Naturgärten sind im Kommen Wie Wildnis rund um das Haus die Artenvielfalt fördert

Von Klaus Sieg

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Ibbenbüren. Immer mehr Naturfreunde gestalten ihre Gärten als Zufluchtsorte für bedrohte Arten. Dafür schichten sie Bauschutt und Kalkschotter auf, legen Feuchtgebiete an und lassen Holz verfaulen. Das gefällt nicht immer den Nachbarn – dafür aber Faltern, Wildkräutern und Vögeln, die auf der Roten Liste stehen. Aber sind diese blühenden Archen wirklich ein wirksames Gegengewicht zu industrieller Landwirtschaft, Monokulturen und Flächenfraß?

Insektensterben. Dramatischer Rückgang der Arten. Frühling bald ohne Singvögel. Bereits in der Einfahrt zu Jürgen Schneiders Grundstück am Rande der westfälischen Noch-Bergbaustadt Ibbenbüren scheinen dem Besucher derartige Meldungen weltfremd. Vögel zwitschern in allen Tonlagen. Es summt und brummt wie auf einer Formel-1-Rennstrecke. In den Sandfugen zwischen den Platten aus Waschbeton blühen Felsennelke, Hasenklee, Natternkopf, Weinberglauch und unzählige andere einheimische Arten. Einen Teil der grauen Platten hat der 55-Jährige zudem entfernt, um auf dem darunterliegenden sandigen Boden noch mehr Raum für Blühpflanzen zu schaffen, die magere Standorte lieben. So wächst bereits auf den ersten Metern seines zweitausend Quadratmeter großen Grundstücks mehr Vielfalt als woanders in ganzen Regionen. Wie viele Pflanzenarten es sind? Jürgen Schneider bläst die Backen auf. „Das müsste sich so im vierstelligen Bereich bewegen.“ Der Hobbygärtner weiß alleine von 30 verschiedene Sorten Minze, 60 Sorten Thymian und 40 Wildrosensorten in seinem Garten. Ein Wunder wilder Natur, mitten in einer Wohnsiedlung mit akkurat gestutzten Hecken, sauber geharkten Bürgersteigen, gepflasterten Einfahrten, Kieswüsten und Geranien aus dem Baumarkt.


Vor zehn Jahren hat Jürgen Schneiders das 1961 gebaute Rotklinkerhaus von seiner Oma geerbt – und wusste schnell, was er daraus machen wollte: einen Garten, der nicht nur den Menschen erfreut, sondern der Natur dient. „Dieser Garten war eigentlich tot, ein typisches Produkt seiner Zeit, mit Rhododendren und anderen Zierpflanzen, von denen kaum ein Insekt oder Vogel etwas hat.“ Ein Jahr beobachtete er ihn. Wo gibt es auch im Sommer noch Schatten, wo im Winter Sonne? Wo sammelt sich das Wasser? Wie ist die Bodenqualität in den einzelnen Zonen des Gartens? Dann begann er eine Radikalkur, riss alte Pflanzen heraus, ließ Mutterboden abfahren und Kalkschotter aufschütten. Warum das? „Vielfalt braucht magere Böden und trockene Flächen.“ Die Erklärung dafür hat etwas mit der Konkurrenz der Pflanzen um Nährstoffe zu tun.

Nur die Starken überleben im Garten

Alle Pflanzen versuchen, sich dort anzusiedeln, wo sie diese am leichtesten bekommen. An den gut versorgten Plätzen ist der Kampf um die Vorherrschaft jedoch hart. Verlierer sind die zarten, langsam wachsenden Pflanzen. Sie entwickeln nur wenige Samen, keine Ableger oder bilden nur schwache Wurzeln aus. Ganz anders die sogenannten Stickstoffzeiger, wie etwa Löwenzahn oder der Krause Ampfer. Sie dominieren die satten, nährstoffreichen Standorte. Daran haben sich die bunten Blumen und zarten Pflanzen im Laufe der Evolution angepasst und sind in ihrer Vielfalt auf die schlechten Plätze ausgewichen. Dort wiederum bieten sie Nahrung und Lebensraum für unterschiedlichste Insekten und Kleintiere. „Diese Standorte gehören zu den bedrohtesten Ökosystemen überhaupt“, sagt Schneiders.

Immer mehr Tiere bedroht

Schuld sind die rasch voranschreitende Flächenversiegelung sowie die intensive landwirtschaftliche Nutzung, meist verbunden mit massivem Pestizideinsatz und Überdüngung. Die Folgen sind fatal. Zwar gibt es relativ wenige Langzeitstudien, wo man aber den Rückgang von Arten und Menge an Insekten quantitativ untersucht hat, sind die Zahlen mit bis 75 Prozent Rückgang seit der Nachkriegszeit dramatisch. „Auch die Zahl der in die Rote Liste gerutschten Insekten steigt permanent“, sagt der Münchner Zoologe Gerhard Haszprunar. Was das den Menschen angeht? Es geht um nicht weniger als seine pflanzliche Ernährungsgrundlage. „Längst nicht nur die Bienen sind Bestäuber, sondern fast alle Schmetterlingsarten, Schwebfliegen und Käfer“, so der Wissenschaftler weiter.

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Der eigene Garten bietet die Möglichkeit zu handeln. Das sieht nicht nur Jürgen Schneiders aus Ibbenbüren so. Zusammen mit 2500 anderen Menschen ist er Mitglied im Verein Naturgarten e.V. Der hat sich bereits vor 25 Jahren gegründet, lange bevor das Thema Insektensterben und Artenrückgang in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. In dem Verein organisieren sich Pioniere, die gegensteuern wollen. Selbst solche ohne Garten, wie zum Beispiel ein Balkongärtner aus München, der auf seinen sechs Quadratmetern 60 Insektenarten beobachten konnte. „Zählt man in München die Flächen aller Balkone zusammen, ergibt das immerhin fast fünf Hektar.“ Schneiders grinst.

Nicht alles Alte ist schlecht

Seine kleine Wildnis lässt einen faulen Gärtner vermuten. Das Gegenteil ist der Fall: Schneiders schafft Totholz, Bauschutt und andere Materialien heran. Er lässt mit Wasser aus der Regenrinne und einer Verrieselungsfläche aus Lehm und Kies ein Wechselfeuchtgebiet entstehen, wo der bedrohte Große Wiesenknopf wachsen kann, dessen blutrote Blüten Nahrung für zwei sehr seltene Schmetterlingsarten sowie verschiedene Bienen und Ameisen bieten. Nicht alles Alte reißt er heraus, manches lässt er sterben und verrotten. In dem toten Stumpf einer Zierkirsche, die noch seine Oma gepflanzt hatte, nisten jetzt Haubenmeisen. Unter dem Stumpf wachsen Baldrian und Sumpfhelmkraut.

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Abwarten und liegen lassen. Oder stehen. Wie zum Beispiel die Königskerze im dritten Jahr, wenn sie braun und trocken wird und die meisten Gärtner sie abschneiden. Genau dann bietet sie einen Nistplatz für bestimmte Wildbienenarten. „Mit den inzwischen weit verbreiteten Insektenhotels ist vielen Arten wenig geholfen“, sagt Schneiders. Sie brauchen Platz in verlassenen Schneckenhäusern, Uferbruchkanten, in Steinhaufen, morschem Holz oder eben in der vertrockneten Königskerze.

Brief vom Ordnungsamt

Alles das erfordert viel Wissen und Beschäftigung mit dem Thema. Der Lohn dafür? Wer kann in seinem eigenen Garten schon Falter beobachten, wie das in einigen Regionen bedrohte Gemeine Blutströpfen, das Waldvögelein oder das Taubenschwänzchen, das in Größe und Flugverhalten an einen Kolibri erinnert? Oder Nashornkäfer und Schachbrettfalter? Noch dazu Vögel, wie Heckenbraunellen, Wacholderdrosseln und manchmal sogar Seidenschwänze. „Viele meiner Besucher stehen auf der Roten Liste“, sagt Schneiders und winkt einem Nachbarn zu, der aus dem Fenster schaut. Am Anfang war die Nachbarschaft sehr irritiert darüber, was Schneiders im Garten seiner verstorbenen Oma trieb. Einmal gab es sogar einen Brief vom Ordnungsamt mit dem Hinweis, dass der Gehweg unbedingt sauber zu halten sei. „Da hatte wohl einer bei denen angerufen.“ Mittlerweile hat sich die Stimmung gewandelt. Vor allem die direkten Nachbarn zeigen großes Interesse. Manche fragen um Rat, was sie wo am besten pflanzen können. Oder sie freuen sich, dass Jürgen Schneiders Bienenvölker, die er seit Kurzem hält, ihre Obstbäume befruchten. Das wiederum freut Jürgen Schneiders – nach all der anfänglichen Skepsis und Ablehnung.

Unverständnis bei den Nachbarn

Auch Markus Gastl stieß zunächst auf großes Unverständnis. Als er sein Grundstück im fränkischen Dorf Beyerberg vor zehn Jahren übernahm, ließ er zunächst die gesamte Humusschicht abtragen. 35 Lkw-Ladungen besten Wiesenhumus. „Die Schicht war zwanzig bis dreißig Zentimeter dick, den Humus habe ich einfach verschenkt.“ Gastls Augen funkeln herausfordernd. „Die Nachbarn dachten wohl: Jetzt ist der total verrückt geworden.“ Die Grünfutterwiese hinter Gastls Haus galt schließlich als eine der besten im Dorf. Doch plötzlich sah sie aus wie ein Recyclinghof für Baustoffe. Anstelle des Humus hatte Gastl 250 Tonnen Kalkschotter, 24 Lkw historischen Bauschutt, unter anderem eine komplette abgerissene Scheune, und 12 Lkw Sand auf das 6000-Quadratmeter-Grundstück fahren lassen. Monatelang hat er Ziegel oder Kalksteine zertrümmert, aufgeschichtet, angeordnet, hat Drainagen und Tümpel gebaut und so Unterschlupfplätze und Nistmöglichkeiten geschaffen.

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Markus Gastl versucht eine möglichst breite Palette Lebensräume und Nahrung anzubieten. Insekten benötigen auf engstem Raum und in einem kleinen Zeitfenster unterschiedlichste Bedingungen. Der Marienkäfer überwintert in Holzspalten und muss im Frühjahr Blattläuse vorfinden. „Die gibt es nicht, wo alles totgespritzt ist.“ Derartige Beispiele sprudeln aus Gastl, der schon als kleiner Junge Stunden vor einem Ameisenhaufen sitzen konnte, nur so heraus: Das Weibchen des Hopfenwurzelbohrers braucht eine ungemähte Wiese, um dort ihre Eier abzuwerfen. Die schwarz-gelb gestreifte Wollbiene ernährt sich von dem Nektar der gelb blühenden Felsenfetthenne oder des dickblättrigen Hauswurzes. Um ihr Nest in Steinschlitzen zu bauen, schabt sie aber die wolligen Fasern der Königskerze ab. Alle diese Parameter müssen auf vielleicht zwanzig Quadratmetern stimmen, da die maximale Flugstrecke der Wollbiene nicht länger als fünfzig Meter ist. „Fehlt nur einer der Parameter, hat das Tier keine Chance.“

Leuchtende Augen

Gastl zieht seine graue Wolljacke um die schmalen Schultern und stapft in den Garten. Unter seinen ausgetretenen Schuhen knirschen Steine, Sand und Ziegelbrocken. Weit kommt er nicht. Zu faszinierend sind die kreisrunden Löcher, die die Blattschneiderbiene in die Blätter des Hartriegelstrauches geschnitten hat. Gastl fährt die Rundung mit dem Zeigefinger ab. Unter seinen Fingernägeln klebt schwarze Erde. Das Insekt fliegt mit den Blattstückchen zu einer Höhlung in Stein oder Totholz, rollt und faltet kleine Tüten, die als Nektardepot und als Unterkunft für ihren Nachwuchs dienen. Mit einem Deckel aus Blattmaterial verschließt sie die Tüten. „Dies alles geschieht blitzschnell und ist für einen oberflächlichen Betrachter kaum zu erkennen.“ Die Augen von Gastl leuchten.

Dann wird er ernst: „Wenn alle auf der Welt so wie wir in Zentraleuropa leben, bräuchte die Menschheit fast fünf Mal den Planeten Erde.“ Gastl weiß, dass er nur eine Insel geschaffen hat, in der er immer wieder regulierend eingreifen muss. In seinem Drei-Zonen- Garten gibt es außen eine Pufferzone aus dichtem Buschwerk und Gehölz. So schützt er seinen Garten vor Emissionen von Ackerstaub voller Pestizid und Dünger. In der zweiten Zone wächst blühende Vielfalt auf mageren Böden. Die dritte Zone versorgt mit Gemüse und Obst den Selbstversorger. Gastl hat über seine Idee des Drei-Zonen-Gartens ein erfolgreiches Buch geschrieben.

Auch hat er das Hortus Netzwerk gegründet, in dem 120 Naturgartenaktivisten organisiert sind, selbst aus Österreich, der Schweiz und aus Frankreich. Und es kommen immer mehr Besucher zu seinen Führungen durch den ‚Hortus Insectorum‘ sowie in den zweiten Garten, den er einige Kilometer weiter auf dem ehemaligen Gelände eines Rosenzüchters angelegt hat. „Die Besucher sind alle immer sehr erstaunt, dass es in Deutschland alleine 175 verschiedene Tagfalterarten gibt.“ Und sie werden immer offener für das Thema. „Die Leute hängen ja im Winter ihren Maisenknödel heraus und merken, dass keine Vögel mehr kommen.“

In den Gärten der Schneiders und Gastls blühen also viele kleine Archen. Aber wird das unsere Vielfalt retten? Oder sind die Mühen dieser Aktivisten mit dem Grünen Daumen nur der vielbemühte Tropfen auf dem heißen Stein? Markus Gastl musste in den letzten Jahren bemerken, dass selbst in seinem Paradies der Ausgestossenen, Zahl und Arten an Insekten zurück gehen. „Ich halte hier nicht auf, was draußen passiert.“

Das überrascht den Münchner Wissenschaftler Gerhard Haszpruna nicht: „Die Fläche der Gärten in Deutschland ist sehr klein im Vergleich zur landwirtschaftlich genutzten.“ Nicht zu unterschätzen aber sei die mit den naturnahen Gärten verbundene Sensibilisierung. „Die Menschen schätzen und schützten nur das, was sie auch kennen.“ Und das kann eine Menge sein, wie der Besuch in den naturnahen Gärten der etwas verrückten Retter zeigt.


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