Riskante Vorbeugung? Schützt Aspirin vor Herzinfarkten? – Mediziner warnen vor Trugschlüssen

Von Jörg Zittlau

Wer Aspirin zur Blutverdünnung einnimmt, sollte die Risiken beachten. Foto: dpaWer Aspirin zur Blutverdünnung einnimmt, sollte die Risiken beachten. Foto: dpa

Osnabrück. Immer mehr Menschen nehmen niedrig dosiertes Aspirin, um sich vor Infarkten und Schlaganfällen zu schützen. Das Schmerzmittel gilt als Blutverdünner. Doch Mediziner warnen.

„Aspirin gehört bei Menschen über 50 Jahren genauso in die Präventionsprogramme wie bei Kindern das Impfen gegen Mumps und Masern.“ Für David Agus gibt es keine Zweifel: Wer möchte, dass Blut besser durch enge Arterien fließt, muss es beizeiten verdünnen. Und zwar mit niedrig dosierter (50 bis 300 mg) Acetylsalicylsäure, besser bekannt unter ihrem Kürzel ASS oder dem Markennamen Aspirin. Weswegen dieses Mittel nicht nur herz- und gefäßkranke, sondern auch gesunde Menschen einnehmen sollten. „Ihre Lebenserwartung würde sich dadurch drastisch erhöhen“, so Agus.

„Low-Dose-ASS“.

Der Mediziner von der University of Southern California steht mit seinen Empfehlungen zu ASS nicht allein. So rät auch die US Preventive Services Task Force allen 50- bis 59-Jährigen zu einer täglichen Einnahme von „Low-Dose-ASS“. Hierzulande gibt es zwar keine offiziellen Empfehlungen, doch die Deutsche Herzstiftung beklagt, dass „mittlerweile viele Tausend gesunde Bundesbürger regelmäßig ASS einnehmen – meist in der Hoffnung, sich so vor Herzinfarkten und Schlaganfällen schützen zu können“. Die Stiftung selbst rät zwar davon ab, doch viele Ärzte und Patienten denken sich offenbar: Besser mit ASS das Blut dünn machen, als nachher einen Infarkt behandeln zu müssen.

Doch jetzt zeigt eine Studie, dass diese Strategie nicht unbedingt zur Lebensverlängerung taugt. Ein dänisches Forscherteam hat die Daten von knapp 13000 herzschwachen Senioren ausgewertet, von denen knapp 4000 täglich 75 mg ASS schluckten. Nach rund zwei Jahren präsentierte sich ihr Sterberisiko auf dem gleichen Niveau wie in der Aspirin-freien Kontrollgruppe. Dafür war ihre Herzinfarkt-Quote um 34 und die Zahl der Krankenhaustage um 25 Prozent höher, wobei Letztere vor allem durch eingeschränkte Nierenfunktionen zustande kamen. Das alles, so Studienleiter Christian Madelaire vom Gentofte Universitätshospital in Kopenhagen, nähre schon „die Zweifel am präventiven Nutzen von ASS“.

Gefahr: Bluthochdruck

Der dänische Kardiologe vermutet, dass ASS durch seine gerinnungshemmende Wirkung nicht nur den Blutfluss verbessert, sondern auch arteriosklerotische Ablagerungen, also die Plaques in den Gefäßen aufweicht. In der Folge können sich dort Brocken ablösen, die dann auf Wanderschaft gehen und sich schließlich an anderen Engstellen im Herz-Kreislauf-System festsetzen.

Außerdem blockiert Aspirin die Wirkung der ACE-Hemmer, die man gerade älteren Menschen zur Blutdrucksenkung verordnet. Die Senioren werden dadurch einem der größten Risikofaktoren für Infarkte und Schlaganfälle überhaupt ausgesetzt: dem Bluthochdruck. Denn der provoziert Schäden an den Gefäßen, die sich daraufhin – zwecks Wundversorgung und Schutz vor weiteren Schäden – mit kalkhaltigem Bindegewebe verstärken und immer enger und unelastischer werden. „Was nützt es, wenn ich einerseits die Fließeigenschaften des Blutes verbessere, doch ihm andererseits den Raum zum Durchfließen nehme?“, fragt John Cleland vom Imperial College in London.

Scharfen Kritiker von Aspirin

Der englische, weltweit renommierte Kardiologe ist mittlerweile einer der schärfsten Kritiker von Aspirin in der Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen: „Es ist ein gutes Beispiel für jene Schlamperei, wie sie durch Leute hervorgerufen wird, die voreilige Schlüsse ziehen, welche auf Wunschdenken und fehlerhafte Daten beruhen.“ Der voreilige Schluss im Hinblick auf ASS bestünde in der Vorstellung, wonach ein Gefäßverschluss stets durch eine Blutverklumpung verursacht wird, die man durch einen Gerinnungshemmer aufhalten kann. „Tatsächlich ist jedoch oft das Einbluten in eine Plaque der primäre Auslöser“, so Cleland. Und dagegen helfe kein Gerinnungshemmer. Im Gegenteil. Es wäre sogar denkbar, dass er das Einbluten und damit das Anschwellen der Plaque fördert.

Schlamperei im präventiven Einsatz

Die Schlamperei im präventiven Einsatz von Low-Dose-ASS besteht nach Clelands Auffassung darin, dass man ihn in erster Linie aus den Effekten hoch dosierten Aspirins abgeleitet habe, so wie es in der Behandlung von Schmerzen eingesetzt wird. Die tatsächliche Datenlage zum Herz-Kreislauf-Schutz durch die niedrig dosierte Variante sei hingegen spärlich. „Und wenn es diesen Effekt überhaupt geben sollte, wiegt er keinesfalls die Risiken des Mittels auf“, warnt Cleland.

Denn Low-Dose-ASS wird zwar weithin als risikoarm dargestellt, doch dafür schlucken es die Patienten ja über einen sehr langen Zeitraum, sodass sich am Ende doch wieder die typischen Nebenwirkungen entwickeln. So hat man am Universitätsspital in Zürich unter Patienten mit hartnäckigem und behandlungsbedürftigem Nasenbluten überdurchschnittlich viele Low-Dose-ASS-Anwender gefunden. Das Medikament, so die Schweizer Forscher, spiele bei diesem Leiden sogar eine ähnlich große Rolle wie Bluthochdruck.

Herz-Kreislauf-Ereignis

Weitaus dramatischer wird es jedoch, wenn die Blutungen im Magen- und Darmbereich auftreten. Was dann gerade für Patienten, die noch kein größeres Herz-Kreislauf-Ereignis hatten, die Frage aufwirft, ob ihnen dieses Mittel im Endeffekt überhaupt etwas nutzt. Doch diese Frage stellen sich, wie Cleland bemängelt, die Ärzte offenbar zu selten. Sie seien vielmehr „süchtig nach ASS“ und litten, so der englische Mediziner, am PAPA-DOC-Syndrom. Allerdings nicht wegen der väterlichen Gesinnung der betreffenden Ärzte. Der Begriff steht vielmehr für „Physicians Addicted to Presribing Aspirin – a Disorder of Cardiologists.“ Man kann davon ausgehen, dass er es nicht in den offiziellen Krankheiten-Katalog der Medizin schaffen wird.