„Sommerfütterung wichtiger als im Winter“ Katzenhaar im Vogelnest: Frevel oder gute Idee?

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Osnabrück. Alle Vögel sind schon da. Mit dieser Textzeile beginnt ein Kinderlied aus dem Jahr 1835. Seitdem ist die Siedlungsdichte von Vögeln in Deutschland aber um 80 Prozent zurückgegangen. Wo früher einmal zehn Vögel gesungen haben, sind es heute nur noch zwei. Was können wir dagegen tun?

Katzen sind bekanntlich die natürlichen Feinde der Vögel. Umso erstaunlicher scheint es deshalb, dass Altvögel beim Nestbau gern Katzenhaar verwenden. Den Ornithologen und Verhaltensforscher Peter Berthold wundert das aber nicht: Nicht nur das Futter, auch das Baumaterial für die gefiederten Gäste werde durch die intensive Nutzung der Landschaft und auch die übertriebene Ordnungsliebe des Menschen immer knapper. „Deshalb verwenden Vögel zum Nestbau alle Tierhaare, die ihnen in den Schnabel kommen. Egal, ob das Reh, Wildschwein, Hund oder eben Katze ist.“

Von Zweifeln geplagt

Viele Katzenbesitzer, die die Haare ihrer Stubentiger zu Bäuschchen zusammengepresst in ihre Gärten hängen, plagen aber trotzdem Zweifel. Tatsächlich sind einige Experten strikt dagegen, dass sich die Vögel quasi das Fell ihres Feindes ins Bett legen: Sie argumentieren, dass dem Geruch so der Schrecken genommen werde. Die Jungvögel würden so nicht lernen, Katzen als Feinde zu sehen und auch nicht vor ihnen flüchten. Berthold sieht das entspannter: „Vögel nehmen den Geruch von Katzen ohnehin erst wahr, wenn sie ihnen so nahe sind, dass sowieso alles zu spät ist“, sagt er. Ein evolutionärer Lernprozess, in dem Altvögel dem Nachwuchs das Wissen um die mit dem Katzengeruch verbundenen Gefahren weitergeben, könne allein schon deshalb nicht stattfinden.

Viel Fett für Altvögel

Berthold, der lange Jahre die Vogelwarte Radolfzell, eine Zweigstelle des Max-Planck-Instituts für Ornithologie, geleitet hat und ein entschiedener Befürworter der Sommerfütterung ist, empfiehlt, den Altvögeln während der Brutzeit vor allem viel Fett anzubieten. Das könnten zum Beispiel Meisenknödel sein. „Fett ist der Treibstoff für die Arbeit, die sie leisten müssen, vor allem für die viele Fliegerei“, sagt der Experte. Die wenigen eiweißreichen Insekten, die die Altvögel heute noch finden, könnten sie dann an ihre Jungen verfüttern, für die eine proteinreiche Nahrung besonders wichtig sei. Studien hätten außerdem gezeigt, dass auch ein ausreichendes Nistplatzangebot – beispielsweise durch künstliche Nistkästen – zu einem deutlich höheren Bruterfolg beitragen könne, so Berthold. In dem Buch „Vögel füttern, aber richtig“ (Kosmos-Verlag) haben Berthold und Gabriele Mohr alles zum Thema zusammengestellt.

Auch jetzt ist es übrigens noch sinnvoll, Vogelkästen aufzuhängen. Die meisten Vogelarten brüten von April bis Juli. Einige von ihnen auch mehrmals im Jahr. Bis zu drei Bruten zieht zum Beispiel ein Singvogelpaar im Jahr auf, bei den Tauben sind sogar vier keine Seltenheit. Außerdem gibt es auch unter den Vögeln Fremdgänger. Der Zaunkönig zum Beispiel baut pro Sommer bis zu zwölf Nester, und in jedem sitzt ein anderes Weibchen.

Beim Bau eines Nistkastens sollten aber auf keinen Fall chemisch behandelte Materialien verwendet werden, warnt der Naturschutzbund Niedersachsen. Nach der Brutsaison müssen die Kästen gereinigt werden, denn in den alten Nestern machen es sich gerne Flöhe, Milben oder Lausfliegen bequem.

Nistkasten selbst bauen

Beim Eigenbau eines Nistkastens muss unter anderem Folgendes beachtet werden:

  • Der Boden des Nistkastens muss mindestens zwölf mal zwölf Zentimeter Fläche bieten.
  • Damit Katzen und Marder nicht mit der Tatze an die Brut gelangen, sollte sich die Lochunterkante bei einem Höhlenbrüterkasten mindestens 17 Zentimeter über dem Kastenboden befinden.
  • Die Nistkästen sollten in zwei bis drei Meter Höhe auf gehängt werden.
  • Das Einflugloch sollte weder zur Wetterseite (Westen) zeigen, noch sollte der Kasten längere Zeit der prallen Sonne ausgesetzt sein (Süden). Eine Ausrichtung nach Osten oder Südosten ist deshalb ideal.

Wer füttert, sollte am besten ein Futtersilo verwenden, heißt es auf der Webseite des Naturschutzbundes (Nabu) Baden-Württemberg.. „Ein Silo hat gegenüber dem klassischen Vogelhäuschen einige Vorteile: Das Futter ist besser geschützt, wird weniger nass und verdirbt nicht so leicht. Zudem können die Vögel nicht im Futter herumlaufen und es dabei mit Kot verschmutzen. „Das ist hygienischer und minimiert die Gefahr, dass sich Krankheitserreger ausbreiten“ , wird der Experte Hannes Huber zitiert. Wer dennoch auf klassische Futterhäuschen setze, sollte diese regelmäßig mit heißem Wasser reinigen.

Vorsicht ist bei Glasscheiben

Damit die Vögel sich anschleichende Katzen frühzeitig bemerkten, sollte man den Futterspender an einer übersichtlichen Stelle platzieren. „Vorsicht ist bei Glasscheiben geboten. Immer wieder knallen Vögel beim An- oder Abflug gegen ein Fenster und brechen sich dabei das Genick“, sagt der Nabu-Experte. „Entweder hält man einen großen Abstand zum Fenster ein oder entschärft die Gefahrenstelle durch Aufkleber an der Außenseite der Scheibe, sodass die Vögel die Gefahr erkennen.“ Wenn die Futterstelle nur in der Nähe eines Fensters eingerichtet werden könne, dann am besten direkt an der Scheibe, damit an- und abfliegende Vögel bereits abgebremst beziehungsweise noch nicht richtig beschleunigt haben. Eventuelle Kollisionen verliefen dann meist glimpflich.

Die häufigsten Gäste an der Futterstelle sind Meisen, Finken und Sperlinge – die Körner bevorzugen. Als Basisfutter, das fast alle Vögel fressen, eignen sich nach Angaben des Naturschützers Sonnenblumenkerne. Bei Körnermischungen sieht Huber den Vorteil, dass die unterschiedlichen Samen den verschiedenen Geschmäckern der Vogelarten entgegenkämen. Mischungen sollten immer frei von Ambrosia-Samen sein, weil die aus diesen Samen hervorgehenden Pflanzen Menschen mit Allergien massive Probleme bereiten.

Amseln als Hausbesetzer

Damit Weichfutterfresser wie Rotkehlchen, Amseln und Zaunkönige ebenfalls auf ihre Kosten kommen, könne man auch Rosinen, Obst, Haferflocken und Kleie anbieten – am besten in Bodennähe. Auch hierbei sei wichtig, dass das Futter geschützt sei und nicht verderbe.Viele Arten verteidigen ihr Futter. Bekannte „Kämpfer“ sind nach Angaben des Nabu die Grünlinge. Sie wollen den Futterplatz für sich und tolerieren in Schnabelhackweite kaum einen anderen Vogel. Allein durch forsches Auftreten oder Körpergröße sind Kohlmeisen, Kleiber und Kernbeißer gegenüber anderen Vogelarten überlegen – wenn sie auftauchen, weichen die anderen zurück. Amseln spielen sich gerne als Hausbesetzer auf, berichten die Naturschützer: Sie blockieren dann das Futterhäuschen, picken ihre Lieblingskörner und werfen den Rest mit dem Schnabel einfach über Bord: Unten freuen sich dann all jene Vögel, die nicht oder selten in das Häuschen kommen und lieber Futter am Boden aufnehmen.


Plädoyer für Sommerfütterung

Ganzjahresfütterungen von Vögeln stehen seit Jahrzehnten in der Kritik von Naturschützern. Zu Unrecht, sagt der Ornithologe und Verhaltensforscher Peter Berthold im Gespräch mit unserer Redaktion. Die Fütterung im Sommer sei inzwischen sogar wichtiger als die traditionelle im Winter. „Vogelfreunde können damit wahre Wunder bewirken“, betont der Experte.

Wenn in den Sommermonaten der Nachwuchs aufgezogen werde, sei der Energie und Eiweißbedarf der Vögel besonders hoch, erläutert Berthold. Ausgerechnet in dieser Phase herrsche aber inzwischen auch wegen des dramatischen Insektensterbens akuter Nahrungsmangel. Die zunehmende Verknappung von Nahrung schränke die Altvögel nicht nur bei der Aufzucht ihrer Jungen ein, so der Experte. „Immer mehr haben Vögel sogar Probleme, Eier auszubilden, oder brüten gar nicht mehr.“ Die Zufütterung durch den Menschen sei deshalb besonders im Sommer unerlässlich.

Die jüngste Entscheidung der EU, den Einsatz von drei Neonikotinoiden, die zu den meistverkauften Insektiziden in Deutschland gehören, unter freiem Himmel zu verbieten, bezeichnet Berthold als längst überfällig. „Das sind die schlimmsten Mittel, die wir haben, weil sie Insekten direkt abtöten, vor allem Bienen und Wildbienen“ , so der Experte. Auch für den Vogelbestand habe aus deshalb aus katastrophale Folgen. Kein Verständnis hat Berthold für die EU-Entscheidung, den Einsatz der drei Mittel, in Gewächshäusern weiter zu erlauben. „Das zeigt mir, dass die Politiker noch immer nicht begriffen haben, wie ernst die Lage ist.“

Egal ob grün, schwarz, rot, gelb oder welche Farbe auch immer- bis wir eine mittlere Katastrophe haben erwarte ich von der Politik gar nichts mehr“,“ kritisiert der Experte. Den Rückgang der Siedlungsdichte von Vögeln in Deutschland in der Zeit von 1800 bis heute beziffert Berthold auf insgesamt 80 Prozent – davon 65 Prozent in der Zeit seit den 1960er-Jahren. „Was langsam anfing, hat heute die Form einer galoppierenden Schwindsucht angenommen“, so der Wissenschaftler. (wam)

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