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Berliner Fashion Week 2018 Tanja Marfo will besseres Bewusstsein für Plus Size schaffen

Von Elke Schröder

Tanja Marfo, Initiatorin der „Plus Size Fashion Days“ in Hamburg, veranstaltet zum ersten Mal ein Casting für große Größen auf der Berliner Fashion Week. Foto: Andrea HufnagelTanja Marfo, Initiatorin der „Plus Size Fashion Days“ in Hamburg, veranstaltet zum ersten Mal ein Casting für große Größen auf der Berliner Fashion Week. Foto: Andrea Hufnagel

Berlin. Vieles hat sich in den vergangenen Jahren im Handel im Bereich große Größen getan. Doch noch nicht genug, meint Tanja Marfo, Organisatorin der „Plus Size Fashion Days“ in Hamburg im Interview mit unserer Redaktion. Vor allem in der Präsentation des Themas Plus Size und dem modischen Angebot sei viel noch Luft nach oben.

Auf der Berliner Fashion Week will Tanja Marfo mit einer kleinen Lounge am Mittwoch, 4. Juli, mit Modelcasting und Fachgesprächen, ein Zeichen setzen.

Frau Marfo, warum veranstalten Sie das erste Mal während der Fashion Week in Berlin eine „Plus Size Lounge“ mit einem Model-Casting für Ihre nächsten „Plus Size Fashion Days“ in Hamburg?

Es war schon immer mein Wunsch, ein Casting während der Fashion Week zu veranstalten. Die Lounge ist auch ein Event, wo Blogger und Interessierte Fachgesprächsrunden lauschen und sich informieren können. Der Bedarf ist da: Allein für das Casting haben schon 65 Models angemeldet. Bislang haben wir unsere Castings jährlich in Ladengeschäften gemacht, was auch gut war, aber Plus Size braucht mehr Aufmerksamkeit – und dazu müssen wir uns außerhalb der Community bewegen. Die Fashion Week ist der ideale Ort, weil wir da eigentlich nicht stattfinden. Leider.

Inwiefern? Auf den Modemessen im Rahmen der Fashion Week stellen doch einige Hersteller aus.

Auf der Fashion Week gibt es die „Panorama“-Modemesse auf der vereinzelt Plus-Size-Labels zu sehen sind. Allerdings ist das Thema Mode für große Größen immer negativ besetzt. Es spielt sich abseits ab und wird nicht positiv aufgewertet. Die „Panorama“ hatte die „Hipstar“-Halle. Dort gab es auch Modeschauen, allerdings wurden die Modelle nur in der Standardkonfektionsgröße auf dem Laufsteg vorgestellt und nicht in einer großen Größe. Folglich sieht man eine Größe 42, maximal eine 44, und denkt sich, warum ist das schon Plus Size? Manchmal laufen bei Modeschauen Models in Größe 38 mit - und das gilt dann schon als Übergröße. Diese Spirale dreht sich seit Jahrzehnten und niemand versucht, wirklich etwas zu verändern. Die Durchschnittsfrau, die eine Größe 42 oder 44 trägt, wird auf der regulären Fashion Week nicht so abgeholt, denn dort dominieren die Größen 32 bis 36, manchmal noch eine 38.

Wie relevant ist für Einkäufer die Fashion Week gerade im Bereich Plus Size?

Für Einkäufer, die sich auf der Fashion Week inspirieren lassen, aber auch bestellen wollen, ist die Fashion Week schon sehr relevant. Doch die Stände für große Größen auf der „Panorama“, wo Boutiquen und Modehäuser ordern könnten, werden immer weniger. Deshalb werden die Einkäufer eher nach Düsseldorf fahren oder direkt beim Hersteller nachfragen.

2015 veröffentlichte die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) die Studie „Starke Frauen“, nach der sich das Umsatzvolumen mit Damenoberbekleidung in den Größen ab 46 aufwärts auf rund 3,2 Milliarden Euro pro Jahr beläuft. In den vergangen Jahren sind mehrere Plus-Size-Marken in den Handel gekommen, auch große Modeketten haben Mode für große Größen im Angebot. Wie schätzen Sie heute die Entwicklung ein?

Der Markt wächst auf jeden Fall. Der Bedarf wird größer, die Menschen werden allgemein größer und breiter. Das große Problem ist aber, dass seit Jahrzehnten Mode gemacht wird für Plus Size, ohne das eine wirkliche Plus-Size-Frau zu sehen ist. So kauft der Plus-Size-Verbraucher bewusst bei einigen Onlinehändlern, weil diese die Vielfalt zeigen. In London oder in den USA sieht man schon länger Mode an Körpern mit unterschiedlichen Konfektionsgrößen. Einige Unternehmen hierzulande halten aber immer noch an diesem 42-44-Konzept fest. Doch wie soll der Kunde mit Konfektionsgröße 50 an einem gezeigten Modell in Größe 42 sehen, wie es in seiner Größe wirkt? Das sieht doch ganz anders aus. Es gibt bisher auch nur eine einzige Plus-Size-Zeitschrift in ganz Deutschland, die sich solche Modethemen annimmt. Ansonsten findet es hin- und wieder in großen Modemagazinen statt, aber noch ganz verhalten, oft wird nur schwarze Kleidung gezeigt.

Ist das Plus-Size-Angebot im Ausland farbenfroher, frecher und näher an den aktuellen Modetrends?

Ja. Das gilt gerade für die Mode in Amerika, dort gibt es auch enge Kleidung in großen Größen. Das Schlimmste, was man als Plus-Size-Frau machen kann, ist, sich mit extrem weiten Sachen zu verhüllen. Qualitativ besser und stylisher sind Kleidung und Accessoires aus Skandinavien. Die trendigsten Sachen bis Größe 58 gibt es aber in Amerika und Großbritannien, gerade im Onlinehandel.

Was ist Ihr Anliegen?

Das Ziel meiner Aktionen und Events ist es, ein besseres Bewusstsein für die Plus-Size-Frau zu schaffen. Im Gegensatz zu den Versuchen, sie in eine Opferrolle zu stecken, wie wir das oft im Fernsehen beobachten können. Dort werden Frauen mit größeren Konfektionsgrößen selten positiv dargestellt. Sie sind immer „diese Dicken“. Auch in der Castingshow „Curvy Supermodels“ wurden Frauen in die Opferrolle gedrängt, indem man die beste dramatische Geschichte in den Fokus rückte, weil die sich gut verkaufen lässt. Doch das hat nichts mit der Realität zu tun. Es gibt längst nicht mehr so viele Frauen, die mit ihrer Übergröße ein Problem haben, sich wohl in ihrer Haut fühlen und sich schön anziehen wollen. Das darf man nicht unterschätzen, da wächst eine ganz neue Generation heran. Mein großer Wunsch für die Zukunft ist daher, eine positive Sichtbarkeit für die Plus-Size-Kundin zu schaffen als lebensfrohe Frau, die sich weiblich, modisch und sexy kleidet und sich nicht versteckt oder nur schwarz trägt. Doch bis wir so weit sind, dauert es wohl noch ein paar Jahrzehnte.


Tanja Marfo veranstaltet seit ein paar Jahren mit den „Kurvenrausch Plus Size Fashion Days in Hamburg“, die erste Modewoche für große Größen in Deutschland. Sie ist Inhaberin einer Plus-Size-Modelagentur.