutschen Apotheker-Zeitung sind bevorzugte Zielorgane dieser Substanz ) Leber, oberer Gastrointestinaltrakt, Respirationstrakt, Niere und Harnblase.

Welche Präparate sind betroffen? Mittlerweile gibt es 17 Rückrufe von Pharmaherstellern für ihre valsartanhaltigen Mono- und Kombinationspräparate. Nur vier Pharmakonzerne – Aurobindo, Mylan dura, Novartis und TAD Pharma – bestätigen, keinen Wirkstoff des chinesischen Herstellers verarbeitet zu haben. TAD Pharma ist alleiniger Rabatt-Vertragspartner nahezu aller AOKen.

Was müssen Patienten beachten? Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ermahnt Patienten, die Valsartan enthaltenden Arzneimittel nicht eigenmächtig abzusetzen. Sie sollten Rücksprache mit dem behandelnden Arzt halten. Das gesundheitliche Risiko durch einen Therapieabbruch sei um ein Vielfaches höher als das durch N-Nitrosodimethylamin. Derzeit sei noch nicht bekannt ob und wie viel von der Verunreinigung im Endprodukt zu finden sei. Daher bestehe aktuell kein akutes Patientenrisiko. Betroffene sollten sich Rat bei ihrem Arzt holen.

Gibt es Ersatzpräparate? Patienten, die vom Rückruf betroffene Mittel regelmäßig einnehmen müssen, können sich stattdessen Präparate anderer Hersteller verschreiben lassen. Laut der Deutschen Apotheker-Zeitung gab es aber bereits Anfang der Woche vereinzelt Meldungen, diese Mittel seien schwer zu erhalten. Es gibt auch noch andere Sartane, die als Alternativen für Valsartan benutzt werden können: Azilsartan, Candesartan, Eprosartan, Irbesartan, Losartan, Olmesartan und Telmisartan. Sie müssten aber anders dosiert werden.

Was können Ärzte tun?Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) empfiehlt Ärzten, eine Wirkstoffverordnung auszustellen, sodass es der Apotheke problemlos möglich ist, Patienten mit einer Packung, die nicht vom Rückruf betroffen ist, zu versorgen. Von einer Verordnung der Originalprapärate mit „Aut idem-Kreuz“, die neben Generika anderer Firmen derzeit nicht vom Rückruf betroffen sind, rät die KV ab. Mithilfe des Aut-idem-Kreuzes können Ärzte verhindern, dass das verordnete Arzneimittel gegen ein  rabattiertes ausgetauscht wird.

Werden Mehrkosten von den Kassen übernommen?In Fragen der Kostenübernahme ist noch einiges unklar. So gibt es Berichte darüber, dass bei Diovan/Codiovan und Provas/Provas comp. für die Patienten Mehrkosten von mindestens 70 Euro je N3-Packung zusätzlich zur Zuzahlung anfallen. Grundsätzlich werde für nicht von der Zuzahlung befreite Versicherte wieder eine Zuzahlung fällig, heißt es dazu bei DAZ.online. Die Apotheken müssten diese Zuzahlung in voller Höhe an die jeweilige Krankenkasse weiterleiten. Allerdings hätten bereits Kassen angekündigt, dass sie ihren Versicherten die Zuzahlung erstatten. Die Arzneimittelkommission empfiehlt betroffenen Versicherten, bei ihrer Kasse anzufragen.

Gibt es bereits Stellungnahmen einzelner Kassen? Die Barmer hat mitgeteilt, im Fall eines offiziell bekannten Versorgungsengpasses – „wenn keine alternativen rabattierten oder nicht rabattierten Generika zur Verfügung stehen“, auch die Mehrkosten zu erstatten. Apotheken sollten aber bevorzugt die vom Rückruf nicht betroffenen Rabattarzneimittel abgeben. Bei der Barmer sind rund 85 000 Versicherte sind von dem Rückruf betroffen. Patienten sollen die Zuzahlung in der Apotheke leisten und die Quittung bei der zuständigen Geschäftsstelle einreichen. Die Barmer nimmt auch den Ärzten die Angst vor Regressen. Sie müssten sich keine Gedanken machen, dass Neuverordnungen zu einer persönlichen finanziellen Belastung führten. Die AOK Rheinland/Hamburg bestätigte gegenüber DAZ.online, sowohl anfallende Zuzahlungen als auch Mehrkosten für ihre Versicherten zu übernehmen. Die AOK Nordost will demnach ebenfalls für die Mehrkosten bei Verordnungen über Altoriginale wie Diovan oder Provas aufkommen – allerdings nur einmalig. Nach einem Bericht des Branchendienstes Apotheke Adhoc ist es aber auch möglich, dass einzelne Krankenversicherungen die Zuzahlungen nicht tragen. Der Dienst berichtete ein Mann aus Nordrhein-Westfalen 122,59 habe für ein alternatives Mittel selbst tragen müssen.

Was rät die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände?

Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände rät Apotheken, sich mittels RSS-Feed, den die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) im vergangenen Jahr eingeführt hat, zeitnah über die Chargenrückrufe zu informieren. wam

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN