Unternehmen bieten Tests an Was bringt DNA-Ahnenforschung im Internet?

Von Jörg Zittlau

Eine kleine Probe DNA soll Aufschluss über die Herkunft der Vorfahren geben. Foto: dpaEine kleine Probe DNA soll Aufschluss über die Herkunft der Vorfahren geben. Foto: dpa

Osnabrück. Genetische Ahnenforschung ist im Trend: Doch Wissenschaftler bezweifeln ihre Aussagekraft und Datensicherheit

Sie wandern gerne und lieben die Berge? Vielleicht war ja tatsächlich Ötzi unter Ihren Vorfahren. Sie reisen gerne und ziehen oft um? Durchaus möglich, dass genetisch ein Roma in Ihnen steckt. Sie haben Augen wie ein Luchs? Dann haben sie vielleicht Vorfahren unter den Hadza, dem legendären Jägervolk aus Tansania. Wer Näheres zu den Ursprüngen seines Körpers und Verhaltens erfahren will, kann jetzt seine Speichelprobe an private DNA-Analyse-Labors schicken, die ihm ein genetisches Ahnengutachten ausstellen. Doch Experten warnen, dass man diese Befunde nicht überschätzen sollte. Und möglicherweise kommt ja dabei sogar etwas heraus, was man nicht haben wollte.

Tests an Labor schicken

Es geht schneller als Zähneputzen: Man kratzt mit einem Plastikbürstchen etwas Schleim von der Innenseite der Wange und schickt es dann ins Labor. Beispielsweise zum weltweiten Marktführer „23andMe“, oder „MyHeritage“, dessen Homepage das Aufspüren von Verwandten verspricht, „von deren Existenz Sie bisher nichts wussten“. Beim Schweizer Unternehmen „Igenea“ kann man für 1279 Euro sogar ein „Expert“-Paket buchen, in dem „710.000 SNPs (Einzelnukleotid-Polymorphismen)“ getestet werden.

Nur die wenigsten Kunden werden wissen, dass es sich dabei um die Varianten eines Basenpaares im DNA-Strang handelt, aber die Zahl allein klingt schon beeindruckend. Nicht umsonst ist „Igenea“ zum europäischen Branchenprimus unter den Labors für genetische Ahnenforschung aufgestiegen, mit rund 3000 verkauften DNA-Tests pro Jahr.

Erbut von Tutenachamun?

Nach sechs bis zehn Wochen erhält schließlich der Kunde sein Ergebnis. Detaillierte Tabellen und farbige Graphiken zeigen ihm beispielsweise, dass er zu über 50 Prozent ein Osteuropäer ist. Oder aber, dass er - trotz seiner jüngeren Vergangenheit als Ministrant – eher von den jüdischen Aschkenasen abstammt. Die Anbieter berufen sich bei solchen Analysen auf die immer umfangreicheren genetischen Datenbanken, die zudem immer mehr Material aus alten bis sehr alten Epochen umfassen.

Dazu zählt beispielsweise das Erbgut von Tutenchamun, der vor über 3000 Jahren in Ägypten herrschte und nach seinem Tod einbalsamiert wurde. Von dieser legendären Figur stammen laut „Igenea“ rund 45 Prozent aller Deutschen ab, und in Spanien sollen es sogar 70 bis 80 Prozent sein. Von den britischen Männern stammen hingegen, wie ein englisches DNA-Analyse-Institut berechnet haben will, eine Million von den römischen Legionen ab, die dereinst von Kontinentaleuropa auf die Insel übersetzten. Unter dieser Million dürften auch einige Brexit-Anhänger sein.

Zweifel an Aussagekraft

Allerdings fordern gerade solche Zuordnungen auch die Kritik von Wissenschaftlern heraus. „Wir müssen nicht 3500 Jahre zurückgehen, um jemanden zu finden, der unser gemeinsamer Vorfahre ist“, betont Mark Thomas vom University College of London. Denn der Mensch erbe verschiedene Abschnitte der DNA von verschiedenen Ahnen, und deren Anzahl verdopple sich fast mit jeder Generation.

Was wiederum bedeutet, dass wir mehr Vorfahren als DNA-Abschnitte haben. „Außerdem hat sich der Mensch schon immer gerne auf Wanderung begeben und mindestens genauso gerne Fortpflanzung betrieben“, so der englische Evolutionsgenetiker. Mit der Folge, dass wir in früheren Epochen immer irgendwo irgendjemanden finden werden, der unser Vorfahr ist.

Herkunft schwer zu benennen

„Fast jeder Brite dürfte ein Abkömmling römischer Legionen sein“, erläutert Thomas. „Aber genauso dürfte jeder von ihnen ein Nachfahre von Wikingern, Kelten, Angelsachsen, Arabern, Juden, Goten, Vandalen oder irgendeiner anderen ethnischen Gruppe sein, die sich in den letzten Jahrtausenden in Europa oder dessen Nähe aufgehalten hat.“ Ganz zu schweigen davon, dass solche Gruppen nur schwer zu definieren sind. So verortet „Igenea“ die Herkunft seiner Kunden auch schon mal bei den Germanen, obwohl Historiker diesen Begriff schon länger ablehnen, weil er lediglich - ohne wissenschaftlichen Anspruch - von den antiken Griechen und Römern erfunden wurde. Ganz zu schweigen davon, dass Prozent- und Geographieangaben nach dem Muster „zu über 30 Prozent französischer Baske“ unmöglich so präzise aus dem Erbgut herauszulesen sind: Kein Gen hat eine Flagge, aus der man seine Nationalität ableiten kann.

Datenschutz-Bedenken

Für den Evolutionsgenetiker Thomas steht daher fest: Die Ahnenforschung per DNA-Analyse erinnere in den meisten Fällen weniger an Wissenschaft als an „genetische Astrologie“. Sein Forscherkollege Sheldon Krimsky von der Tufts-University in Boston sieht zudem große datenschutzrechtliche Probleme. Denn seiner Schätzung macht rund die Hälfte der kommerziellen DNA-Analyse-Institute ihr Geld nicht nur mit den Tests. „Sie verkaufen die dabei gewonnenen Daten und Speichelproben auch an andere Unternehmen“, warnt der US-amerikanische Bioethiker. Unter den Abnehmern seien beispielsweise Pharma-Betriebe, die leichter „passgenaue“, also effektive Medikamente für bestimmte Regionen oder ethnische Gruppierungen entwickeln können, wenn sie mehr über das Erbgut ihrer Patienten wissen.

„Fragen, für die man nicht bereit ist“

Prinzipiell ist aber auch vorstellbar, dass rassistische Organisationen durch die DNA-Analysen in Erfahrung bringen, in welcher Gegend besonders viele jüdische Gene vorkommen. Womit man bei den unerwünschten Ergebnissen der genbasierten Ahnenforschung ist. Manchmal bieten sie Anlass zur Häme, wie etwa im Fall des berüchtigten US-Neonazis Craig Cobb, der für ein reines „White America“ eintritt. Er wurde in einer Talkshow darüber belehrt, dass er zu 14 Prozent ein „Sub-Sahara-Afrikaner“ sei. Doch was ist, wenn man über den Gen-Test erstmalig erfährt, dass man einen Halbruder hat? Einige DNA-Labors bieten an, dass man mehr über die Menschen erfährt, mit denen man genetisch sehr viel gemeinsam hat, und dann kann man - sofern die Erlaubnis vorliegt - mit ihnen in Kontakt treten. „Das klingt auf den ersten Blick harmlos und unterhaltsam“, warnt Krimsky. „Aber es kann auch Fragen aufwerfen, für die man nicht bereit ist.“