Was von der 68er-Mode blieb Expertin: Mode ist heute ein hochpolitisches Thema

Sieht Fast Fashion kritisch: Elisabeth Hackspiel-Mikosch. Foto: AMD Akademie Mode & DesignSieht Fast Fashion kritisch: Elisabeth Hackspiel-Mikosch. Foto: AMD Akademie Mode & Design

Osnabrück. Einst drückte die Bekleidung der 68er-Studentenbewegung ihren Protest gegen den Vietnamkrieg und bürgerliche Konventionen aus. Heute ist die Mode selbst ein hochpolitisches Thema geworden, sagt Modeexpertin Elisabeth Hackspiel-Mikosch im Interview mit unserer Redaktion, in dem sie den Trend zur billiger Fast Fashion kritisiert.

Anfangs protestierten die Studenten 1968 noch im Anzug mit Hemd, Schlips und Kurzhaarschnitt. Das ändert sich später. Wo fängt für Sie die „Mode der 68er“ zeitlich an?

Das ist schwer zu sagen, weil es in der Mode oft fließende Übergänge gibt. Wir sehen bereits in den 60er-Jahren eine Modernisierung und Verjüngung der Mode. Die 68er sind auch ein Ergebnis des demografischen Wandels, denn nun waren die Hauptkäufer die jungen Leute und auf diese Kunden muss sich die Modebranche einstellen. Das spielt eine wichtige Rolle. Darüber hinaus waren es die junge Generation, die sich gegen die Verkrustung, die strengen Moralvorstellungen und die hierarischen Strukturen der älteren Generation gewendet hat. Das wurde auch mit der Kleidung zum Ausdruck gebracht. Was die Eltern als anständige Kleidung empfanden, lehnte die junge Generation als züchtig und prüde ab.

Was war im Rückblick der größte Einfluss der 68er auf die Mode und die Designer bis heute?

Dass die Jugend den Ton angibt, was die Mode angeht. Das ist ein wichtiger Wandel, der sich im Laufe der 70er-Jahre vollzog. Der Blick über den Tellerrand auf andere Kulturen: Der Folklore-Look war ein ganz wichtiges Thema, das man so vorher noch nicht gekannt hat. Geschlechtergleichheit in der Kleidung, was man damals androgyn genannt hat. Frauen und Männer trugen Jeans, die gleichen Sonnenbrillen, die gleichen langen Haare. Bis heute ist die Unisex-Mode ein großes Thema. Die Mode wurde insgesamt lässiger, bequemer und praktischer.

Waren die langen, offenen Haare der Männer eine größere Aufregung für die bürgerliche Gesellschaft als Jeans und T-Shirt?

Auf jeden Fall. In vielen Familien wurde am Mittagstisch gesagt: „So lange du deine Füße unter meinem Tisch hast, werden die Haare ordentlich geschnitten“. Lange Haare waren ein Zeichen dafür, dass man selbstbestimmt ist, dass man das traditionelle Bild, was ein anständiger Mensch zu tun hat, ablehnte und zeigte, dass man ein Freigeist ist. Dieses Auflehnen gegen die Eltern war früher kein Thema, da gab es andere Probleme. Es tauchte ein wenig bereits in den 50er-Jahren auf mit Filmvorbildern wie James Dean oder Marlon Brando. Sie trugen die amerikanische Arbeiterhose Jeans und das ursprüngliche Unterhemd, das T-Shirt.

Hatte die Frauenmode der 68er wirklich feministische Züge?

Ja, denn auch der Minirock hat was Feministisches. Die Frauen nahmen sich einfach die Freiheit, ihn zu tragen. Obgleich es zuhause Diskussionen darüber gab, ob ein Mädchen in so kurzen, aufreizenden Kleidern gehen darf. Zu meiner Zeit, ich bin 1955 geboren, war es Schülerinnen, die auf ein erzbischöfliches Gymnasium in der Nachbarstadt gingen, verboten ärmellos, in Minirock oder in die Schule zu gehen. Nach der Schule haben sich die Mädchen umgezogen.

Patchworkkleid, Parka, Lammfellmantel: Bei der Pariser Modewoche im Frühjahr zitierte das Haus Dior die 68er.

In der Mode gibt es immer wieder diese Retrostile. Das kann man laufend beobachten. Was wir derzeit sehen, beispielsweise den Boho-Style (Bohemian Style) mit , diese bestickten Folklore-Blusen, greift zurück auf die 68er-Mode. Man kann heute nicht mehr sagen: Es gibt die Mode. Es gibt im Moment nicht eine Richtung, sondern gleichzeitig verschiedene Trends und Ideen, die populär sind und dann von den Designern aufgegriffen werden. Aber Mode ist heute ein hochpolitisches Thema.

Kann Mode in einer Zeit, in der nach den 68ern eigentlich alles getragen werden kann, noch gesellschaftliche Konventionen brechen?

Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass die Mode nicht nur etwas reflektiert, sondern die Mode auch immer den Zeitgeist ausdrückt und selber ein Mittel des Diskurses ist: Was man trägt, darüber spricht man. Die Mode kann dazu beitragen umzudenken. Beispielsweise beim Thema Nachhaltigkeit: Wenn die Menschen darüber nachdenken, welche Verantwortung sie als Konsumenten tragen, können sie ihr Einkaufsverhalten ändern. Die Flüchtlinge kommen zu uns, weil sie kein Auskommen mehr haben in ihren Ländern, da ihnen die wirtschaftliche Basis genommen wurde. Da ist die Mode genau am politischen Brennpunkt der Gesellschaft.

Wie politisch ist die Mode heute?

Mode ist heute ein hochpolitisches Thema.

Inwiefern?

Mode ist ein ethisches Thema geworden: Wo wird eigentlich Mode produziert und unter welchen Bedingungen? Können wir heute eigentlich noch mit gutem Gewissen billig produzierte Kleidung konsumieren und kaufen? Wir leben doch auf Kosten anderer Länder. Die Produktion von billiger Fast Fashion mit ihrem extrem schnellen Modewandel ist nur durch eine brutale Form der Ausbeutung in den Billiglohnländern möglich. Das war in den 68er noch gar kein Thema. Andere Themen bewegten damals die Gemüter: Anti-Krieg, Anti-Nuklear und die Befreiung der Frauen. Dass die Mode selbst ein politisches Thema geworden ist, das haben wir erst in den letzten Jahren. Ich glaube, dass der Fabrikeinsturz in Rana-Plaza in Bangladesch viel ausgelöst hat.

Wie können Käufer erkennen, wo und unter welchen Bedingungen die Kleidung hergestellt wurde?

Das ist ein Thema, mit dem die Modefirmen sich allmählich auseinandersetzen müssen. Es gibt ja auch das „Bündnis für nachhaltige Textilien“, das 2014 Bundesentwicklungsminister Gerd Müller ins Leben gerufen hat, wo gemeinsam mit der Wirtschaft überlegt wird, wie man etwas ändern kann. Es tut sich da einiges im Moment. Zusammen mit Studierenden habe ich selber das Projekt „Buy Good Stuff Fair Fashion Guide“ ins Leben gerufen. Der Einkaufsratgeber zeigt, wo man in Einkaufsmetropolen nachhaltige Kleidung kaufen kann. Im Moment sind das noch Köln und Bonn, aber es sollen immer mehr Städte dazukommen. Ihn gibt es auch online: www.buygoodstuff.de


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