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„Wildwuchs bei Datenspeicherung“ Verbraucherschützer: Autobauer könnten Unfallbeweise vernichten

Von Waltraud Messmann

Chance oder Risiko? Drückt ein Fahrer im Auto den Notrufknopf, sieht der Sanitäter dessen Standort. Doch laut Experten könnte auch das neue Notrufsystem eCall anfällig für Missbrauchsversuche sein. Foto: dpaChance oder Risiko? Drückt ein Fahrer im Auto den Notrufknopf, sieht der Sanitäter dessen Standort. Doch laut Experten könnte auch das neue Notrufsystem eCall anfällig für Missbrauchsversuche sein. Foto: dpa

Osnabrück. Der Verbraucherzentralen Bundesverband (vzbv) wirft Autoherstellern vor, alles an Fahrzeugdaten zu sammeln, was nur möglich sei. Beim Zugang und bei der Speicherung der Daten herrsche derzeit „absoluter Wildwuchs“, kritisiert Marion Jungbluth, Leiterin Mobilität und Reisen beim vzbv.

Die Bundesregierung fordert sie auf, zügig in einer Verordnung festzulegen, welche Daten in der Blackbox wo gespeichert und wie diese im Falle eines Unfalls herausgegeben würden. „Es muss absolut ausgeschlossen sein, dass der Hersteller zwischendurch die Möglichkeit hatte, bestimmte Daten zu manipulieren“, sagte die Expertin. Die Automobilindustrie habe durch die Abgasmanipulation, die die erste jedenfalls bekannt gewordene Manipulation durch Software gewesen sei, sehr stark an Vertrauen eingebüßt, ergänzt Jungbluth. Sie sprach sich auch deshalb dafür aus, einen Großteil der Daten im Auto zu speichern, sodass ein Verbraucher ohne den Umweg über den Hersteller an sie herankomme. Auch der Zugriff von außen müsse durch eine funktionierende Datensicherheitsarchitektur verhindert werden.

Alternativ hält die Verbraucherschützerin auch die Einrichtung von neutralen Stellen, sogenannten „Trust Agenten“, zur Speicherung und Weiterverteilung der Daten für denkbar. „Die schlechteste aller denkbaren Lösungen ist es aber sicherlich, alle Daten bei den Herstellern zu speichern und von dort zu verteilen“, betont die Expertin.

Gewährleistungsfall

In der Folge der zunehmenden Automatisierung und Vernetzung der Fahrzeuge werde die Datennutzung in Zukunft noch massiv zunehmen, ergänzt Jungbluth. Dies stelle den Verbraucher unter anderem vor die Frage, ob er zum Beispiel im Gewährleistungsfall noch beweisen könne, dass das Auto fehlerhaft war, oder ob der Hersteller auch dort Manipulationsmöglichkeiten habe. Eine große Rolle werde in Zukunft auch der Umstand spielen, ob das Auto automatisiert unterwegs gewesen sei oder der Fahrer noch die Lenkung innehatte. Für Verbraucher sei es aber schon heute nicht mehr nachvollziehbar, was das Auto speichere und was damit gemacht werde.

Auch Heinz Albert Stumpen, Experte für Verkehrswissenschaft & Verkehrsmanagement an der Deutschen Hochschule der Polizei, kritisiert im Gespräch mit unserer Redaktion: „Die Transparenz, welche Daten an wen übertragen werden, lässt sehr zu wünschen übrig.“Fahrzeughersteller und weitere Dienstleister müssten Käufer bei Vertragsabschluss in dokumentierter Form umfassend und verständlich informieren, welche Daten generiert und verarbeitet werden sowie welche Daten auf welchen Wegen und zu welchen Zwecken übermittelt werden.

Gefahren bei eCall

Stumpen hält es zwar für unwahrscheinlich, dass Hersteller den Datenzugriff für Verschleierungen missbrauchen könnten. „Aber theoretisch wäre es wohl denkbar“, meint der Experte. „Auch durch den für das europäische Notrufsystem eCall notwendigen Fernzugriff auf Fahrzeugdaten könnten Hersteller Löschungsmöglichkeiten durch den Einbau entsprechender Software vorsehen und im Falle eines Unfalles auch hiervon Gebrauch machen.“ Wenn Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichte aber über bestimmte Daten nicht mehr verfügen könnten, fehle ihnen wichtiges Beweismaterial.

Beweissicherung

„Die Beweissicherung und Spurensuche am Unfallort werden durch die zahlreichen heutzutage verbauten Fahrerassistenzsysteme ohnehin immer schwieriger“, so Stumpen. Aufgrund technischer Weiterentwicklung wie Antiblockiersystemen (ABS) seien zum Beispiel Brems- oder Blockierspuren nur noch selten zu finden. Ähnlich wirkten sich Elektronische Stabilitätsprogramme (ESP) auf Drift- und Schleuderspuren am Unfallort aus. „Für die Beweisführung bedeutet dies, dass unfallursächliche Fahrmanöver häufig nur noch durch das Auslesen und die Interpretation der gespeicherten Daten nachvollzogen werden können“, betont Stumpen.

Den Gesetzgeber fordert er auf, die Fahrzeughersteller zu verpflichten, unfallrelevante Daten zu speichern und für Ermittlungsbehörden verfügbar zu machen. Vorbild sollte seiner Ansicht nach die Gesetzgebung in Nordamerika sein. Dort finde regelmäßig in allen Fahrzeugen, die für den US-amerikanischen Markt zugelassen seien, bei einem Unfall eine Speicherung von festgeschriebenen Einzeldaten statt. Dazu gehörten zum Beispiel die gefahrene Geschwindigkeit, für die Zeit von fünf Sekunden vor und etwa eine halbe Sekunde nach dem Unfall.