Umstrittener Studien-Überblick Umweltmediziner warnen: Hyperaktiv durch WLAN?

Von Eckhard Stengel

Immer und überall surfen – das kann gesundheitliche Folgen haben: Die Strahlung der WLAN-Hotspots sei schädlich, behauptet zumindest eine umweltmedizinische Zeitschrift. Foto: Martin Schutt/dpaImmer und überall surfen – das kann gesundheitliche Folgen haben: Die Strahlung der WLAN-Hotspots sei schädlich, behauptet zumindest eine umweltmedizinische Zeitschrift. Foto: Martin Schutt/dpa

Ist die zunehmende Strahlung von WLAN-Hotspots schädlich für die Gesundheit? Auf jeden Fall, behauptet eine ökologische Medizin-Zeitschrift – und beruft sich auf die Auswertung Dutzender Studien. Doch das Bundesamt für Strahlenschutz widerspricht und wirft den Autoren vor, „unwissenschaftlich“ zu arbeiten.

stg Osnabrück/Bremen. WLAN hier, WLAN dort, WLAN überall: Viele Smartphone- und Laptop-Nutzer möchten gerne ständig über lokale Funknetzwerke ins Internet gehen – nicht nur zu Hause, sondern auch unterwegs in Bussen und Bahnen oder beim Einkaufsbummel. Strittig ist, wie gefährlich die bald allgegenwärtige WLAN-Strahlung ist.

Die in Oldenburg erscheinende Zeitschrift „Umwelt – Medizin – Gesellschaft“, die vom Ökologischen Ärztebund und anderen Umweltmedizin-Verbänden herausgegeben wird, hat jetzt eine Auswertung von über hundert Studien zu diesem Thema veröffentlicht. Demnach können „Wireless Local Area Networks“ auch schon unterhalb der geltenden Grenzwerte schädliche Wirkungen auf Gesundheit und Verhalten haben.

„Keine Wirkungen nachgewiesen“

Der Studienüberblick ist allerdings umstritten. Das Bundesamt für Strahlenschutz spricht auf Anfrage unserer Redaktion von „unwissenschaftlicher Vorgehensweise“ und versichert: „Bei Einhaltung der bestehenden Grenzwerte sind bis dato keine gesundheitsrelevanten Wirkungen nachgewiesen.“ Dennoch empfiehlt auch die Behörde rein vorsorglich, „die persönliche Strahlenbelastung zu minimieren“.

Verfasst wurde der Studienüberblick von der Diplom-Biologin und Redakteurin des Informationsdienstes „Strahlentelex/Elektrosmog-Report“, Isabel Wilke, im Auftrag der Umwelt- und Verbraucherorganisation „diagnose:funk“. „Biologische und pathologische Wirkungen der Strahlung von 2,45 GHz auf Zellen, Fruchtbarkeit, Gehirn und Verhalten“: So heißt Wilkes Abhandlung, in der sie mehr als hundert Studien zusammenfasst, meist zu Tierversuchen. Schon die Einleitung dürfte viele Laien erstaunen: WLAN-Anlagen arbeiten oft mit derselben Frequenz wie Mikrowellen-Herde, nämlich mit 2,45 Gigahertz (GHz).

Experimente mit Ratten

Den ausgewerteten Studien zufolge haben solche hochfrequenten Mikrowellenstrahlungen angeblich Einfluss auf die Fruchtbarkeit, die Krebsentwicklung, die Gehirnfunktionen, auf Herz, Leber und Schilddrüse. Wilke erwähnt außerdem negative Auswirkungen auf Lernen, Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Aktivität. Zum Beispiel habe ein Experiment mit Ratten 2008 gezeigt, dass sich bei zweistündiger Bestrahlung an 21 Tagen mit niedrigen Feldstärken (16,5 Mikrowatt pro Quadratzentimeter) das Verhalten geändert habe: „Die bestrahlten Tiere erwiesen sich als hyperaktiv.“

2014 beobachteten andere Forscher Ameisen auf ihren Laufstrecken. Laut Wilkes Zusammenfassung zeigten die Tiere „schon wenige Sekunden nach Einschalten des WLAN-Routers gestörtes Verhalten“. Erst nach sechs bis acht Stunden habe sich ihre Futtersuche wieder normalisiert, obwohl der Router nur eine halbe Stunde gelaufen sei.

Bei einem der wenigen Versuche mit Menschen zeigten sich 2011 auch Einflüsse auf die Hirnströme, die per Elektro-Enzephalogramm (EEG) gemessen werden: Laut Wilke sank bei den männlichen Versuchspersonen ein bestimmter Wert, der als Maß für die Aufmerksamkeit gilt, während er bei den Frauen stieg.

Einfluss auf die Fruchtbarkeit?

Ein weiteres Kapitel: Fortpflanzung und Fruchtbarkeit. Strahlung geringer Feldstärke habe 2013 „physiologische Stressreaktionen“ bei trächtigen Mäusen erzeugt und zum Absterben der Embryos geführt, schreibt Wilke. Und WLAN-Strahlung von Laptops auf dem Schoß senke die Qualität menschlicher Spermien, wie eine Studie von 2012 gezeigt habe.

Sogar Bakterien lassen sich offenbar beeinflussen, wie aus zwei Studien von 2015 und 2017 hervorgehen soll. Demnach stieg bei bestrahlten Kolibakterien, Klebsiellen und Listerien die Resistenz gegen Antibiotika.

Aber auf welche Weise sollen WLAN-Strahlen all solche Effekte hervorrufen? „Als Wirkmechanismus identifizieren viele Studien oxidativen Zellstress“, schreibt Wilke. Gemeint ist damit die verstärkte Bildung von reaktiven Sauerstoffmolekülen, besser bekannt als „Freie Radikale“, die auch eine Rolle bei der Krebsentstehung spielen.

Einige der aufgelisteten Experimente zeigten Wirkungen vor allem bei jungen Versuchstieren. Auch deshalb fordert Autorin Wilke „für Erziehungsinstitutionen aller Altersstufen“ einen WLAN-Verzicht. Dies empfiehlt sie aber auch für Schlafzimmer, Arbeitsplätze, Aufenthaltsräume, Krankenzimmer, Hörsäle und öffentliche Verkehrsmittel. Zumindest sollten die Geräte abschaltbar und leistungsgeregelt sein.

Kabelverbindungen bevorzugen

Auch das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) rät, Kabelverbindungen zu bevorzugen und zentrale WLAN-Zugangspunkte nicht „in unmittelbarer Nähe“ von Orten zu installieren, „an denen sich Personen ständig aufhalten, zum Beispiel am Arbeitsplatz“. Anders als Wilke begründet das BfS diese Empfehlungen jedoch nicht mit realen Gefahren, sondern nur mit reiner Vorsorge. Das Ziel sei, „mögliche, aber bisher nicht erkannte gesundheitliche Risiken gering zu halten“.

Behördensprecher Jan Henrik Lauer, von unserer Redaktion um eine Einschätzung der Wilke-Arbeit gebeten, wirft der Biologin unwissenschaftliche Methoden vor. Zu dem strittigen Frequenzbereich gebe es rund 2800 experimentelle Studien. Wilke habe aber nur etwa hundert davon beachtet. „Es scheint, als ob ‚systematisch‘ Studien ausgewählt wurden, die gesundheitsrelevante Effekte zeigen, ohne dabei die Qualität und Aussagekraft des Studiendesigns in irgendeiner Hinsicht zu berücksichtigen“, kritisiert Lauer. Bewerte man die Gesamtheit aller Studien, so lasse sich keine „frequenzspezifische Gefährlichkeit von WLAN erkennen“.

Auch der Akku kann Schuld sein

Der BfS-Sprecher untermauert seine Kritik mit Beispielen: Wenn ein Laptop die Spermienqualität beeinträchtige, dann könne das auch an der Akku-Wärme liegen. Dass ein EEG durch hochfrequente Felder beeinflusst werde, sei unstrittig; doch aus Sicht von EEG-Experten seien solche Effekte gesundheitlich nicht relevant. Oxidativer Stress sei ein natürlicher Prozess; das Robert-Koch-Institut habe 2008 keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Umweltbelastungen, oxidativem Stress und bestimmten Krankheitsbildern bestätigen können.

Und zu den Verhaltensstudien meint Lauer noch, dass Ameisen „für das menschliche Verhalten wenig Relevanz haben“. Auch die Ergebnisse von Mäuse- und Rattenversuchen ließen sich nur teilweise auf Menschen übertragen – wobei Lauer auf Nachfrage einräumt, dass dies auch für die vielen entwarnenden Studien gilt, die überwiegend ebenfalls mit Tieren arbeiten.

„Von der Mobilfunkindustrie finanziert“

Dass sich Wilke gar nicht mit entwarnenden Studien beschäftigt, stimmt allerdings nicht. Ein paar erwähnt sie durchaus – doch sie bestreitet deren Aussagekraft. Zum Teil seien sie von der Mobilfunkindustrie finanziert worden; zum Teil hätten die Forscher unrealistisch hohe Feldstärken eingesetzt, obwohl es inzwischen Studien gebe, wonach gerade die geringeren Feldstärken Wirkungen zeigten. Außerdem, so Wilke, seien Experimente ohne Befund kein Beweis dafür, dass die warnenden Studien falsch seien.

Manchmal gehen sogar auch die Hersteller auf Nummer Sicher. Wilke hat in der Bedienungsanleitung eines Telekom-WLAN-Routers den Hinweis entdeckt, dass das Gerät nicht „in unmittelbarer Nähe zu Schlaf-, Kinder- und Aufenthaltsräumen“ aufgestellt werden solle, „um die Belastung durch elektromagnetische Felder so gering wie möglich zu halten“.