Pseudomonas-Bakterium greift Bäume an Droht ein flächendeckendes Kastaniensterben?

Nur eine Laboruntersuchung kann zeigen, ob eine Kastanie vom Pseudomonas-Bakterium betroffen ist. Foto: dpaNur eine Laboruntersuchung kann zeigen, ob eine Kastanie vom Pseudomonas-Bakterium betroffen ist. Foto: dpa

Osnabrück. Nach der lange gefürchteten Miniermotte greift nun ein neuer Widersacher die Rosskastanie an: ein Bakterium namens Pseudomonas syringae. Der Erreger ist nicht neu, birgt aber fatale Folgen für den Baumbestand.

Droht ein flächendeckendes Kastaniensterben? Zahlen aus Schleswig-Holstein und Hamburg lassen so etwas vermuten: In Lübeck sollen laut Städtischer Bauverwaltung die Hälfte der rund 600 Stadtbäume, in der Landeshauptstadt Kiel nach Angaben des zuständigen Baumsachverständigen fast 40 Prozent und in Flensburg laut Technischem Betriebszentrum knapp 30 Prozent des Kastanienbestandes bedroht sein. Grund dafür ist ein Bakterium mit dem Namen „Pseudomonas syringae pv. aesculi“. Um die 350 Bäume habe man in Hamburg wegen der Krankheit in den letzten fünf Jahren bereits fällen müssen, heißt es seitens der Hamburger Umweltbehörde.

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„Sehr viele Verdachtsfälle“

„Es gibt sehr viele Verdachtsfälle mit Pseudomonas syringae pv. aesculi, die sich meistens als falsch herausstellen. Nur eine genaue Untersuchung im Labor kann diese Krankheit von anderen, sehr identisch aussehenden Krankheiten unterscheiden“, teilt das Julius Kühn-Institut (JKI) als Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen auf Anfrage unserer Redaktion mit. „Es gibt bislang keinen Überblick über die Verbreitung und die Häufigkeit des Auftretens. Außer den südlichen Bundesländern (ab Mainlinie) sind nur wenige bestätigte Fälle bekannt. Hauptverbreitungsgebiete sind derzeit Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Sachsen. Wir schätzen, dass es in ganz Deutschland unter Hundert Befallsstellen gibt.“

Diese Vermutung kann die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt (NW-FVA) bestätigen: „Insgesamt gab es im Zuständigkeitsbereich der NW-FVA (Hessen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein) seit 2006 nur acht – vier in Niedersachsen – Beratungsfälle zu dieser Erkrankung. In nur einem dieser Beratungsfälle, im Bereich eines niedersächsischen Forstamts, lag die Erkrankung belegt vor.“ Ist die Bedrohung durch das Bakterium also doch nicht so schlimm wie angenommen?

Seit 2004, 2006 oder 2007 in Deutschland?

Seit wann genau Pseudomonas in Deutschland sein Unwesen treibt, dazu gibt es unterschiedliche Zahlen: Die NW-FVA gibt an, dass die Erkrankung, deren Erreger aus Indien stammt, seit 2007 vornehmlich Nord- und Nordwestdeutschland außerhalb des Waldes beobachtet wird. Laut der Landwirtschaftskammer Niedersachsen wurden die ersten Beobachtungen bereits 2004 in Ostfriesland gemacht, während das JKI und der Pflanzenschutzdienst NRW das Bakterium erstmals 2006 nachgewiesen hatte. In einem sind sich aber alle einig: Die Erkrankung der Rosskastanien mit Pseudomonas syringae verläuft oftmals tödlich für den Baum.

Blutende Flecken sind Anzeichen für den Befall mit dem Bakterium. Archivfoto: Peter Selter

Das auffälligste Symptom sind die „blutenden“ Flecken, sogenannte Teerflecken, am Stamm, die teilweise eintrocknen und eine schwarz-braune Kruste hinterlassen. „Manchmal sieht es aus, als sei der Stamm mit Schrot beschossen worden: Viele kleine Leckstellen sind zu erkennen“, beschreibt die Landwirtschaftskammer den Befall. „Großflächig kann die Rinde rostig verfärbt sein. Öffnet man die Rinde unter den Flecken, erkennt man zunächst eine oftmals ungleichmäßige, mosaikartige, bräunliche Verfärbung des Gewebes, die scharf vom gesunden Bereich abgegrenzt ist. Diese Verfärbung erstreckt sich im weiteren Krankheitsverlauf bis in den Holzkörper. Besonders unter warm-feuchten Bedingungen kann ein gelblicher Bakterienschleim austreten.“ Ebenfalls von Weitem erkennbar sei das aufgehellte, gelblich-grüne Laub sowie bei akuter Erkrankung ein schütteres Kronenbild infolge absterbender Äste.

Kein Pflanzenschutzmittel gegen Pseudomonas

Zu einem Absterben der Bäume komme es erst, wenn Folgeschaderreger, insbesondere Holzfäulepilze, wie Hallimasch in den Wunden und Rissen ansiedeln oder die geschwächten Bäume beispielsweise im Wurzelraum befallen. „Die beschriebenen Symptome dieser Erkrankung sind nicht immer eindeutig, insbesondere können die typischsten Merkmale mit denen einer Infektion durch Phytophthora verwechselt werden. Zudem müssen nicht alle genannten Symptome gleichzeitig vorliegen. Daher ist bei der Diagnose eine gewisse Vorsicht geboten“, betont die Landwirtschaftskammer.

Nach Einschätzung der NW-FVA leben die Bakterien vermutlich auf den Blättern und Trieben der Rosskastanie und können bei starker Vermehrung über Astwunden, Rindenverletzungen, Blattnarben in die Pflanze eindringen. Das JKI hingegen weist darauf hin, dass nicht genau bekannt ist, wie sich das Bakterium verbreitet – Wasser und/oder Luft – weshalb auch keine vorbeugenden Maßnahmen möglich sind.

Bislang gibt es laut Institut auch kein Pflanzenschutzmittel, das gegen das Bakterium eingesetzt werden kann. „In den Niederlanden wurde ein System getestet, bei dem eine Wärmematte um die Befallsstellen gelegt und auf über 60 Grad erhitzt wird, um die Bakterien abzutöten. Diese Maßnahme ist extrem teuer und ihre Nachhaltigkeit nicht erwiesen“, heißt es vom JKI. Deshalb empfiehlt das Institut, abgestorbene Äste zu entfernen und die Bäume regelmäßig auf ihre Verkehrssicherheit zu überprüfen. Sei diese nicht mehr gegeben, hilft tatsächlich nur noch Fällen. Infiziertes Holz sollte dann verbrannt und weder gehäckselt noch kompostiert werden.

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Bakterium schlimmer als Miniermotte

Früher galt die Miniermotte lange als größte Bedrohung der Rosskastanie. „Im Gegensatz zu Pseudomonas werden von der Motte nur die Blätter miniert, die jährlich neu gebildet werden können. Grundsätzlich führt dies aber zu einer Schwächung des Baumes, da die Photosyntheseleistung abnimmt. Bisher liegen noch keine Langzeiterkenntnisse für mehrjährigen Befall vor. Stark befallene Bäume fruchten jedoch weniger als unbefallene Rosskastanien und haben auch kleinere Früchte“, erklärt die NW-FVA.

Allein von der Miniermotte stirbt der Baum also nicht ab, ein Befall kann aber zu einer Schwächung des Baumes führen, sodass das Bakterium dann „leichtes Spiel hat“, sagt Renate Marcus, Umweltreferentin vom niedersächsischen Landesverband des Bundes für Umwelt und Naturschutz. „Eine Kastanie, die bereits mit der Miniermotte zu kämpfen hat und geschwächt ist, ist in der Folge anfälliger für den Bakterienbefall. Die Rosskastanie wird vor allem in Städten gepflanzt. Dort haben die Bäume generell Probleme mit der Wasserversorgung, der Hitze und der Belastung durch Abgase.“


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