Wear It Festival 2018 Fashion Tech auf dem Weg aus der Nische

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Berlin/Osnabrück. Die Herstellung von Fashion Tech für Beruf, Gesundheit und Freizeit gilt als Zukunftsmarkt. Noch bewegen sich Existenzgründer in einer Nische, wenngleich die Entwicklung in Richtung Massenproduktion weist. Das sagt Thomas Gnahm, Gründer und Leiter des internationalen Wear It Festivals (19.6.-20.6.2018) für Erfinder und Investoren in Berlin, im Interview mit unserer Redaktion.

Herr Gnahm, der digitale Markt verändert sich in einem rasanten Tempo. Das gilt auch, wenn Technologie auf Mode trifft. Welche Veränderungen nimmt das Wear It Festival auf?

Neu ist das Programm „Women in Tech“, eine Veranstaltung zum Netzwerken speziell für Frauen. Dort treffen sich Bloggerinnen, Technologinnen und Innovatorinnen. Mit der Fashion-Tech hat sich das in der Wirtschaft traditionell von Männern besetzte technische Feld für Frauen geöffnet. Wir wollen dem noch mehr Schwung geben. Wir haben in den vorherigen drei Ausgaben viele neue Fashion-Tech-Einzelstücke gezeigt. Mittlerweile sehen wir, dass diese Elektronik auch den Weg in den Massenmarkt finden kann. Aus diesem Grund interessiert uns jetzt besonders, wann dieser Trend für die Gesellschaft relevant wird. Im Bereich Arbeitsbekleidung gibt es da durchaus Fortschritte.

Zum Beispiel?

Thomas Kirchner, der Gründer von „ProGlove“, wird einen Datenhandschuh mit einem aufgesetzten Infrarotscanner präsentieren, der bereits von Automobilherstellern eingesetzt wird. Damit können die Arbeiter in der Produktionshalle den Einsatz von Fertigungsteilen schneller dokumentieren. Das macht die Abläufe nicht nur effizienter, sondern erleichtert die Arbeit, da der Griff zur Barcode-Scannerpistole entfällt. Im Freizeitbereich zeigt ein Start-up einen Tracker, der unabhängig vom GSM-Mobilfunkstandard funktioniert, den man beispielsweise bei Bergwanderungen einsetzen kann. Ein anderes stellt ein tragbares Metronom für Musiker vor.

Welche Entwicklungen zeichnen sich derzeit ab?

Es geht in Richtung Massenfertigung weg von Smartphones und Wearables zur Technik, die in die Kleidung integriert wird. Wir wollen dies vorantreiben, indem wir Möglichkeiten bieten, dass Entwickler, Designer und Unternehmen miteinander in Kontakt kommen. Wir bewegen uns aber immer noch in einer Nische. Bei unserem Festival kann man ein bisschen schnuppern, wie die Welt von morgen aussehen könnte.

Wie wichtig ist es, dass digitale Kleidung modisch aussieht?

Die Produkte müssen schon so gedacht werden, dass der Kunde an erster Stelle sagt, dass er ein interessantes, stylishes Produkt hat, und an zweiter Stelle kommt die technische Funktion. Diese Erfahrung hat zum Beispiel auch das Start-up Scarabeos mit seinem Rucksack gemacht, der bei Diebstahl über eine Smartphone-Nachricht den Besitzer alarmiert.

Wird eine ethische Diskussion unter Entwicklern über die Folgen der Machbarkeit geführt, Stichwort Datenschutz?

Es ist wichtig, den Datenschutz von Anfang an bei der Entwicklung einzubauen. Die Daten fallen vor allem seitens der Software an und werden dort gesammelt – und deshalb ist es nötig, dass wir in Europa auch eine Plattform haben, wo die Daten dann gelagert werden. Das Festival greift dieses Thema auf, beispielsweise mit einem Vortrag zum Thema Datenschutz im Hinblick auf die neue EU-Verordnung.

Inwieweit sind Nachhaltigkeit und recyclingfähige Technikelemente ein Thema?

Man kann bereits Technologien in der Produktion einsetzen, sodass am Ende weniger Elektroschrott anfällt. Es gibt dazu auch ein EU-Projekt. Der Nachhaltigkeitsgedanke sollte bereits beim Entwickeln eines Produkts dabei sein. Es ist schon etwas getan, wenn die Kleidungsstücke so konzipiert sind, dass man sie später einfach entsorgen kann. Das heißt, dass die Elektronikteile herausnehmbar sind und nicht das komplette Kleidungsstück als Elektroschrott entsorgt werden muss.

Wie steht die Entwicklerszene von Hightech-Kleidung in Deutschland und Europa da?

Berlin hat sich in Deutschland zu einem Zentrum dafür gemausert, weil es viele Start-ups gibt, viele Designer, aber auch das Fraunhofer Institut, das sich als Forschungsstätte genau mit dem Thema beschäftigt, genauso wie die Textilindustrie. Deutschland ist zudem im Bereich der technischen Textilien Weltmarktführer. Zudem sitzen die Top Ten der Modemarken alle in Europa. Es gibt auch ein EU-Förderprogramm für Start-ups, die sich mit smarten Textilien beschäftigen. Da passiert einiges.

Passiert da genug?

Unser riesiger Vorteil in Europa ist, dass wir die Ressourcen haben, Modeindustrie, Technologie, Wirtschaft, Kreativindustrie und Politik, aber diese müssen weiter zusammenwachsen. Eine Menge Fragen sind bisher unbeantwortet: Wie kriegen wir die großen Marken dazu, mit den Designern zu arbeiten, die in dem Bereich digitalisierte Kleidung tätig sind? Wie können wir noch besser an die Politik kommunizieren, dass wir ein europaweites Vorgehen brauchen? In Amerika werden bereits viele Millionen Dollar in diesem Bereich investiert. Da wird in den nächsten Jahren so einiges kommen. Wer die Standards auf dem Markt am Ende setzt, der bestimmt auch die Produktionsbedingungen, und wenn die Produktionsbedingungen erst einmal auf die USA abgestimmt sind, ist klar, dass dort produziert wird – und nicht in Europa.

Was sollten die Europäer also tun?

Wir brauchen unbedingt mehr Forschung und Entwicklung in künstliche Intelligenz. Beispielsweise müssen die ganzen Daten, die da anfallen, ausgewertet werden. Das Know-how dafür gibt es aber vor allem in Amerika und wenn es um die Massenanfertigung geht, muss man nach Asien gehen. Es gibt viel Forschungsförderung, die jedoch meist nur Projekt bezogen ist. Wir brauchen mehr Interesse und Aufmerksamkeit von anderen Industrieteilnehmern, mehr Investment, um ein Produkt auf den Markt zu bringen.


Der Begriff Fashion Tech beschreibt in erster Linie den Markt für sogenannte Wearable Technology, zu der sowohl kleine am Körper tragbare Computer als auch smarte Textilien, also Hightech-Kleidung, gehören.

Der deutsche Markt für smarte Textilien weist aktuell ein geschätztes Volumen von 230 Millionen Euro auf, so die Zahlen des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Bis zum Jahr 2022 sollen es laut Prognose bereits 703 Millionen Euro sein. Das ZEW rechnet zudem mit einem starken Wachstum vor allem im Bereich Schutzbekleidung für das Militär, Sport und Fitness, Mode sowie medizinische Anwendungen.

Die zweitägige Fachkonferenz Wear It Festival in Berlin will die internationale Wearables-Szene und E-Textilien-Industrie zusammenbringen.

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