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Welttag des Buches 2018 Software als Lektor: Spürt sie bald neue Bestseller für Verlage auf?

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Osnabrück. Heute ist Welttag des Buches. In Deutschland hat sich dieser Tag als landesweites Lesefest etabliert. Doch was lesen die Deutschen eigentlich am liebsten? Eine Antwort auf diese Frage verspricht eine Software zur Vorhersage von Bucherfolgen.

Das dürften die teuersten Fehlentscheidungen in der Literaturgeschichte gewesen sein: Rund ein Dutzend britische Verlagshäuser hatten das Manuskript für den ersten Harry-Potter-Band der schottischen Autorin J.K. Rowling abgelehnt, bevor sich schließlich Bloomsbury erbarmte.

Den Nein-Sagern entgingen Milliardengewinne. Die sieben Bücher über den Zauberlehrling des 21. Jahrhunderts wurden bisher mehr als 450 Millionen Mal verkauft. Die Autorin und ehemalige Sozialhilfe-Empfängerin Rowling häufte ein geschätztes Vermögen von 589 Millionen Euro an.

Glücklicher Zufall

Dass ihr erstes Buch überhaupt einen Verleger fand, verdankt Rowling einem glücklichen Zufall: Der Chef von Bloomsbury hatte das erste Kapitel ihres eingesandten Manuskripts mit nach Hause genommen und es seiner damals achtjährigen Tochter zu lesen gegeben. Sie überredete ihren Vater, „Harry Potter“ eine Chance zu geben.

Etwa drei Millionen Manuskripte gehen laut dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels jährlich auch bei deutschen Verlagen ein. Gleichzeitig werden immer mehr Lektorenstellen eingespart. Da ist es unvermeidlich, dass auch bei uns viele Manuskripte nur oberflächlich geprüft oder im schlimmsten Fall sogar ungelesen zurückgeschickt werden.

„Lisa“ wertet nicht

Die Kultur- und Medienwissenschaftlerin Gesa Schöning und der Programmierer Ralf Winkler haben jetzt eine Software entwickelt, die verhindern soll, dass sich darunter auch bestsellerverdächtige Manuskripte befinden. Ihr „Qualifiction“ genanntes Programm basiert auf Daten von circa 20.000 Bestsellern und Nichtbestsellern vergangener Jahre und lernt ständig dazu. Die Daten werden verschiedenen Analysen unterzogen, die Verlagen, Lektoren und auch Autoren bei Entscheidungen helfen sollen.

„Qualifiction“ besteht aus zwei Teilen: Da ist zunächst das „Lisa“-Feature, das,  so Winkler im Gespräch mit unserer Redaktion, „rein deskriptiv ist und keinerlei Wertung vornimmt“. „Lisa“ screent und analysiert neue Texte innerhalb kürzester Zeit nach verschiedenen Gesichtspunkten. Im Rahmen der Stil-Analyse erfahren die Nutzer zum Beispiel, wie komplex oder einfach die Sprache des Werkes ist.

Die Sentiment-Analyse, die verschiedene Stimmungen identifiziert, gibt unter anderem Auskunft über den Spannungsbogen. Wie Winkler erläutert, ist der Sentimentwert bei nahezu allen belletristischen Werken sehr häufig im leicht negativen Bereich. „Das liegt daran, dass in jedem guten Roman immer eine Grundspannung vorhanden sein sollte, um keine Langeweile aufkommen zu lassen“, meint der Experte. Der Wert bewege sich dabei zwischen den Extremen -1 für „am Boden zerstört“ und +1 für „himmelhochjauchzend“. Auch Beschreibungen von Zwischenmenschlichkeit und nonverbaler Kommunikation sollen beim Leser gut ankommen.

Themenvielfalt eines Werkes

In den Fokus nimmt die Software auch die Themenvielfalt eines Werkes: „Sehr schlecht ist es zum Beispiel, wenn der Autor versucht, in einem Buch sehr viele Themen gleichzeitig abzuhandeln, und alle gleichermaßen wichtig sind“, meint Winkler.

Der zweite Teil der Software trägt den Namen „Bestseller -DNA und ermittelt innerhalb weniger Sekunden die Erfolgswahrscheinlichkeit eines Manuskripts. Dafür tastet er es nach Mustern und Codes ab, die einen Besteller ausmachen. Wer es noch genauer wissen will, bekommt auch eine Angabe zur empfohlenen Auflagenhöhe.

An der Stanford University wurde ein ähnliches Verfahren bereits erfolgreich getestet: In ihrem Buch „The Bestseller Code“ beschreiben die Lektorin Jodie Archer und der Englischprofessor Matthew Jockers, wie das mit 5000 Romanen gefütterte Analyseprogramm die Wahrscheinlichkeit eines Werkes errechnet, in der Bestseller-Liste der „New York Times“ zu landen. Die Trefferquote soll bei 80 Prozent gelegen haben.

Bedenken, die Software könne dazu beitragen, dass Verlage nur noch Mainstream-Titel veröffentlichen und kreative Autoren und Titel auf der Strecke bleiben, teilt Winkler nicht. Im Gegenteil: Der IT-Experte glaubt, dass die Anwendung von „Qualifiction“ sogar die Chancen erhöht, „dass auch Werke, die abseits des Mainstreams oder von weniger bekannten Autoren sind, in den Verlagen überhaupt angeschaut werden“.

Lektoren könnten durch das schnelle Screening eines Textes mit „Lisa“ zum Beispiel auf einen außergewöhnlichen Themencocktail aufmerksam werden, der ihnen sonst vermutlich entgangen wäre. „Auch Neuartigkeit kann ja durchaus ein Erfolgskriterium sein“, sagt Winkler.

Sehr viele Thriller

So gebe es inzwischen sehr viele Thriller, die niemand mehr lesen möchte, weil sie im Grunde Kopien seien. „Wenn es von einem Werk Tausende Vergleichswerke gibt, die alle keinen Erfolg hatten, lernt das die Maschine aber natürlich auch und zieht daraus ihre Schlüsse.“

In der Bücherbranche sorgt „Qualifiction“ für Aufsehen: „Wir sind gerade dabei, die Software an die ersten Verlage zu verkaufen“, erzählt Winkler. Ihre weitere Entwicklung wird außerdem durch ein EU-Programm und das Bundesministerium für Wirtschaft unterstützt.

Dankbare Kundschaft dürfte auf die Hamburger auch in Großbritannien warten:  Als Joanne K. Rowling im Jahr 2015 unter einem Pseudonym das Manuskript für ihren ersten Kriminalroman „Der Ruf des Kuckucks“ einreichte, reagierten etliche Verleger mit Absagen. Darunter waren auch einige, die knapp zwei Jahrzehnte zuvor bereits den ersten Harry-Potter-Band abgelehnt hatten. Mit der Software „Bestseller DNA“ wäre das vielleicht nicht passiert.


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